Von 1890 bis heute: Umkämpfte Arbeitszeit

Inhalt

  1. Seite 1 - Kampf seit Jahrhunderten
  2. Seite 2 - Von der Krise zum „Anschluss“
  3. Seite 3 - Comeback der 60-Stunden-Woche
  4. Seite 4 - Unfreiwillig in Teilzeit
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Das Ringen um die Arbeitszeit ist so alt wie die Industrialisierung. Die Geschichte zeigt: Eine Arbeitszeitverkürzung wird nicht verschenkt, sondern erstritten. Die letzte umfassende Reform liegt Jahrzehnte zurück – höchste Zeit, ernsthaft über Arbeitszeit zu reden.

Unfreiwillig in Teilzeit

Dass Arbeit nicht gut verteilt ist, ist auch ein gesellschaftliches Problem. Der österreichische Arbeitsmarkt spiegelt traditionelle Geschlechterrollen wider. In der Arbeitszeitdiskussion geht es aber immer nur um Lohnarbeit. Dass Frauen den Großteil der unbezahlten Arbeit leisten, ist eine Tatsache, aber kein Thema. Dafür ist die hohe Teilzeitquote eines. Eine aktuelle WIFO-Auswertung für die AK auf Basis des Mikrozensus 2024 zeigt: Jede zweite Frau (aber nur jeder achte Mann) arbeitet Teilzeit. Teilzeitarbeit ist weder Wunsch noch Luxus, sondern eine Notwendigkeit, weil vor allem Frauen neben Betreuungspflichten keine andere Wahl haben. Es ist eine unfreiwillige Arbeitszeitverkürzung.

„Der Acht-Stunden-Tag ist ideologisch eingemeißelt, und alles darunter rüttelt am Machtgefüge“, sagt Haslinger. Und es rüttelt gewaltig: Die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung auf 30 bis 35 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich liegt auf dem Tisch. Manche Arbeitnehmer:innenvertretungen fordern mehr, manche weniger, die Richtung ist jedoch immer die gleiche. Die PRO-GE peilt im nächsten Schritt eine Wochenarbeitszeit von 35 bis 36 Stunden an. Das langfristige Ziel „liegt deutlich unter 35 Stunden“, so Haslinger.

Der Kampf um den Acht-Stunden-Tag prägte auch Publikationen der Arbeiter:innenschaft, wie etwa das Titelblatt der Zeitschrift „Neue Glühlichter“ von 1904.
Der Kampf um den Acht-Stunden-Tag prägte auch Publikationen der Arbeiter:innenschaft, wie etwa das Titelblatt der Zeitschrift „Neue Glühlichter“ von 1904. | © VGA, Wien

Gesünder länger arbeiten

Die AK nennt eine Arbeitszeit von 30 bis 35 Stunden pro Woche „gesunde Vollzeit“. Arbeitsmedizinische Studien belegen, dass in diesem Umfang der Wochenarbeitszeit Menschen am produktivsten sind. Sie ist gesundheitlich verträglich, ermöglicht ein gutes Arbeitsleben und steigert die Lebensqualität. AK-Präsidentin Anderl fordert, das Arbeitsrecht dahin gehend zu modernisieren. Es geht also um eine neue Definition von Normalarbeitszeit.

Denn viele halten nicht bis zur Regelpension durch. 2024 wurden 12.785 Invaliditätspensionen bewilligt, oft nach langen Krankenständen wegen dauerhafter Arbeitsunfähigkeit. Gleichzeitig gibt es das ausdrückliche politische Ziel, Menschen länger im Arbeitsprozess zu halten. Dafür braucht es Arbeit, die nicht krank macht und bis zur Pensionierung ausgeübt werden kann. Und es geht auch darum, Arbeit fairer zu verteilen. Eine kürzere Arbeitswoche ermöglicht Vollzeitkräften, sich zu Hause stärker einzubringen, und erleichtert es Teilzeitkräften, Stunden aufzustocken.

“Bei den Vollzeit-Arbeitenden sagen sieben von zehn Befragten, sie möchten gerne weniger arbeiten. Welche Gründe finden sie für eine Arbeitszeitverkürzung ausschlaggebend? Das wichtigste Argument: der stark gestiegene Arbeitsdruck”, erzählt @cybersyb1210.bsky.social aus der Umfrage.

— @Arbeiterkammer (@arbeiterkammer.at) 18. November 2025 um 10:19

Die längste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg ist zwar zu Ende, ein echter Aufschwung aber nicht in Sicht. „Da könnte man meinen, das ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Arbeitszeitdiskussion. Aber den gibt es eigentlich nie – seit den 1920er-Jahren nicht“, sagt Haslinger abschließend.

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Über den/die Autor:in

Ruth Reitmeier

Ruth Reitmeier ist Journalistin und Autorin aus Wien. Sie schreibt über Wirtschaft, Geld und Leben.

Foto:Suzy Stöckl

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