Besteuert endlich die Superreichen!

Portrait von Millionenerbin Marlene Engelhorn im Interview über taxmenow, Erbschaftsteuer und Vermögenssteuer.
Bei Menschen, die Vermögen anhäufen, wird niemals die gleiche bürokratische Aggression angewendet wie bei Menschen, die wenig besitzen, kritisiert Marlene Engelhorn. | © Markus Zahradnik
Marlene Engelhorn ist Millionenerbin und setzt sich für eine Besteuerung der Reichen ein – vehement, aber bislang vergeblich. Warum man mit Arbeit nicht reich wird und wie Vermögen gerechter verteilt werden könnte, sagt sie im A&W-Interview.

Vermögen ist in Österreich ungleich verteilt, und zwar in einem sehr starken Ausmaß – besitzt doch das reichste Prozent rund 50 Prozent des Nettovermögens, das restliche Vermögen teilt sich auf die übrigen 99 Prozent auf. Die Folgen reichen von politischer Einflussnahme über wirtschaftliche Machtkonzentration bis hin zur Diskriminierung benachteiligter Personengruppen. Wie kann Vermögen gerecht verteilt und so soziale Gerechtigkeit gefördert werden? Im Interview mit Arbeit&Wirtschaft spricht Millionenerbin Marlene Engelhorn über die Notwendigkeit einer Besteuerung von Vermögen und Erbschaften, beleuchtet die Auswirkungen der Vermögenskonzentration auf Gesellschaft und Staat und entlarvt gängige Mythen um das Thema Reichtum.

Marlene Engelhorn im Interview

Portrait von Millionenerbin Marlene Engelhorn im Interview über taxmenow, Erbschaftsteuer und Vermögenssteuer.
„In welcher Welt ist es in Ordnung, dass Menschen schlecht leben müssen, wenn sie nicht den Vorstellungen von Arbeit entsprechen, die privilegierte Menschen haben?” | © Markus Zahradnik

Arbeit&Wirtschaft: Frau Engelhorn, ab wann ist man denn reich?

Marlene Engelhorn: Ich bin keine Finanzexpertin, aber laut Momentum-Institut gehört man ab 500.000 Euro Nettofinanzvermögen zu den reichsten zehn Prozent und ab 866.000 Euro zu den reichsten fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung.

Wissen wir überhaupt genau, wie reich die Vermögenden wirklich sind?

Die Datenlage ist sehr schlecht und intransparent. Aktuell gibt es keine Erbschaft- oder Vermögensteuer, durch die Vermögen erfasst würden. Auf freiwilliger Basis passiert da nichts. Das zeigen die Umfragen, die Forscher:innen regelmäßig unter Vermögenden durchführen, um den aktuellen Stand der Dinge zu erfassen.

Was bedeutet dieser Datenmangel für unsere Gesellschaft?

Hier wird deutlich, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Ein Mensch, der kein Vermögen hat, wird vom Staat einfach erfasst. Von einer Person etwa, die aufgrund einer Behinderung erwerbsunfähig ist und deswegen Transferleistungen bezieht, werden sämtliche Vermögenswerte erfasst. Es wird, ohne mit der Wimper zu zucken, in die Privatsphäre eingedrungen, nur um sicherzugehen, dass diese Person nicht einen Cent zu viel bekommt. Bei Menschen, die Vermögen anhäufen, wird niemals die gleiche bürokratische Aggression angewendet. In einer Demokratie ist dieses Verhalten höchst problematisch.

Dennoch sehen viele Menschen Reiche als beispielgebendes Vorbild. Warum ist das so?

Natürlich möchte jeder Mensch in einer Gesellschaft, die manche schlecht und andere gut behandelt, lieber bei jenen sein, denen es gut geht. Das ist nicht verwerflich. Der Gedanke darf aber nicht sein: Ich muss dafür sorgen, dass es mir besser geht als allen anderen. Sondern: Wir müssen dafür sorgen, dass die Gesellschaft dafür sorgt, dass es allen gut geht.

Der Aufbau von Vermögen wird oft mit Arbeit gleichgesetzt. Das Bild des Tellerwäschers, der durch Fleiß und Willensstärke zum Millionär wird, steckt nach wie vor in vielen Köpfen. Sind wir einfach zu faul, um reich zu werden?

Mehrere Dinge stören an dieser Erzählung. Da ist zunächst mal die menschenverachtende Komponente. Wir leben in einer Welt, in der wir fast alles an Lebensstandard verbessert haben – zumindest im westlichen Europa. Warum machen wir es uns trotzdem noch künstlich so schwer, dass Menschen gut leben können, wenn nicht aus menschenverachtenden Gründen? Diese können rassistischer, sexistischer oder klassistischer Natur sein. In der Regel ist es eine Verschränkung von alledem und noch mehr. Ich frage mich: In welcher Welt ist es in Ordnung, dass Menschen schlecht leben müssen, wenn sie nicht den Vorstellungen von Arbeit entsprechen, die privilegierte Menschen haben? Und zweitens geht dieses Argument völlig an der Realität vorbei.

Warum?

Wenn alle durch Arbeit reich werden könnten, dann gäbe es viel mehr Millionär:innen auf der Welt. So einfach ist das. Da das nicht der Fall ist, ist klar, dass man durch Arbeit nicht reich wird. Es gibt Ausnahmen, aber vor diesen Ausnahmen stehen gewisse finanzielle Privilegien wie Erbschaften. Denn nicht einmal jeder fünfte Mensch, der in irgendeiner Form Vermögen aufbaut, ist ohne Erbe zu diesem Vermögen gekommen. In Österreich erben sieben von zehn Menschen nichts, und von den dreien, die etwas erben, bekommen wieder zwei weniger als 100.000 Euro netto. Dieser Punkt ist realwirtschaftlich sehr spannend, denn wie viele Berufe ermöglichen es, allein von der Lohngestaltung her, durch Erwerbsarbeit Vermögen aufzubauen? Man häuft im Supermarkt an der Kassa oder im Lager kein Vermögen an, selbst wenn man sich noch so sehr anstrengt. Ganz im Gegenteil. Diese Berufe bedeuten nicht nur schwere Arbeit, sondern sind in der Regel auch begleitet von einer sehr diskriminierenden Haltung der gesamten Gesellschaft ihnen gegenüber. Um es noch mal zusammenzufassen: Man kann sich in der Arbeit anstrengen, so sehr man will – da, wo man landet, da bleibt man.

Portrait von Millionenerbin Marlene Engelhorn im Interview über taxmenow, Erbschaftsteuer und Vermögenssteuer.
„Wenn die Politik es wollte, dann würde sie in einem ersten Schritt das Steuersystem reformieren“, so Marlene Engelhorn. Das würde sehr viel an Einnahmen bringen. | © Markus Zahradnik

Wenn Reiche ein Unternehmen gründen, schaffen sie Arbeitsplätze. Haben dann nicht alle Menschen etwas davon?

Ich würde dieses Argument gerne umdrehen. Nur durch die Tatsache, dass Menschen gerne arbeiten – und die meisten tun das –, gibt es überhaupt die Möglichkeit für andere, ein Unternehmen zu gründen und Menschen anzustellen. Diese Abhängigkeit wird zwar in eine Richtung erzählt, geht jedoch in beide Richtungen. Wir sind stärker davon abhängig, dass es Menschen gibt, die die Arbeit verrichten, als Menschen, die sie schaffen. Die allermeiste Arbeit ist schon da.

Das heißt, Unternehmen können ohne Arbeitnehmer:innen nicht bestehen?

Unternehmer:innen aller Art sind abhängig von Arbeitnehmer:innen. Das beste Beispiel dafür ist der Fachkräftemangel. Die Einstellung mancher Unternehmen, dass Angestellte dankbar sein sollten für die Arbeit, die sie verrichten dürfen, stützt nur einmal mehr die Idee des Feudalismus, in der es um Leibeigenschaft geht. Wenn offene Stellen unbesetzt bleiben, liegt das meistens an schlechten bis unmöglichen Arbeitsbedingungen, sei es auf Unternehmensebene (das Angebot stimmt nicht) oder auf gesellschaftlicher Ebene (der Staat wird kaputtgespart und kann die Ausbildung nicht gewährleisten). Da können noch so viele Arbeitsplätze „geschaffen“ werden, die Probleme sind vielschichtig und strukturell. Sie sind nicht individuell oder einseitig. Steuerpolitik kann auf der strukturellen Ebene eingreifen und beispielsweise durch eine Vermögensteuer Geld in die Ausbildung von Fachkräften stecken, die dann wiederum in Unternehmen arbeiten. Davon hätten beide Seiten etwas.

Viele Erbende halten eine Erbschaft- und Vermögensteuer für ungerecht. Schließlich habe ihre Familie für sie vorgesorgt, demnach sei dieses Vermögen ein Verdienst an sich. Wie stehen Sie zu diesem Argument?

Selbst wenn an mich gedacht wurde, kann ich den nächsten Schritt der Solidarität machen und sagen: Ich möchte, dass auch die Gesellschaft etwas von dieser Erbschaft hat. Für mich ist es selbstverständlich, dass ich auf diese Erbschaft Steuern zahle. Auf diese Weise bekomme ich etwas und der Rest der Leute auch. Diese Steuern fließen in unsere Gemeinschaftskasse namens Haushalt. Und wie das Wort „Gemeinschaftskasse“ schon sagt, nützt sie der gesamten Gesellschaft. Die Infrastruktur, die wir so finanzieren, nützt uns allen – Erbschaft hin oder her. Wir alle brauchen Straßen, öffentliche Verkehrsmittel, Krankenhäuser, Kindergärten und vieles mehr. Es gibt keinen Grund, das eigene Vermögen dafür nicht zu teilen. Und ja, ich finde es schon richtig zu sagen, dass Erbschaften leistungslose Einkommen sind: Man bekommt Geld, das man vorher nicht hatte. Aber egal, wie hoch die Besteuerung ist: Man steigt immer mit einem Plus aus.

Portrait von Millionenerbin Marlene Engelhorn im Interview über taxmenow, Erbschaftsteuer und Vermögenssteuer.
„Wir sind stärker davon abhängig, dass es Menschen gibt, die die Arbeit verrichten, als Menschen, die sie schaffen.” © Markus Zahradnik

Das klingt logisch: Ich habe also immer mehr als vor der Erbschaft.

Genau. Viel interessanter ist es jedoch, sich die Dynamiken anzuschauen, die sich durch Erbschaften in unserer Gesellschaft entwickeln. Im reichsten Prozent der Gesellschaft liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Erbe über drei Millionen Euro zu erhalten, bei über 80 Prozent. Das reichste Prozent der Gesellschaft besitzt die Hälfte des Vermögens in Österreich. Diese hohe Vermögenskonzentration hat realpolitische, wirtschaftliche und mediale Auswirkungen. Mit diesem Geld können Entscheidungen getroffen werden, die die Lebensrealität unzähliger Arbeitnehmer:innen beeinflussen. Dieses Vermögen wird nicht besteuert, sondern weitervererbt. De facto ergibt sich daraus ein feudalistisches Verhältnis. Das ist Geldadel. Vermögende können sich beispielsweise ein Medienimperium aufbauen und damit Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nehmen.

Wer Geld hat, hat demnach die Macht?

Geld ist ein Mittel, dessen einziger Zweck es ist, sich zu bewegen. Die Frage der Verteilung wird aber meist sträflich vernachlässigt. Sobald sich Geld nicht mehr bewegt, entfaltet es andere Machtdynamiken. Wenn man Geld dem Fluss entzieht, etwa durchs Horten, dann fehlt es im Kreislauf. Jede Art von Geldbewegung wird besteuert: Mehrwertsteuer, Umsatzsteuer, Lohnsteuer. Aber bei Vermögen oder Erbschaften gibt es keine Steuer. Warum ist das so? Weil Vermögende die Macht haben, sich die Steuerpolitik über ihren Einfluss zu erkaufen.

Wenn alle durch Arbeit reich werden könnten, dann gäbe es mehr Millionär:innen.

Marlene Engelhorn

Die Politik argumentiert gerne, dass es keine Ressourcen gebe, um das Steuersystem zu verbessern. Es fehle schlichtweg das Geld.

Das ist nicht wahr. Wenn die Politik es wollte, dann würde sie in einem ersten Schritt das Steuersystem reformieren. Die Einführung einer Steuer löst nicht alle Probleme, aber sie würde sehr viel an Einnahmen bringen. Wie viel genau, das hängt vom jeweiligen Modell ab. Wie hoch sind die Prozentsätze der Steuer, bis wohin gelten Freibeträge, wie progressiv soll die Steuer gestaltet werden, und welche anderen Steuern können dafür gesenkt werden? Das sind Fragen an Expert:innen, die das errechnen können. Das wird auch gemacht, und die Modelle gibt es, man muss nur recherchieren. Stattdessen werden widerlegte Einwände immer und immer wieder gepredigt. Das macht sie aber nicht wahrer. Hier zeigt sich klar, worum es geht, nämlich um Machtinteressen. Zu sagen, dass man jetzt eh schon alles tut, aber die Besteuerung von Vermögen kategorisch ablehnt, ist nur eine Ausrede dafür, die politische Arbeit nicht machen zu wollen, und eine Ohrfeige für alle Menschen, die den Lebenszeitraum der Babyboomer:innen überdauern werden.

Warum müssen wir in der Debatte um Wohlstand über eine Erbschaftsteuer sprechen?

Es ist wichtig, Modelle für eine Steuer zu diskutieren. Sie sollten aber nicht die Interessen derer widerspiegeln, die sie vermeintlich bezahlen. Sonst müsste man ehrlicherweise die Debatte zur Einkommensbesteuerung aufmachen und Arbeitnehmer:innen fragen, ob sie ihre Einkommensbesteuerung in Ordnung finden. Und das Ergebnis wäre vielleicht, dass niemand irgendwelche Steuern zahlen möchte. Was hätten wir dann? Keine Krankenhäuser, keine Schulen, keine Straßen, keinen öffentlichen Verkehr, keine Grundlagenforschung, keine Innovationen.

Welche Effekte hätte eine Besteuerung von Erbschaften bzw. Vermögen?

Zunächst einmal würden sich diese Steuern einer wichtigen politischen Angelegenheit annehmen, nämlich der Tatsache, dass das System momentan ungerecht ist. Und es ist wichtig, Gerechtigkeit als politische und soziokulturelle Kategorie zu verstehen, weil sie dort Sinn entfaltet. Erbschaften müssen besteuert werden, weil sie nicht dafür sorgen dürfen, dass man durch die Geburt bessergestellt wird. Die Menschen sollten durch das System in Wohlstand leben. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie es uns gut gehen kann: durch Geburt oder durch Gesetze. Ich kann ja nicht absichtlich gut geboren werden, das ist eine Lotterie, und das wiederum heißt: Fast alle verlieren. Als Nächstes würde die Erbschaftsteuer viel Geld bringen. Und wir würden durch die Daten zu Vermögen ein besseres Verständnis dafür haben, welchen Menschen wie viel gehört. Wir brauchen diese Transparenz, damit kein Machtmissbrauch stattfindet.

Was ist Ihr Ziel mit der Initiative „taxmenow“?

Idealerweise bin ich irgendwann irrelevant, weil wir nicht mehr darüber diskutieren, ob eine Besteuerung von Vermögen sinnvoll ist. Stattdessen sprechen Expert:innen und Interessenvertreter:innen über das ‚Wie‘ der Steuerpolitik. Da kann und sollte ich als Millionenerbin ohne Expertise für die Details nicht mehr mitreden.

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