Viktor Orbán erlitt bei den Parlamentswahlen Mitte April eine krachende Niederlage. Welche Schlüsse ziehen Sie daraus?
Richard Seymour: Es liegt die Versuchung nahe, sehr zynisch und skeptisch zu sein. Péter Magyar (der designierte ungarische Ministerpräsident; Anm. d. Red.) unterscheidet sich politisch gar nicht so stark von Orbán. Er ist ein Abtrünniger aus dem Fidesz-Lager. Die Linke in Ungarn ist schwach und es gab keine breite zivilgesellschaftliche Opposition.
Und Ihr Grund für Optimismus?
Die enorme Wahlbeteiligung. Ich glaube, viele Menschen, die keine Unterstützer:innen Magyars sind, gingen zur Wahl, weil sie darin eine Chance sahen, politischen Raum für eine echte Opposition zu schaffen – für Demokratisierung und dafür, die Fidesz-Funktionär:innen aus dem ungarischen Staat zu verdrängen. Was mich wiederum beunruhigt, ist, dass Magyars Sieg von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und anderen Akteur:innen wirtschaftlicher und politischer Eliten sofort begrüßt wurde. Sie sind vor allem deshalb begeistert, weil er stark rechts steht. Sie sehen in ihm eine Chance, zu ihrer Normalität zurückzukehren. Aber die Menschen wollen nicht zurück.
Was Orbán in den vergangenen 16 Jahren an der Macht getan hat, war, sich selbst, seine Familie und seine Oligarchenfreunde zu bereichern, während das Land immer ärmer wurde. Wie konnte er so lange an der Macht bleiben?
Man kann das unter dem Blickwinkel materieller Interessen betrachten. Das Regime nutzte den Sozialstaat, um bestimmte Wählergruppen mit Leistungen zu unterstützen, vor allem ältere, eher konservative Wähler:innen aus ländlichen Regionen. Aber, ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass das der Kern der Sache ist. Der Philosoph Alberto Toscano sagt, dass es dem heutigen Faschismus weniger um ein wirtschaftliches Angebot geht (Anm. d. Red.: Gemeint ist damit keine Gleichsetzung mit dem Faschismus zwischen 1919 und 1945. Toscano beschreibt vielmehr heutige autoritäre und rechte Bewegungen, die etwa die persönliche Freiheit stärker hervorheben als der Faschismus der Zwischenkriegszeit. Statt fester Massenbewegungen sieht er lose Gruppen, die sich über soziale Medien organisieren. Quelle: Begegnung: Einfach Antifaschist:in sein reicht nicht | WOZ Die Wochenzeitung)
Worum dann?
Im Zentrum stehen Kulturkämpfe, Ideologie und soziale Medien. Wenn man sich diese Bewegungen und Figuren wie Orbán oder Javier Milei in Argentinien ansieht, dann stehen sie für ein bestimmtes Muster: Weg mit all dem Woke-Kram, weg mit politischer Korrektheit, weg mit den Einschränkungen, lasst den Kapitalismus von der Leine, bohren wir, beuten wir Öl aus, bringen wir die Menschen wieder dazu, Auto zu fahren! So etwas lindert keine Leiden, aber es ist eine Umverteilung von Leid in der Gesellschaft. Diese Bewegungen versprechen nicht „Du wirst nicht leiden“. Sie versprechen: „Wir werden dafür sorgen, dass dieser andere Mensch viel stärker leidet als du. Und du kannst mitmachen, du kannst uns helfen.“ Das ist sehr mächtig. Das mobilisiert.
Warum ist es attraktiv, jemanden zu demütigen, während ich selbst nicht einmal meine Miete zahlen kann?
Ich glaube, die Ärmsten interessieren sich am wenigsten für diese Art von Politik. Darauf deutet jedenfalls die internationale Evidenz hin. Es sind eher Menschen, die über Jahre hinweg oder gar über eine Generation soziale Abstiegserfahrungen gemacht. Wir leben seit 40 Jahren in einer neoliberalen Ordnung und viele haben das Gefühl, auf sich allein gestellt zu sein. Es entsteht der Eindruck, man könnte niemandem trauen, denn jede:r könnte einem in den Rücken fallen. Das ist eine zutiefst paranoide Gesellschaft.
Am Sonntag wählt Ungarn. Und erstmals seit Jahren gibt es eine echte Alternative: Péter Magyar und seine Partei Tisza fordern den langjährigen Regierungschef Viktor Orbán heraus.
Doch wer ist dieser Mann, dem ein Erdrutschsieg prognostiziert wird?
✍️ @florianbayer.at
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 11. April 2026 um 09:01
Wie kann gewerkschaftliche Arbeit dem entgegenwirken?
Vielleicht spricht da der einstige Trotzkist aus mir, aber ich denke, wir brauchen mehr Kampfbereitschaft. Das könnte die extreme Rechte aus dem Tritt bringen. Ich glaube, sobald sie mit echtem Klassenkampf konfrontiert ist, wird ihr Gerede von der „verlassenen weißen Arbeiterschicht“ als das entlarvt, was sie ist: ein hohles Schlagwort.