„Schulsystem muss aufhören, Probleme nach außen zu delegieren“ – Ilkim Erdost im Interview

Inhalt

  1. Seite 1 - Barrieren und Chancengleichheit
  2. Seite 2 - Corona, Digitalisierung und Spracherwerb
  3. Seite 3 - Mehr Ressourcen für die universitäre Lehre
  4. Seite 4 - Der Bologna-Prozess auf dem Prüfstand
  5. Auf einer Seite lesen >
Ilkim Erdost ist neue Leiterin des Bereichs Bildung, Konsument:innen und Wien in der AK Wien. Im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft kritisiert sie den verpatzten Schulstart und skizziert ihre Visionen einer Schule, die den Bedürfnissen aller Kinder gerecht wird.
Foto Ilkim Erdost
„Die Beschäftigungsverhältnisse an den Wiener Universitäten sind sowieso sehr zu kritisieren. Wir sprechen hier über Kettenverträge, über sehr unstete und teils prekäre Beschäftigungsverhältnisse.“

Schwer hatten es auch die Studierenden in der Pandemiezeit. Viele von ihnen hatten eineinhalb Jahre vorrangig Online-Lehre. Die Unis versuchen nun diesen Herbst, möglichst viele Lehrveranstaltungen in Präsenz anzubieten. Zudem hatte man den Eindruck, die Unis waren – im Gegensatz zur Situation der Schüler:innen – kaum Thema. Warum?

Richtig. Ich denke, dass gerade bei den Studierenden einfach angenommen worden ist, die können ja eh zu Hause lernen. Für eine kürzere Dauer stimmt das wahrscheinlich. Aber jetzt, im vierten Semester, muss man ehrlicherweise sagen, das geht nicht mehr. Und auch, wenn da das Bemühen vielleicht besteht, so viel als möglich in Präsenz anzubieten, befürchte ich ein ziemliches Chaos an den Universitäten, weil schier die räumlichen und personellen Kapazitäten dazu führen werden, dass der überwiegende Großteil der Studierenden wieder nicht in Präsenz unterrichtet werden kann. Es werden große Hörsäle nur zu einem kleinen Teil gefüllt sein, es gibt Lehrveranstaltungen mit 35 Personen, die in riesigen Hörsälen stattfinden müssen und wir können uns jetzt schon vorstellen, wie es den Studierenden geht, die nicht mehr in den Hörsaal können. Wie gedenkt man hier vorzugehen?

Aus meiner Sicht gibt es nur eine Möglichkeit, aus dieser Misere herauszukommen: Es braucht mehr Personal und mehr Vermittlung an den Unis. So wird es auf keinen Fall funktionieren. 

64 Prozent der Studierenden sind außerdem berufstätig. Die sind ohnehin vor einer Situation, wo sie sehr viel rund um ihre Vereinbarkeit zwischen dem Job und dem Studium organisieren müssen, für die wird das jetzt eine Herkulesaufgabe, da gibt es auch viel zu wenig Unterstützung seitens der Universität. Aus meiner Sicht gibt es nur eine Möglichkeit, aus dieser Misere herauszukommen: Es braucht mehr Personal und mehr Vermittlung an den Unis. So wird es auf keinen Fall funktionieren.

Es braucht also mehr Ressourcen für die universitäre Lehre. 

Absolut. Die Beschäftigungsverhältnisse an den Wiener Universitäten sind sowieso sehr zu kritisieren. Wir sprechen hier über Kettenverträge, über sehr unstete und teils prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Für den wissenschaftlichen Nachwuchs ist das einerseits unattraktiv, andererseits nicht zumutbar. Und unter diesen Bedingungen sich dann auch noch auf pandemische Voraussetzungen und Richtlinien einzustimmen, da braucht es schon auch eine andere Strategie der Universitäten. Wer soll da nachwachsen als Vermittlungspersonal für die Zukunft?

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  1. Seite 1 - Barrieren und Chancengleichheit
  2. Seite 2 - Corona, Digitalisierung und Spracherwerb
  3. Seite 3 - Mehr Ressourcen für die universitäre Lehre
  4. Seite 4 - Der Bologna-Prozess auf dem Prüfstand
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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).

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