Betriebsrat bei Novogenia COVID: „Es gibt jetzt jemanden, der hinschaut!“

Eine Luftaufnahme der Firmenzentrale von Novogenia COVID. Auch dort gibt es jetzt einen Betriebsrat.
Bei der Novogenia COVID AG hat sich jüngst ein Betriebsrat gegründet. | © Novogenia COVID
Bei Novogenia COVID gibt es seit Kurzem einen Betriebsrat. Er ist einer von 207 Neugründungen im Jahr 2021. Als zentrales Instrument zur Stärkung der Macht der Lohnabhängigen stößt nicht jeder davon in den Chefetagen auf Wohlwollen.
Bei der Salzburger Biotechnologiefirma Novogenia COVID mussten Ende vergangenen Jahres zwei Schichtleiterinnen gehen. Leistungsbedingt, heißt es seitens des Unternehmens, das im Auftrag des Landes Salzburg PCR-Tests auswertet. Weil sie einen Betriebsrat gründen wollten, lautet die konträre Version vonseiten der Beschäftigten. Trotz der Kündigungen trat der neu gegründete Betriebsrat bei Novogenia COVID Ende Jänner zur konstituierenden Sitzung zusammen. „In der Geschäftsführung sind sie nicht die größten Fans von uns“, erzählt Betriebsratsvorsitzender David Schnöll. Aber man gebe sich Mühe.

Novogenia COVID ist kein Einzelfall: 207 Betriebsratsgründungen im Jahr 2021

In 207 Unternehmen und Betrieben in Österreich wurden im Jahr 2021 neue Betriebsrats-Körperschaften gegründet. Fälle wie bei der seit Dezember 2021 börsennotierten Novogenia COVID sind keine Einzelfälle. Sie liegen in einem gewissen Sinne auch in der Natur der Sache. So zählt laut einer FORBA-Studie im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zu den „größten Vorteilen der Betriebsratsexistenz“ die sogenannte „Kompensation fehlender Primärmachtpotenziale“. Anders gesagt: Zwischen Geschäftsführung und Lohnabhängigen besteht ein fundamentales Machtungleichgewicht. Allein aufgrund der Tatsache, dass Erstere Kündigungen aussprechen können. Das beste Mittel, um gegen dieses Ungleichgewicht vorzugehen, ist laut Studie, dass sich Letztere zusammenschließen und organisieren, anstatt als isolierte Arbeiter:innen zu kämpfen. Das Möbelhaus IKEA ist in dieser Hinsicht fast schon ein Vorbild.

Diese „Kompensation“ macht sich auch am Gehaltszettel bemerkbar. So heißt es in der Studie weiter, dass unabhängig von Betriebsgröße und Wirtschaftssektor „Betriebe mit Betriebsrat ein durchschnittlich deutlich höheres monatliches, aber auch stundenbezogenes Nettoeinkommen zahlen als solche ohne Betriebsrat“. Auch die Zufriedenheit der Beschäftigten ist in Betrieben mit Betriebsrat durchschnittlich höher.

Richard Ondraschek vom ÖGB macht sich für Betriebsräte stark
„Gerade Corona hat uns gezeigt: Unternehmen mit Betriebsräten kommen meist besser durch die Krise“, erklärt Richard Ondraschek vom ÖGB. | (C) Markus Zahradnik

Firmen mit Betriebsrat kommen besser durch die Krise

Dabei ist die betriebliche Vertretung längst nicht nur für den Gehaltszettel zuständig, präzisiert Richard Ondraschek vom Referat für Organisation und Koordination des ÖGB. „Bei Kündigungen haben Betriebsrät:innen ein starkes Mitspracherecht“, erklärt Ondraschek. Er hält regelmäßig Seminare zur Gewerkschafts- und Betriebsratsarbeit ab. Außerdem können sie die vorschriftsgemäße Einhaltung von Gesundheits- und Sicherheitsstandards am Arbeitsplatz einfordern. Oder, beispielsweise in Aufsichtsräten, über den wirtschaftlichen Kurs eines Unternehmens mitbestimmen.

Ondraschek verweist darauf, dass Betriebsrat und Chefetage dabei nicht automatisch in einem Konkurrenzverhältnis stehen müssen. „Gerade Corona hat uns gezeigt: Unternehmen mit Betriebsräten kommen meist besser durch die Krise“, betont der Betriebsratsexperte. So hatten Geschäftsführer:innen bei der Abwicklung der Kurzarbeit stets klare Ansprechpartner:innen und konnten etwa Fragen bezüglich Homeoffice schnell und eindeutig abklären.

Der Betriebsrat als Vermittler

Auch Schnöll, der Betriebsrat von Novogenia COVID, betont: „Wir sind nicht da, um der Geschäftsführung ein Haxl zu stellen – aber wir wollen für so viele Mitarbeiter:innen wie möglich eine vernünftige Arbeitsstelle.“ Mit Anliegen, die sie im vergangenen Jahr informell an die Vorgesetzten herangetragen hatten, seien sie regelmäßig abgeblitzt. Daher kam es überhaupt zur Gründung eines Betriebsrates. Auf die Frage, ob sich das Gesprächsklima seither verbessert habe, muss Schnöll kurz lachen. „Unser Hauptansprechpartner ist der Firmenjurist.“

Hierbei stellt der „Salzburg gurgelt“-Betreiber eher eine Ausnahme dar. Denn allgemein dient ein Betriebsrat oft auch als Vermittler zwischen Chefetage und Lohnabhängigen. Laut dem „European Company Survey 2019“ funktioniert in Unternehmen mit Betriebsrat die Kommunikation zwischen Management und Belegschaft besser, und es kommt im Regelfall eher zur friedlichen Beilegung innerbetrieblicher Probleme und Konflikte.

Betriebsrat bei Novogenia COVID: Anlaufstelle bei Fragen

Die Betriebsratsarbeit selbst ist für den 30-jährigen Schnöll und seine meist gleichaltrigen Kolleg:innen eine Herausforderung. Kaum einer bringt Erfahrung auf dem Gebiet mit. Derzeit absolvieren sie einen Grundkurs zur Betriebsratsarbeit bei der Gewerkschaft der Angestellten in der Privatwirtschaft (GPA), um sich Kernkompetenzen anzueignen. Als ersten Schritt lässt das frisch installierte Gremium derzeit die Stimmung der Beschäftigten in einer Umfrage erheben. „Wir wollen wissen, was die Mitarbeiter:innen beschäftigt“, bekräftigt Schnöll. Mitte April sollen die Ergebnisse vorliegen.

Die Resonanz unter den Beschäftigten sei indes groß. Viele Kolleg:innen würde sich an die gewählten Vertreter:innen wenden, berichtet Schnöll. Oft geht es um Kleinigkeiten, wie das Waschen der Labormäntel, fehlende Ansprechpartner:innen, Fragen zu unbezahltem Urlaub oder die Vereinbarkeit von Beruf und der Pflege von Angehörigen. Das alles sei bisher noch nicht der große Wurf, „aber es gibt jetzt jemanden, der hinschaut – sie können jetzt nicht mehr machen, was sie wollen“.

Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.

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