Auf der Weltbühne gilt immer mehr das Recht des Stärkeren.Vielen Menschen bereiten Vorkommnisse wie der Angriff der USA auf Venezuela Sorgen. Ist das auch in Ihren Betrieben spürbar?
Falkinger: Durch die Polarisierung der Gesellschaft wird weniger über außenpolitische Themen gesprochen. Internationale Konflikte sind kompliziert. Als Mitarbeiter:in weißt du nicht, wie dein Gegenüber dazu steht. Dann redest du besser gar nicht darüber. Als Betriebsrat gehen wir die Tätigkeit sehr faktenorientiert an, und das kommt gut an, die Leute wollen nicht im Betrieb auch noch mit großen Emotionen konfrontiert werden.
Breiner: In meinem Betrieb sind um die 35 Nationalitäten, da sind internationale Vorgänge schon Thema. Und ich befürchte, dass die österreichischen Kolleg:innen politisch immer weiter nach rechts rücken und ihre Informationen immer weniger aus gesicherten Quellen beziehen. Kolleg:innen aus Afghanistan und Syrien sehen hingegen, was Extremismus und Polarisierung machen. Das haben sie in ihrem Land erlebt. Die fragen sich: Wissen denn die FPÖ-Wähler:innen nicht, was passieren wird, wenn die an der Macht sind? Dass diese Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit auch jederzeit sie selbst treffen kann?
Polaschek: Für uns als Universität und Forschungsinstitution ist der internationale Austausch eine Selbstverständlichkeit. Wie bei Judith Falkinger gibt es im Betrieb aber keine allzu großen politischen Diskussionen, eher anlassbezogen. Für uns war in der Hinsicht natürlich die Aufnahme von Forscher:innen aus den USA relevant, für die das Wissenschaftsministerium den Weg geebnet hat.
Hiesige Forscher:innen befürchteten aber auch, dass das den Druck in der Branche weiter erhöhen könnte.
Polaschek: Wir haben einige Wissenschafter:innen aufgenommen, Schwerpunkt ist aber eher der Nachwuchsbereich. Die Art von Spitzenforschung, die in den USA gemacht wird, kann hier nicht einfach nahtlos weitergeführt werden. Man muss sich vorstellen: Allein die Elite-Universität Harvard hat jährlich mehr Budget zur Verfügung als alle Universitäten in Österreich zusammen. Österreich betreibt auch Spitzenforschung, aber mit ganz anderen – finanziellen – Möglichkeiten.

Wie kann die EU internationalen Zerwürfnissen standhalten?
Polaschek: Für unsere Belegschaft ist der Blick nach außen betriebsrelevant. Der Brexit war ein Riesenschock, man konnte Studierende im Erasmus-Programm auf einmal nicht mehr nach Großbritannien schicken und auch keine von dort aufnehmen. Da wurden Netzwerke zerstört. Das haben wir im Betrieb unmittelbar gespürt.
Was mir Hoffnung macht, sind die jüngeren Leute, die bestimmte Standards als selbstverständlich betrachten – im positiven Sinne. Durch sie wird diese europäische gemeinschaftliche Idee nicht so schnell über Bord geworfen. Für die Jungen ist es ganz normal, dass man durch ganz Europa fährt und überall arbeiten, studieren und leben kann. Wir müssen die Jungen noch mehr einbeziehen, etwa auch in den Parteien. Die reden mit einer Lockerheit über Dinge, die früher ein absolutes Tabu waren. Das ist für mich ein Hoffnungsfunke.
Falkinger: Schon rein rechnerisch ist es wichtig, dass wir ein starkes und gemeinsames Europa haben. Gegen Länder wie China, Russland oder die USA hätte Österreich ökonomisch oder politisch als kleines Land keine Chance. Wir brauchen das gemeinsame Bündnis.
Das zeigt sich auch, wenn man an Regulierungen wie die europäische KI-Verordnung denkt. Wie viel KI brauchen Ihre Betriebe – und wie viel Kontrolle braucht die KI?
Polaschek: Wir beschäftigen uns als Betriebsrat intensiv damit. Stichwort Daten: In welcher Cloud werden sie gespeichert? Was passiert mit Forschungsdaten, die dann auf Servern in den USA liegen? Wie viele Betriebsgeheimnisse gibt man preis, wenn man eine KI mit Daten füttert? Dann natürlich die Frage des Urheberrechts. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz zieht einen Rattenschwanz an Überlegungen nach sich.
Falkinger: Ich bin froh, dass wir uns bei der Statistik Austria in Sachen Datensicherheit schnell auf restriktive Regelungen geeinigt haben. Daten von Mitarbeiter:innen kommen gar nicht in die KI, schon gar nicht in eine offene. Wir verwalten viele Daten von Personen, von Unternehmen, mit denen wir arbeiten dürfen, die kommen auch nicht in die KI.
Bezüglich Cloud und Datenspeicherung muss es bei der Statistik Austria vermutlich eine europäische Lösung sein?
Falkinger: Ja, das ist ganz klar. Aktuell hosten wir unsere eigenen Server mit allen Daten. Unsere Backups liegen in einem Bergwerk in Österreich. Da ist nichts auf internationalen Servern und noch nichts an Daten in der Cloud. Weil sich die Technik so schnell entwickelt, muss auch der Betriebsrat über diese Dinge jetzt viel mehr nachdenken.
Polaschek: Wir setzen auch auf Inhouse-Lösungen. Wir haben nach wie vor eigene Server für manche Bereiche, eine eigene Cloud und sogar eine eigene KI zum Forschen. Aber wir haben uns als Betrieb Microsoft-Produkten verschrieben, und Microsoft baut überall KI ein. Das war bei unseren Betriebsvereinbarungen ein großes Problem, weil wir ja beurteilen mussten, was wir verwenden können und was nicht.
Falkinger: Europa müsste diese Infrastrukturen selbst aufbauen, damit wir als Unternehmen, insbesondere als staatliche Institution, nicht auf US-amerikanische Produkte angewiesen sind. Die Unsicherheit, die das mit sich bringt, ist jetzt deutlich geworden. Da hat Europa technologisch noch keine wirklichen Alternativen zu bieten.
