Uni Budget: Kalte Hörsäle und leere Labore

Martin Polaschek wirkt beim Thema Uni Budget eher ratlos.
Martin Polaschek wirkt beim Thema Uni Budget eher ratlos. | © Georg Hochmuth/APA/picturedesk.com
Die österreichischen Universitäten schlagen Alarm. Durch die Inflation steigen die Kosten für die kommenden Jahre erheblich an. Bis 2024 werden 1,2 Milliarden Euro mehr benötigt, um den laufenden Betrieb aufrecht halten zu können. Nun gab es vom Bildungsministerium zwar mehr Geld, das reicht aber nicht.
Erst wenige Wochen ist es her, als in Stockholm der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger gemeinsam mit zwei Kollegen mit dem Physiknobelpreis ausgezeichnet wurde. Damals jubelte der Wissenschaftsstandort Österreich, denn es kommt nicht so häufig vor, dass jemand von einer heimischen Universität so einen wichtigen Preis gewinnt. Und noch einen weiteren Erfolg gab es. Die Universität Wien rückte im Times Higher Education Ranking für das Jahr 2023 von Platz 137 auf die Position 124 vor. Das bedeutet den höchsten jemals erreichten Wert für die größte Hochschule Österreichs. Erfolge, die sich im Uni Budget jedoch nicht widerspiegeln.

Inflation setzt Uni Budget unter Druck

Alles gut bei den Unis möchte man beinahe meinen. Wären da nicht die gestiegenen Kosten durch die Inflation. Für die Jahre 2022 bis 2024 wurden im aktuellen Budget Leistungsvereinbarungen in der Höhe von 12,3 Milliarden für die 22 öffentlichen Universitäten vereinbart. Im Vergleich zu den Jahren 2019 bis 2021 ist das eine Steigerung um 1,3 Milliarden Euro. Doch dieses Mehr reicht nicht aus. Denn seit die Leistungsvereinbarung getroffen wurde, zieht die Inflation gehörig an. Ging man damals noch von zwei Prozent aus, steht man im Oktober bei elf Prozent. Für das Jahr 2022 prognostiziert die Österreichische Nationalbank (OeNB) eine durchschnittliche Inflation von 8,5 Prozent.

Ein Student hält ein Schuld hoch mit der Aufschrift "ECTS haben keinen Brrennwert". Proteste gegen das Uni Budget und schließende Einrichtungen.
Wegen der knappen Uni Budgets könnten Student:innen im Winter vor verschlossenen Einrichtungen stehen.

Das bedeutet für die Universitäten, dass sie mindestens 1,2 Milliarden Euro zusätzlich benötigen, um den laufenden Betrieb aufrecht halten zu können. Doch geht es nach dem Bildungsministerium, soll es nur eine kleine Aufstockung des Budgets geben. Für das kommende Jahr sind 650 Millionen Euro anstatt der geplanten 500 Millionen vorgesehen. Damit drohen ungeheizte Lehrsäle, Rückkehr zum Distance-Learning und Ausschreibungsstopp für neues Personal.

Befristete Dienstverträge sorgen für Unmut

Ist damit der Wissenschaftsstandort Österreich in Gefahr? Ja. „Befristete Arbeitsverhältnisse und fehlende Karriereperspektiven gefährden bereits den Forschungs- und Wissenschaftsstandort und führen zu einem starken Abwanderungsdruck aus der Wissenschaft. Ein sehr hoher Prozentsatz des wissenschaftlichen Personals hat einen befristeten Vertrag. Und nun kommt zu diesen prekären Beschäftigungsverhältnissen auch noch die Teuerung dazu“, sagt Anna Raith. Sie ist Referentin für Hochschulpolitik in der AK Wien.

Dass das wissenschaftliche Personal oftmals prekär angestellt ist, belegt auch die Sonderauswertung der Academic Profession in a Knowledge Society (APIKS) der Universität für Weiterbildung Krems, die im Auftrag der Arbeiterkammer Wien durchgeführt wurde. 5.270 Mitarbeiter:innen hat die Uni dazu online befragt. Zwei Drittel des wissenschaftlichen Hochschulpersonals hat einen befristeten Vertrag. Die Angestellten mit einer Befristung sind im Vergleich zu jenen, die einen unbefristeten Vertrag haben, deutlich unzufriedener.

Niedriges Uni Budget gefährdet Wissenschaftsstandort Österreich

Die Österreichische Hochschüler:innenschaft (ÖH) sieht ebenfalls den Wissenschaftsstandort gefährdet. Es sei denn, Bildungsminister Martin Polaschek (parteifrei) stellt mehr Geld zur Verfügung. „Die Universitäten müssen dann zwangsläufig einen Sparkurs einschlagen. Das wird nicht nur kurzfristige Folgen wie temporäre Schließungen haben, durch Investitions- und Anstellungsaufschiebungen drohen langfristige Folgen für die Forschung an Österreichs Universitäten“, sagt Paul Benteler, Pressesprecher der ÖH.

Besonders studentische Mitarbeiter:innen und Jungwissenschaftler:innen sind von einem Sparkurs der Unis betroffen. „Leider haben wir in der Vergangenheit schon gesehen, dass bei personellen Sparkursen der Universitäten zuerst die studentischen Mitarbeiter:innen, wie Studienassistent:innen, gekürzt werden“, meint Benteler. Raith von der AK beurteilt die Lage ähnlich. „Ja, vor allem studentische Mitarbeiter:innen und Nachwuchswissenschaftler:innen sind in Gefahr, ihre Stellen zu verlieren, wenn es keine Verlängerung der befristeten Verträge gibt oder keine neuen Ausschreibungen gemacht werden.“

Uni Budget hat Einfluss auf Österreichs Wirtschaft

Doch Universitäten sind nicht nur für die Wissensgenerierung ein wichtiger Faktor. Sie haben auch einen relevanten Effekt auf die österreichische Wirtschaft. Das Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO) veröffentliche im September eine aktualisierte Studie zu den wirtschaftlichen Effekten von Universitäten. Beispielsweise liegt die Erwerbsquote von Hochschulabsolvent:innen bei 86 Prozent (14 Prozent über der österreichischen Quote). Mit einem Uni- oder FH-Abschluss steigen die Einkommen und dadurch auch die Steuereinnahmen für den Staat. Außerdem ist Österreich unter den Top-3 Nationen in der EU, wenn es um Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen geht. Die Hälfte aller Großunternehmen kooperieren aktiv mit der Academia (andere EU-Länder: 28 bis 33 Prozent).

Letztlich generieren Unis eine Wertschöpfung von sieben Milliarden Euro, und leisten Steuern und Abgaben in der Höhe von 3,5 Milliarden Euro. Die Studie rechnet überdies vor, dass öffentliche Investitionen in Hochschulen bereits nach drei bis Jahre positive Erträge für den Staat bewirken. Umso länger dieser Zeitraum, umso größer werden die Erträge. „Man sollte mehr für Jungwissenschaftler:innen ausgeben oder auch die Betreuungsverhältnisse verbessern. In diesen Bereichen ist es wichtig, zu investieren“, meint Raith.

Bei der ÖH sieht man bei einer zu geringen staatlichen Finanzierung zudem die Unabhängigkeit der Universitäten in Gefahr. „Forschung und Lehre sind kritische Infrastruktur und müssen durch den Staat finanziert werden, Studiengebühren und Drittmittelfinanzierung, die in die Abhängigkeit von Unternehmen führt, lehnen wir ab“, betont Benteler. Trotz der leichten Budgetaufstockung der Universitäten für die kommenden beiden Jahre gehen die Proteste an den Hochschulen in Österreich weiter.

Kein Geld für die Heizung: Unis schließen im Winter

Manche Universitäten greifen bereits zu drastischen Mitteln. So wird die TU Wien von Mitte Dezember bis Mitte Jänner schließen. Studierende können dann deren Einrichtungen nicht mehr nutzen. „Wenn Studierende nicht mehr in den Bibliotheken der Universitäten sitzen können, weil diese geschlossen bleiben, dann müssen sie zu Hause sitzen und dort einheizen. Das bedeutet eine Verlagerung der Kosten, aber ist keine Lösung und gesamtgesellschaftlich keine effiziente Sparmaßnahme“, sagt Raith. Es ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was Ilkim Erdost im Interview fordert.

Ob es tatsächlich bei einem Mehr von 150 Millionen für das Jahr 2023 bleibt (für 2024 will sich der Bildungsminister noch nicht festlegen), ist aufgrund des steigenden Drucks der Universitäten auf den Bildungsminister noch nicht klar. Im Sinne der Wissenschaft ist allerdings eine Lösung dringend notwendig. Angelehnt an die Uni-Proteste 2009, bei denen es ‚Uni brennt‘ hieß, macht mittlerweile der Slogan ‚Uni friert‘ die Runde. Ein untragbarer Zustand.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in der Privatwirtschaft, ehe er mit Anfang 30 Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren begann. Er schreibt für unterschiedliche Publikationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Sport.

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