Wie Österreichs Betriebsrät:innen in die Zukunft sehen

Drei Betriebsrät:innen sprechen über die Herausforderungen der Zukunft.
Mittendrin: Die Betriebsrät:innen Dietmar Breiner, Judith Falkinger und Marion Polaschek (v.l.n.r) wissen, was ihre Belegschaft bewegt. | © Markus Zahradnik

Inhalt

  1. Seite 1 - „Viele Mitarbeiter:innen können sich de facto keine Restaurantbesuche mehr leisten“
  2. Seite 2 - „Wir müssen wieder mehr zu faktenbasierten Diskussionen zurückkommen“
  3. Seite 3 - „ Schon rein rechnerisch ist es wichtig, dass wir ein starkes und gemeinsames Europa haben.“
  4. Seite 4 - „Die jungen Menschen machen mir Hoffnung.“
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Geopolitik, Klimawandel, Digitalisierung: Was Betriebsrät:innen und ihre Belegschaft derzeit bewegt, hat Arbeit&Wirtschaft im großen Interview mit drei Belegschaftsvertreter:innen erfahren.
Treffen sich ein Schlosser, eine Statistikerin und eine Biologin in der ÖGB-Zentrale: Was wie der Anfang eines Witzes klingt, ist die Ausgangssituation für ein ernstes und aufrichtiges Gespräch gewesen. Dietmar Breiner, Judith Falkinger und Marion Polaschek sind überzeugte Betriebsrät:innen mit langjähriger Erfahrung. Breiner ist beim Unternehmen Ardo Austria Frost in Niederösterreich beschäftigt, das Tiefkühllebensmittel herstellt, Falkinger ist bei der Statistik Austria und Polaschek an der Universität Wien tätig. Was die drei und ihre Belegschaft umtreibt, geht aber über die Grenzen des Betriebs und auch Österreichs hinaus.

Arbeit & Wirtschaft: Die Prognosen zeigen eine leichte wirtschaftliche Verbesserung für Österreich. Was bräuchte es aus Ihrer Sicht jeweils, damit es für das Land weiter bergauf geht?

Judith Falkinger: Wir brauchen eine Preisregulierung für relevante Güter. Die Inflation ist für Beschäftigte noch immer ein Riesenthema. Lebensmittel, Energie, Mieten: Da passiert zwar schon etwas, aber das sind noch immer die großen Inflationstreiber. Viele Mitarbeiter:innen können sich de facto keine Restaurantbesuche mehr leisten. Und auch das ist ein Indikator, der anzeigt, dass es jemandem wirtschaftlich schlecht geht.

Dietmar Breiner: Energie ist bei uns ein Riesenthema, auch im Unternehmen. Wir verbrauchen für die Kühlung der Lebensmittel sehr viel Energie, und die ist derzeit einfach zu teuer. Genauso das tägliche Leben: Mein Betrieb produziert für den Handel, und wir sehen, dass der im großen Stil abkassiert. Die Erzeuger:innen verdienen fast nichts mehr. Und dann der Österreich-Zuschlag: Wir produzieren auch für andere EU-Länder Nahrungsmittel, und dort kann man die Produkte billiger verkaufen als im Inland. Den Zuschlag gab es schon immer, aber jetzt ist er viel spürbarer.

Marion Polaschek: Ich finde es bei allen Schwierigkeiten auch wichtig, dass man mehr positive Perspektiven in die Gesellschaft bringt. Die Leute sind verunsichert. Sie trauen sich auch eher weniger zu machen, zu konsumieren, zu reisen, und das hemmt wiederum die Wirtschaft. Da wird die Botschaft von 1 Prozent mehr Wirtschaftswachstum psychologisch wenig bewirken.

Judith Falkinger studierte Soziologie und Anglistik und war lange als Projektleiterin im Bereich Marktforschung und Statistik tätig. Seit 2020 ist sie Betriebsratschefin in der Statistik Austria.
Judith Falkinger studierte Soziologie und Anglistik und war lange als Projektleiterin im Bereich Marktforschung und Statistik tätig. Seit 2020 ist sie Betriebsratschefin in der Statistik Austria. | © Markus Zahradnik

Stichwort Kommunikation: In der Herbstlohnrunde waren Kompromisse notwendig. Wie geht man als Betriebsrat damit um?

Falkinger: Die wirtschaftliche Lage ist, wie sie ist, und es wird auch dauern, bis sie sich wieder einrenkt. Der Kernpunkt ist aber: Man muss kommunizieren, und zwar so, dass die Leute es verstehen – das gilt für den Betriebsrat, die Gewerkschaft und auch die Bundesregierung.

Polaschek: Ich komme aus einem Betrieb, der an sich sehr konservativ ist. Da wird oft paternalistisch kommuniziert. Aber genau das kommt ganz schlecht bei den Leuten an, wenn man ihnen zu verstehen gibt: Ihr müsst da gar nicht drüber nachdenken – wir machen das schon.

Das Thema Klimaschutz droht zugunsten des Wirtschaftswachstums unter die Räder zu kommen. Herr Breiner, Ardo Austria Frost ist in der Landwirtschaft tätig. Welche Rolle spielt der Klimawandel in Ihrem Betrieb?

Breiner: Wasser ist ein großes Thema geworden, das merken wir. In Österreich haben wir da aber auch ein Riesenglück: Wir beziehen das Gemüse und Obst aus dem Marchfeld, wir bewirtschaften in Zusammenarbeit mit Hunderten Landwirt:innen über 3.000 Hektar. Und der Konzern kann bis zu 100 Prozent dieser Flächen bewässern. Nur, wie lange wird das noch gehen? Durch andere Anbauverfahren und Sorten brauchen wir heute nicht einmal mehr ein Drittel der Wassermenge, die wir früher gebraucht haben. Also wir haben schon viel eingespart.

Polaschek: Der Klimawandel ist kein Nischenthema, er betrifft uns alle. Denken wir an die Überschwemmungskatastrophe von 2024 – so etwas kann jederzeit wieder kommen.

Falkinger: Und dann gibt es auch noch die finanzielle Seite: Wenn wir die Klimaziele nicht erreichen, dann zahlen wir für die Folgen der Erderwärmung und dazu noch Strafen in Milliardenhöhe.

Frau Polaschek, der Bereich Bildung ist einer der wenigen, in die investiert wird. Ist das ausreichend?

Polaschek: Bildung darf man nicht isoliert auf einer Ebene betrachten. Es handelt sich um eine Biografie: Sie beginnt mit der Elementarpädagogik und endet – bei manchen – in der tertiären Bildung. An den Universitäten bemerken wir zunehmend Lücken bei den Kompetenzen der Studierenden – etwa fehlende Grundlagen wie Prozentrechnen, und das trotz Matura.

Eine zusätzliche Forschungsmilliarde ist erfreulich für die Universitäten, aber wenn das Bildungssystem nicht als Ganzes gestärkt wird, leidet jeder einzelne Teil darunter. Ich wünsche mir, dass man sich bei jeder politischen Maßnahme überlegt, ob sie auch eine Bildungsmaßnahme nach sich ziehen muss. Wenn die Regierung neue Schwerpunkte bei Kompetenzen festlegt, dann müssen oft auch Curricula an den Universitäten geändert werden. Das ist nicht kostenneutral, aber die Finanzierung wird meistens nicht mitgedacht.

Dietmar Breiner ist Vorsitzender des Arbeiter:innenbetriebsrats bei Ardo Austria Frost in Groß-Enzersdorf. Dietmar Breiner ist Vorsitzender des Arbeiter:innenbetriebsrats bei Ardo Austria Frost in Groß-Enzersdorf. Der gelernte Schlosser ist zudem Kammerrat in der Arbeiterkammer Niederösterreich.
Dietmar Breiner ist Vorsitzender des Arbeiter:innenbetriebsrats bei Ardo Austria Frost in Groß-Enzersdorf. Der gelernte Schlosser ist zudem Kammerrat in der Arbeiterkammer Niederösterreich. | © Markus Zahradnik

Falkinger: Als meine Kinder ins Gymnasium gekommen sind, hat mich schockiert, dass sich die letzten 35 Jahre nichts verändert hat. Ich mache gerade die Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin. Wir lernen dort moderne Methoden, wie wir Betriebsrät:innen mit den besten Tools schulen. Es wundert mich, dass die Erwachsenenbildung moderner aufgestellt ist als die öffentlichen Schulen.

Breiner: Viele Menschen glauben, dass in Österreich jede:r alles werden kann, aber das ist nicht der Fall. Das fängt eigentlich schon im Kindergarten an, wo manche Kinder bessere Chancen haben als andere. In der Arbeiter:innenfamilie müssen die Eltern arbeiten gehen und haben weniger Zeit, die Kinder schulisch zu fördern. Darum sind Ganztagsschulen so wichtig – für echte Chancengleichheit.

Frau Falkinger, welche Rolle spielt eine unabhängige Statistikanstalt für die Demokratie?

Falkinger: Eine ganz wesentliche. Deshalb sehe ich es mit Sorge, dass bei der Statistik Austria die Finanzierung nicht gesichert ist. Wir haben die vergangenen 20 Jahre fast keine finanzielle Budgeterhöhung bekommen – bei gleichbleibenden bzw. mehr Aufgaben und höheren Personalkosten. Wir sind die Institution, die eine verlässliche Datenbasis für den Staat, für jede politische Entscheidung produziert. Und belastbare Zahlen müssen die Basis sein, um Politik zu machen und um gesellschaftliche Diskussionen zu führen.

US-Präsident Trump entließ die Chefin des US-amerikanischen Amtes für Arbeitsmarktstatistik, weil ihm dessen Zahlen nicht passten. Der Kommunikationsberater Thomas Hofer spricht von einer „Emokratie“: Emotionen stechen die Fakten. Sehen Sie eine solche Entwicklung in Österreich?

Falkinger: Definitiv, sonst wäre eine FPÖ-Wählerschaft in diesem Ausmaß gar nicht möglich. Gerade wenn die Fakten der eigenen Wahrnehmung oder den eigenen Idealen widersprechen, ist es natürlich angenehmer, auf Basis der eigenen Emotionen zu agieren. Wir müssen wieder mehr zu faktenbasierten Diskussionen zurückkommen.

Breiner: Und es hängt mit den Supermächten zusammen, sie machen vor, was derzeit zählt: Trump lügt schamlos und bleibt trotzdem Präsident. So etwas war früher nicht möglich.

Auf der Weltbühne gilt immer mehr das Recht des Stärkeren.Vielen Menschen bereiten Vorkommnisse wie der Angriff der USA auf Venezuela Sorgen. Ist das auch in Ihren Betrieben spürbar?

Falkinger: Durch die Polarisierung der Gesellschaft wird weniger über außenpolitische Themen gesprochen. Internationale Konflikte sind kompliziert. Als Mitarbeiter:in weißt du nicht, wie dein Gegenüber dazu steht. Dann redest du besser gar nicht darüber. Als Betriebsrat gehen wir die Tätigkeit sehr faktenorientiert an, und das kommt gut an, die Leute wollen nicht im Betrieb auch noch mit großen Emotionen konfrontiert werden.

Breiner: In meinem Betrieb sind um die 35 Nationalitäten, da sind internationale Vorgänge schon Thema. Und ich befürchte, dass die österreichischen Kolleg:innen politisch immer weiter nach rechts rücken und ihre Informationen immer weniger aus gesicherten Quellen beziehen. Kolleg:innen aus Afghanistan und Syrien sehen hingegen, was Extremismus und Polarisierung machen. Das haben sie in ihrem Land erlebt. Die fragen sich: Wissen denn die FPÖ-Wähler:innen nicht, was passieren wird, wenn die an der Macht sind? Dass diese Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit auch jederzeit sie selbst treffen kann?

Polaschek: Für uns als Universität und Forschungsinstitution ist der internationale Austausch eine Selbstverständlichkeit. Wie bei Judith Falkinger gibt es im Betrieb aber keine allzu großen politischen Diskussionen, eher anlassbezogen. Für uns war in der Hinsicht natürlich die Aufnahme von Forscher:innen aus den USA relevant, für die das Wissenschaftsministerium den Weg geebnet hat.

Hiesige Forscher:innen befürchteten aber auch, dass das den Druck in der Branche weiter erhöhen könnte.

Polaschek: Wir haben einige Wissenschafter:innen aufgenommen, Schwerpunkt ist aber eher der Nachwuchsbereich. Die Art von Spitzenforschung, die in den USA gemacht wird, kann hier nicht einfach nahtlos weitergeführt werden. Man muss sich vorstellen: Allein die Elite-Universität Harvard hat jährlich mehr Budget zur Verfügung als alle Universitäten in Österreich zusammen. Österreich betreibt auch Spitzenforschung, aber mit ganz anderen – finanziellen – Möglichkeiten.

Marion Polaschek ist ausgebildete Biologin und stv. Betriebsratsvorsitzende an der Universität Wien. Die Vorsitzende der Unabhängigen Gewerkschaftsfraktion ist Mitglied im Vorstand und Bundesvorstand des ÖGB.
Marion Polaschek ist ausgebildete Biologin und stv. Betriebsratsvorsitzende an der Universität Wien. Die Vorsitzende der Unabhängigen Gewerkschaftsfraktion ist Mitglied im Vorstand und Bundesvorstand des ÖGB. | © Markus Zahradnik

Wie kann die EU internationalen Zerwürfnissen standhalten?

Polaschek: Für unsere Belegschaft ist der Blick nach außen betriebsrelevant. Der Brexit war ein Riesenschock, man konnte Studierende im Erasmus-Programm auf einmal nicht mehr nach Großbritannien schicken und auch keine von dort aufnehmen. Da wurden Netzwerke zerstört. Das haben wir im Betrieb unmittelbar gespürt.

Was mir Hoffnung macht, sind die jüngeren Leute, die bestimmte Standards als selbstverständlich betrachten – im positiven Sinne. Durch sie wird diese europäische gemeinschaftliche Idee nicht so schnell über Bord geworfen. Für die Jungen ist es ganz normal, dass man durch ganz Europa fährt und überall arbeiten, studieren und leben kann. Wir müssen die Jungen noch mehr einbeziehen, etwa auch in den Parteien. Die reden mit einer Lockerheit über Dinge, die früher ein absolutes Tabu waren. Das ist für mich ein Hoffnungsfunke.

Falkinger: Schon rein rechnerisch ist es wichtig, dass wir ein starkes und gemeinsames Europa haben. Gegen Länder wie China, Russland oder die USA hätte Österreich ökonomisch oder politisch als kleines Land keine Chance. Wir brauchen das gemeinsame Bündnis.

Das zeigt sich auch, wenn man an Regulierungen wie die europäische KI-Verordnung denkt. Wie viel KI brauchen Ihre Betriebe – und wie viel Kontrolle braucht die KI?

Polaschek: Wir beschäftigen uns als Betriebsrat intensiv damit. Stichwort Daten: In welcher Cloud werden sie gespeichert? Was passiert mit Forschungsdaten, die dann auf Servern in den USA liegen? Wie viele Betriebsgeheimnisse gibt man preis, wenn man eine KI mit Daten füttert? Dann natürlich die Frage des Urheberrechts. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz zieht einen Rattenschwanz an Überlegungen nach sich.

Falkinger: Ich bin froh, dass wir uns bei der Statistik Austria in Sachen Datensicherheit schnell auf restriktive Regelungen geeinigt haben. Daten von Mitarbeiter:innen kommen gar nicht in die KI, schon gar nicht in eine offene. Wir verwalten viele Daten von Personen, von Unternehmen, mit denen wir arbeiten dürfen, die kommen auch nicht in die KI.

Bezüglich Cloud und Datenspeicherung muss es bei der Statistik Austria vermutlich eine europäische Lösung sein?

Falkinger: Ja, das ist ganz klar. Aktuell hosten wir unsere eigenen Server mit allen Daten. Unsere Backups liegen in einem Bergwerk in Österreich. Da ist nichts auf internationalen Servern und noch nichts an Daten in der Cloud. Weil sich die Technik so schnell entwickelt, muss auch der Betriebsrat über diese Dinge jetzt viel mehr nachdenken.

Polaschek: Wir setzen auch auf Inhouse-Lösungen. Wir haben nach wie vor eigene Server für manche Bereiche, eine eigene Cloud und sogar eine eigene KI zum Forschen. Aber wir haben uns als Betrieb Microsoft-Produkten verschrieben, und Microsoft baut überall KI ein. Das war bei unseren Betriebsvereinbarungen ein großes Problem, weil wir ja beurteilen mussten, was wir verwenden können und was nicht.

Falkinger: Europa müsste diese Infrastrukturen selbst aufbauen, damit wir als Unternehmen, insbesondere als staatliche Institution, nicht auf US-amerikanische Produkte angewiesen sind. Die Unsicherheit, die das mit sich bringt, ist jetzt deutlich geworden. Da hat Europa technologisch noch keine wirklichen Alternativen zu bieten.

Drei Betriebsrät:innen sprechen über die Herausforderungen der Zukunft.
Inflation, Klimakrise und KI: Österreichs Betriebe stehen vor vielen Herausforderungen. | © Markus Zahradnik

Auch Arbeitsplatzverluste durch KI werden befürchtet. In der Industrie gehört sie seit Jahren zum Standardrepertoire. Wie sieht man das dort?

Breiner: Die Sorge ist natürlich da, und man kann es den Kolleg:innen nicht verübeln: In unserem Konzern haben einmal um die 1.000 Menschen gearbeitet, heute sind es zwischen 200 und 300. Das hängt natürlich mit dem technologischen Fortschritt zusammen.

Falkinger: Das mag sein, gleichzeitig wird KI aber oft als diese Wundertechnologie dargestellt, die alles machen kann. Am Ende braucht es immer den Menschen, der sie bedient, überprüft und sich überlegt, was die KI tun soll. Also in einer Wissensinstitution wird ein großer Teil der Belegschaft wahrscheinlich immer bleiben, weil es Menschen braucht, die das Unternehmen führen und Entscheidungen treffen, die dafür sorgen, dass alles funktioniert. Die wichtigere Diskussion ist: Was ist an menschlichen Arbeitsplätzen wichtig, und wie muss man Leute ausbilden?

Breiner: Da stimme ich zu, denn vor allem Arbeitsplätze für Menschen, die wenig Schule haben – da hat man in Betrieben mancherorts Leute hinstellen können, die – auf gut Deutsch gesagt – nur bis drei zählen können mussten. Aber von diesen Stellen gibt’s immer weniger. Auch Hilfsarbeiter:innen sind heute in Wahrheit oft Facharbeiter:innen, weil die Maschinen, die sie bedienen, viel komplizierter sind, als manche Führungskraft glaubt.

Falkinger: Und da kommen wir wieder zur Bildung.

Breiner: Ja, und wir kommen zum Thema Sprache. Ich merke das im Betrieb, das Deutschangebot für Geflüchtete und Migrant:innen muss sich verbessern. Jemand, der schnell die Sprache lernt, hat in Österreich viel weniger Probleme. Auch aus volkswirtschaftlicher Sicht macht es viel mehr Sinn, Menschen ab Tag eins die Sprache beizubringen. Und man gibt den Populist:innen kein Futter.

Wenn sich die Populist:innen nicht über mangelnde Deutschkenntnisse beschweren, dann über die Kosten von Deutschkursen. Der Kern ihrer Politik ist doch, keine Lösungen für gelingende Integration zu präsentieren.

Breiner: Ich war damals in Traiskirchen, nachdem 2015 die vielen Geflüchteten aus Syrien angekommen waren. Wenn man sieht, wie die Menschen dort aufgehoben waren – die haben in den Gängen geschlafen, in Zelten im Garten –, dann kann man nicht so blöd daherreden. Das menschliche Mitgefühl war schon mal stärker in unserer Gesellschaft. Ich weiß nicht, wie man das zurückholt, dass wieder allgemein gilt: Das ist ein Mensch, und er hat ein Recht auf Hilfe, genauso wie wir, wenn wir flüchten müssten.

Die Regierung will den Standort Österreich stärken – der ÖGB sagt klar: Das geht nur mit fairen Regeln, Qualifizierung für alle und Schutz vor Billigkonkurrenz.

Jetzt heißt es: Industriepolitik mit sozialem Kompass!
#Industriestrategie

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— ÖGB (@oegb.bsky.social) 16. Januar 2026 um 11:11

Wir halten fest: Es gibt mehrere Herausforderungen, mit denen sich die Gesellschaft konfrontiert sieht. Wir wollen jetzt auch einen positiven Ausblick versuchen: Was macht Ihnen Hoffnung, dass wir diese Herausforderungen bewältigen?

Falkinger: Ich nehme einen Punkt vorweg, den vermutlich alle nennen würden: Die jungen Menschen machen mir Hoffnung.

Polaschek: Was mir Hoffnung macht, hat auch der Bundespräsident bei seiner Neujahrsansprache betont: Wir brauchen einen europäischen Patriotismus. Vielleicht bin ich eine hoffnungslose Optimistin, aber das kann gelingen. Wir haben mit Europa ein sehr hohes Niveau erreicht – an Sicherheit, an Wohlstand, an Vernetzung. Und natürlich kann das verschwinden, wenn man nicht aufpasst. Wir müssen es schaffen, das wieder aufzuzeigen, und da sind viele Teile der Gesellschaft gefragt, von den Politiker:innen über die Medien bis hin zu den Betrieben und Betriebsrät:innen. Wenn wir das schaffen, dann ist meine Hoffnung, dass wir als Europa auch stark bleiben.

Breiner: Meine Hoffnung ist etwas, das ich in meinem Betrieb sehe, wo wir eine schöne Weihnachtsfeier mit 35 Nationalitäten veranstalten können. Wenn das Zusammensein dort funktioniert, dann ist das auch in Europa und weltweit möglich. „Die da oben“ führen diese Gefechte aus, aber die Bevölkerungen, sozusagen „wir hier unten“, vertragen uns eigentlich gut.

Falkinger: Mir ist noch etwas eingefallen: Ich habe das Gefühl, wenn man wirklich bemüht ist, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen und sich für sie interessiert, dann funktioniert das auch. Dann kommt man miteinander in Kontakt, kann auch konträre Meinungen austauschen, manchmal Sichtweisen verändern. Meine Hoffnung ist, dass, wenn uns gelingt, öfter solche Gespräche zu führen, sich auch etwas zum Positiven verändert.

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