Von 1890 bis heute: Umkämpfte Arbeitszeit

Im Sommer 2018 demonstrierten teils bis zu 100.000 Menschen aus ganz Österreich in Wien gegen den Zwölf-Stunden-Tag.
Im Sommer 2018 demonstrierten teils bis zu 100.000 Menschen aus ganz Österreich in Wien gegen den Zwölf-Stunden-Tag. | © David Pichler

Inhalt

  1. Seite 1 - Kampf seit Jahrhunderten
  2. Seite 2 - Von der Krise zum „Anschluss“
  3. Seite 3 - Comeback der 60-Stunden-Woche
  4. Seite 4 - Unfreiwillig in Teilzeit
  5. Auf einer Seite lesen >
Das Ringen um die Arbeitszeit ist so alt wie die Industrialisierung. Die Geschichte zeigt: Eine Arbeitszeitverkürzung wird nicht verschenkt, sondern erstritten. Die letzte umfassende Reform liegt Jahrzehnte zurück – höchste Zeit, ernsthaft über Arbeitszeit zu reden.
Die Arbeitszeitdebatte wird aktuell polemisch und oft am Thema vorbei geführt. In Österreich kann sie als ein Angriff auf Frauen verstanden werden, in Deutschland stehen eher die Jungen am Pranger. Vom deutschen Kanzler über den österreichischen Wirtschaftsminister abwärts werden Wohlstandsverluste prophezeit – wobei nicht klar ist, was damit genau gemeint ist. Die öffentliche Diskussion sei „von Unkenntnis und Respektlosigkeit geprägt“, wie es AK-Präsidentin Renate Anderl formuliert. Sie will endlich eine seriöse Debatte führen.

Kampf seit Jahrhunderten

Das Thema Arbeitszeit ist ein Aufreger, und das nicht erst seit gestern. Bereits im 19. Jahrhundert wurde um kürzere Arbeitstage gekämpft. Damals standen Zehn- bis Zwölf-Stunden-Schichten auf der Tagesordnung, in manchen Betrieben wurde bis zu 16 Stunden geschuftet, sieben Tage die Woche. Wochenenden und bezahlter Urlaub waren noch nicht erkämpft, die Arbeitsbedingungen erbärmlich. Mit der Elektrifizierung im ausgehenden 19. Jahrhundert blieb nicht nur das Licht in der Fabrik an, sie entzündete auch einen Produktivitätssprung. Die Massenproduktion war erfunden, und die Arbeit verdichtete sich.

Die Zeit war reif für den 1. Mai 1890, an dem weltweit, vor allem in Europa und den USA, für die Einführung des Acht-Stunden-Tags demonstriert wurde. Organisiert wurde die Aktion von Gewerkschaften sowie sozialistischen und sozialdemokratischen Parteien. In Wien nahm der Arzt und Politiker Victor Adler eine führende Rolle ein. Mehr als 100.000 Menschen gingen auf die Straße und forderten „8 – 8 – 8“: acht Stunden Arbeit, acht Stunden Schlaf, acht Stunden Erholung. Bis zur Einführung des Acht-Stunden-Tags sollten allerdings fast drei Jahrzehnte vergehen. 1919 wurde er schließlich gesetzlich besiegelt, von Montag bis Samstag, insgesamt also 48 Stunden. Jugendliche und Frauen arbeiteten „nur“ 44 Stunden – Letztere, damit ihnen genug Zeit für die Hausarbeit blieb.

Porträt Viktor Adler
Am 1. Mai 1890 mobilisierte unter anderem der Arzt Viktor Adler in Wien mehr als 100.000 Menschen für den Acht-Stunden-Tag. | ©  APA Picturedesk

Doch was passierte zwischen 1890 und 1919? „Für eine Arbeitszeitverkürzung braucht man einen langen Atem“, sagt die Historikerin Marliese Mendel vom ÖGB. In dieser Zeit seien die ersten Kollektivverträge entstanden. Sie waren nicht nach Branchen organisiert, sondern galten etwa für Städte, Regionen oder auch einzelne Betriebe. Wo die Arbeitszeit kollektivvertraglich verankert war, war sie zumindest geregelt, auch wenn üblicherweise zwischen neun und elf Stunden gearbeitet wurde. Hatte ein Unternehmen kürzere Schichten, so sprach sich das herum.

Inhalt

  1. Seite 1 - Kampf seit Jahrhunderten
  2. Seite 2 - Von der Krise zum „Anschluss“
  3. Seite 3 - Comeback der 60-Stunden-Woche
  4. Seite 4 - Unfreiwillig in Teilzeit
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Über den/die Autor:in

Ruth Reitmeier

Ruth Reitmeier ist Journalistin und Autorin aus Wien. Sie schreibt über Wirtschaft, Geld und Leben.

Foto:Suzy Stöckl

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