Was ist derzeit die größte Aufgabe des Gewerkschaftsverbundes IGB Afrika?
In erster Linie, den afrikanischen Arbeitnehmer:innen eine Stimme zu geben und sie gewerkschaftlich zu organisieren. In unseren Mitgliedsstaaten gibt es einen großen informellen Sektor, also Arbeit, die nicht registriert und reguliert ist. Das macht die Organisation natürlich schwieriger.
Daneben sichern die rechtlichen Rahmen vieler Staaten die Arbeitnehmer:innen noch zu wenig ab. Die Löhne sind zu niedrig, und Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem, und die „working poor“, also jene, die arbeiten, aber trotzdem zu wenig fürs Leben haben.
Wo also ansetzen, um Ungleichheit in Afrika zu bekämpfen?
Soziale Sicherheit hat absolute Priorität. Es geht darum, Menschen zu versorgen, etwa in Sachen Gesundheit und Bildung, aber auch mit Trinkwasser. Da üben wir als Gewerkschaftsbund Druck auf Regierungen aus, damit die Staaten genug Finanzmittel bereitstellen – oftmals können sie es mit ihren Budgets aber nicht abdecken.
Was schlägt der IGB Afrika zur Finanzierung dieser Versorgungsleistungen vor?
Wir sind für progressive Steuern, also die mit steigendem Gewinn oder Einkommen zunehmen. Viele Konzerne, die in afrikanischen Ländern aktiv sind, zahlen keine oder zu wenig Steuern vor Ort. Der Ungleichheits-Bericht 2026 der NGO Oxfam zeigt deutlich: Die Ungleichheit nimmt international immer weiter zu, Milliardär:innen werden auf Kosten der Mehrheit reicher und reicher. Der nigerianische Unternehmer Aliko Dangote gilt als der reichste Mann Afrikas. Sein Vermögen wuchs in den vergangenen Jahren immer mehr an, während die Gehälter der Mehrheit der Menschen am Kontinent weniger wurden. Das ist eine Verteilungsfrage.

Was können Gewerkschaften in Konfliktregionen bewegen?
Wir schauen darauf, warum bestimmte Konflikte entstanden sind, auch aus Arbeitnehmer:innen-Perspektive. Den Sudan-Krieg etwa haben wir kürzlich analysiert, mitsamt seinen schrecklichen Folgen für zivile Opfer, die Gewerkschaftsarbeit und die langfristige wirtschaftliche Perspektive.
Die andere Frage ist wie Konflikte verhindern. Dafür entwickeln wir gerade ein Barometer, das die Situation in Regionen bewertet und frühzeitig alarmieren kann.
Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Europa und Afrika beiden Seiten in diesen Zeiten helfen?
In vielerlei Hinsicht! Vorrangig steht ganz klar das Thema Schuldenerlass. Die Schulden vieler afrikanische Länder hängen mit Kolonialismus und globalen Abhängigkeiten zusammen, weil historische Ausbeutung ihre wirtschaftliche Entwicklung schwächte und sie in Schulden brachte. Damit Regierungen zukünftig in Entwicklung und Stabilität investieren können, wird es nicht ohne Schuldenerlass gehen.
Und: Illegale globale Finanzströme zu bekämpfen ist im Interesse beider Kontinente. Zudem sind viele europäische Unternehmen in Afrika aktiv. Diese wollen wir über unsere Partner in Sachen Arbeitsrechte, Steuern etc. in die Pflicht nehmen – etwa indem sich der ÖGB die Situation der österreichischen Firmen in Afrika ansieht. Es geht auch um einen Wissenstransfer zwischen den Kontinenten, da ist früher schon einmal viel mehr passiert.
Die EU plant – wieder einmal – wirtschaftlich mehr mit afrikanischen Staaten zu kooperieren.
Das wirtschaftliche Potenzial wäre sicher da. Aber bevor wir darüber reden, müssen wir die Zahlungen für die Entwicklungszusammenarbeit der europäischen Länder ansprechen. Die liegen weit unter den selbst definierten Zielen – Österreich erreicht seit Jahren die von der UN festgelegte Grenze von 0,7 Prozent des Bruttonationaleinkommens nicht. Wir können nicht immer nur über Profite und Business-Potenziale sprechen, es geht um die Menschen!
Afrika ist reich an Mineralien und Rohstoffen, an denen Industriestaaten interessiert sind. Die Frage ist, wie man die Partnerschaft für so etwas aufsetzt: Auch hier sollte ein Wissenstransfer stattfinden, Technologien und die industrielle Verarbeitung in afrikanische Länder wandern – anstelle der reinen Ausbeutung von Rohstoffen ohne Wertschöpfung für die Menschen vor Ort. Damit beide Seiten profitieren.
Gibt es positive Beispiele, bei denen das schon klappt?
Nein, leider nicht. Aber es wäre machbar und könnte Realität werden.
EU-Staaten und ihre Firmen sind da also keineswegs vorbildlicher als andere?
In einem Punkt schon: Das Lieferkettengesetz war eine gute Initiative. Es kann helfen, Menschenrechte in wirtschaftlichen Bereichen zu verankern. Sorgen wir dafür, dass das funktioniert.
Was man dabei beachten sollte: die Berichtspflichten dürfen nicht in ein zu aufwändiges Reporting ausarten. Das kreiert oftmals vor allem Aufträge für Anwälte:innen. Und die lernen, dass das ein Geschäftsmodell ist und versuchen, es dann aufrecht zu erhalten.
Gibt es afrikanische Regionen oder Länder, die Fortschritte machen in Sachen Arbeitsrecht?
Ja, die gibt es. Und es gibt Gewerkschaften, die diese Rechte der Arbeiter:innen stark und beständig verteidigen. In Ghana können die Gewerkschaften die Regierung kritisieren. Sambia und Südafrika sind auch positive Beispiele. Aber es gibt auch viel Backlash, wie aktuell in Eswatini, wo die Arbeiter:innen dieses Jahr nicht mal den 1. Mai feiern durften.
🛠️ Kobalt, Lithium, seltene Erden: Ohne diese Rohstoffe gäbe es keine Smartphones, keine E-Autos und keine Windkraftanlagen.
Die Jagd nach Mineralien bleibt allerdings nicht ohne Konsequenzen.
✍️ @erhards.bsky.social
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 19. Mai 2026 um 17:15
Wie war Ihr eigener Weg in die Gewerkschaftsbewegung?
Ich habe mich immer schon für soziale Gerechtigkeit eingesetzt. Schon als Schüler war ich politisch in diese Richtung aktiv, auch später als Student. Gleich nach dem Universitätsabschluss habe ich mich der Gewerkschaft angeschlossen. Das war kein großer Schritt für mich.
&Tipp
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