Von 1890 bis heute: Umkämpfte Arbeitszeit

Inhalt

  1. Seite 1 - Kampf seit Jahrhunderten
  2. Seite 2 - Von der Krise zum „Anschluss“
  3. Seite 3 - Comeback der 60-Stunden-Woche
  4. Seite 4 - Unfreiwillig in Teilzeit
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Das Ringen um die Arbeitszeit ist so alt wie die Industrialisierung. Die Geschichte zeigt: Eine Arbeitszeitverkürzung wird nicht verschenkt, sondern erstritten. Die letzte umfassende Reform liegt Jahrzehnte zurück – höchste Zeit, ernsthaft über Arbeitszeit zu reden.

Von der Krise zum „Anschluss“

„In der Ersten Republik hatte Österreich also dieses neue Gesetz, und alle waren glücklich, möchte man meinen“, sagt Mendel. Doch dann kam die Wirtschaftskrise und schließlich die Weltwirtschaftskrise 1929. Im Jahr 1933 erreichte sie in Österreich ihren Höhepunkt. Die Zahl der Arbeitslosen stieg auf rund 600.000 Menschen an, darunter viele „Ausgesteuerte“, deren Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung abgelaufen war. Ein ungünstiges Umfeld, um auf Ansprüche zu pochen, und auch jene, die noch Arbeit hatten, gerieten stärker unter Druck. „Der Acht-Stunden-Tag wurde damals oft unterwandert“, sagt Mendel.

Das austrofaschistische Regime schwächte die Gewerkschaften, und nach dem „Anschluss“ führten die Nationalsozialisten die reichsdeutsche Arbeitszeitordnung ein – de facto eine 60-Stunden-Woche. Nach Kriegsbeginn wurden auch Zuschläge und Urlaub gestrichen. „Faschismus ist schlecht fürs Arbeitsrecht“, fasst die Historikerin zusammen.

Der Acht-Stunden-Tag ist
ideologisch eingemeißelt,
und alles darunter rüttelt am Machtgefüge.

Susanne Haslinger, Fachexpertin der PRO-GE

Nach Kriegsende lag Österreich in Trümmern, die Menschen hungerten. „In diesem Chaos herrschte auch Unklarheit darüber, ob wieder das Acht-Stunden-Gesetz galt oder die Arbeitszeitregelungen der Nazis.“ Die Frage beschäftigte sogar die Höchstgerichte. Manche Regelungen hielten sich hartnäckig bis zur Verabschiedung des Arbeitszeitgesetzes von 1969. Infolge eines Volksbegehrens mit 890.000 Unterschriften war damals der Druck auf die Regierung – eine ÖVP-Alleinregierung – so groß geworden, dass die Wochenarbeitszeit schrittweise auf 40 Stunden reduziert wurde. Dieses Ziel war 1975 erreicht und streng genommen die letzte umfassende Arbeitszeitverkürzung.

Die Gewerkschaften formulierten als nächste – bis heute unerfüllte – Forderung die 35-Stunden-Woche als Schlüssel für Vollbeschäftigung. Als sich abzeichnete, dass eine gesetzliche Verankerung nicht gelingen würde, fokussierte man sich auf die 38,5-Stunden-Woche, die ab Mitte der 1980er-Jahre KV für KV ausgehandelt wurde. Bis heute gilt sie nicht für alle.

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  2. Seite 2 - Von der Krise zum „Anschluss“
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Über den/die Autor:in

Ruth Reitmeier

Ruth Reitmeier ist Journalistin und Autorin aus Wien. Sie schreibt über Wirtschaft, Geld und Leben.

Foto:Suzy Stöckl

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