Arbeit&Wirtschaft: Eines der Credos des deutschen Bundeskanzlers, Friedrich Merz (CDU), ist: „Die Deutschen müssen mehr arbeiten.“ Was würde wohl Heike, die Hauptfigur im Film „Ich verstehe Ihren Unmut“, dazu sagen?
Sabine Thalau: Ich glaube, Heike würde gar nicht so viel dazu sagen. Möglicherweise würde sie sich selbst vorwerfen, zu wenig zu arbeiten, und sich deshalb schuldig fühlen.
Ich hingegen würde sagen: „Komm, Friedrich, wir arbeiten eine Woche lang gemeinsam in der Reinigung. Danach erzählst du mir, ob du acht Stunden täglich körperlich arbeiten möchtest.“
Reinigungskräfte bleiben im öffentlichen Blickfeld oft unsichtbar. Was sollte man über ihre Arbeit wissen?
Kein System funktioniert ohne Reinigung. Während der Corona-Zeit wurden viele systemrelevante Berufe genannt, aber Reinigungskräfte waren kaum ein Thema. Gerade sie waren damals aber nonstop mit Desinfektion beschäftigt, jeden Tag im Einsatz, oft in voller Schutzmontur, um sich selbst zu schützen. Sauberkeit und Hygiene beeinflussen unsere Gesundheit stark. Und ohne Reinigung läuft nichts.

Gleichzeitig sind die Löhne in dieser Branche äußerst niedrig. Warum ist das so?
Einerseits sind da die Kund:innen, die möglichst wenig für die Reinigung bezahlen wollen. Sie schreiben die Reinigungsaufträge alle zwei oder drei Jahre neu aus, um sie günstiger einzukaufen. Die Arbeitgeber, also meist Reinigungsfirmen, gehen mit, weil sie unter Druck stehen. Sie haben ein Unternehmen und finanzielle Verantwortung für ihre Mitarbeiter:innen. Ausbaden müssen das am Ende die Reinigungskräfte: Plötzlich haben sie fünf Minuten weniger Zeit für die gleiche Leistung.
Und warum machen Reinigungskräfte da mit?
Viele realisieren nicht, dass sie eigentlich die Macht und das Recht hätten, Arbeitsbedingungen zu verbessern. Gleichzeitig herrscht viel Angst vor Veränderung. Reinigungskräfte bleiben häufig bei Auftraggeber:innen, weil sie sich dort wohlfühlen und niemanden enttäuschen möchten.
Heike versucht im Film oft, es allen recht zu machen. Kennen Sie das?
Nein. Ich hatte noch nie Angst, einen Job zu verlieren, wenn ich mich gegen Unrecht wehre. Einmal hatte ich einen Chef, der sagte: „Ihr Weiber seid alle zu blöd, um hier zu arbeiten.“ Daraufhin bin ich zu meinem Spind gegangen, habe meinen Kittel aus- und meine Jacke angezogen. Dann kam er hinterher und sagte: „Du kannst doch nicht einfach nach Hause gehen!“ Ich entgegnete: „Wenn ich zu blöd bin, um hier zu arbeiten, bin ich hier fehl am Platz.“ Frauen werden in der Arbeitswelt oft nicht ernst genommen. In Führungspositionen sitzen häufig Männer, die sich von einer klugen Frau, die Dinge hinterfragt, schnell bedroht fühlen.
Trotz des harten Arbeitsalltags gibt es im Film immer wieder Momente der Nähe unter den Reinigungskräften. Wie haben Sie den Zusammenhalt in dieser Branche in der Realität wahrgenommen?
Tatsächlich gibt es hier viel Herzlichkeit. Als mein Mann 2019 an Krebs erkrankte, habe ich unglaublich viel Unterstützung erfahren. Reinigungskräfte, die selbst nicht viel hatten, haben über 1.000 Euro gesammelt, damit ich meinem Mann noch den einen oder anderen Wunsch erfüllen konnte. Und das, obwohl klar war, dass er nicht überleben würde. Das hat mich zutiefst berührt.

In einer Szene sind Heike und die zweite Objektleiterin beim Verteilen von Gutscheinen zu sehen. Unmittelbar vor einem angekündigten Streik am nächsten Tag sollen die Kolleg:innen so überredet werden, doch zu arbeiten. Haben Sie den Eindruck, dass es der Branche schwerfällt, sich gewerkschaftlich zu organisieren?
In der Branche arbeiten überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund, die oft aus Lebensrealitäten kommen, die deutlich härter waren als die, die sie heute in Deutschland vorfinden. Beispielsweise, weil sie aus Kriegsgebieten geflohen sind. Viele haben dann das Gefühl: Mir geht es hier gut – warum sollte ich mehr verlangen? Für viele sind 15 Euro Tariflohn (Anm. d. Red.: Lohn nach Kollektivvertrag) viel Geld. Außerdem fehlt oft Wissen über die Gesetze in Deutschland und über die Rechte, die eine Arbeitskraft hier hat.
Was können Gewerkschaften tun, um Menschen aus der Reinigungsbranche zu unterstützen?
Gewerkschaften müssten deutlich präsenter sein. Und sie müssten nicht nur den Arbeitgeber adressieren, sondern auch die Kund:innenseite einbeziehen. Gerade öffentliche Träger – Schulen, Kindergärten, Kliniken und ähnliche Einrichtungen – sind häufig die Auftraggeber von Reinigungsfirmen, die am stärksten auf niedrige Preise drängen und damit ausbeuten. Einerseits wird dann bei der Reinigung Geld – und somit Steuergeld – gespart, andererseits sind viele Reinigungskräfte in Deutschland sogenannte Aufstocker:innen im Bürgergeldsystem. Wenn also ihre Löhne gedrückt werden, brauchen sie wieder mehr Bürgergeld, um ihr Leben überhaupt zu sichern.
Dabei wäre der direkte Weg naheliegend: Reinigungsarbeit müsste angemessen bezahlt und weniger über zusätzliches Bürgergeld finanziert werden. Dadurch würde auch ein anderes Gefühl bei den Beschäftigten entstehen, eines von Selbstständigkeit, Würde und Anerkennung für die eigene Arbeit.
Wie erreicht man das?
Wir können Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind, nicht von heute auf morgen durchbrechen. Deshalb höre ich nicht auf, immer wieder über die Arbeitsbedingungen in der Branche zu sprechen. Wenn ich heute zwei von zehn Reinigungskräften erreiche und morgen wieder zwei, dann habe ich vielleicht am Ende des Jahres hundert Menschen erreicht.
Das passt auch zu meiner Hoffnung für diesen Film: dass wir viele Menschen erreichen und dadurch sichtbar und wahrgenommen werden. Und dass der Film auch Kund:innen erreicht, die plötzlich merken: Ich trage selbst zu diesem unterfinanzierten System bei.