Ein Leben ohne Bargeld?

Bargeldloses Bezahlen mit Karte im Supermarkt
Foto (C) Adobe Stock

Inhalt

  1. Seite 1 - Bares ist Wahres in Österreich
  2. Seite 2 - Unterschiedliche Bargeld(los)-Vorlieben
  3. Seite 3 - Union des digitalen Euros?
  4. Seite 4 - Mehr Möglichkeiten für Unternehmen?
  5. Seite 5 - Bitcoin-Land El Salvador
  6. Seite 6 - Geldwäsche wie früher
  7. Auf einer Seite lesen >
In Schweden könnte im Frühjahr 2023 Schluss sein mit dem Bargeld. Zahlungen sollen ab diesem Zeitpunkt nur mehr in digitaler Form erfolgen. Doch Österreich hängt am analogen Zahlungsmittel wie kaum ein anderes Land. Weshalb ist das so und wie wird bei uns die Zukunft aussehen?
Werte Kund:innen, bitte nutzen Sie bei Möglichkeit kontaktloses Zahlen. Herzlichen Dank.“ So oder so ähnlich tönt es seit März 2020 aus den Boxen der heimischen Einzelhandelsunternehmen. Seit dem Zeitpunkt der raschen Verbreitung der COVID-19-Pandemie wurde in Österreich so viel mit Bankomat- oder Kreditkarten bezahlt wie noch nie zuvor. Doch mittlerweile sieht die Sache wieder etwas anders aus. Österreich ist ein Land der Geldscheine und Münzen und keines des Plastiks oder Digitalen. Im Vorjahr zahlten rund die Hälfte aller Österreicher:innen häufiger mit ihrer Bankomatkarte (Debitkarte) als in den Jahren zuvor, das ergab eine von MasterCard Österreich durchgeführte Studie:

  • Besonders die Jungen verwenden ihre Karte häufig. 77 Prozent der 18- bis 30-Jährigen haben sie mehrmals in der Woche in Verwendung.
  • Im Vergleich dazu nutzen Menschen der Altersgruppe 50+ das Plastikgeld nur in 53 Prozent aller Fälle mehrfach.

Eine Erhebung der Österreichischen Nationalbank ergab außerdem:

  • Bis zu einer Summe von 50 Euro wird zu einem überwiegenden Teil in Bar bezahlt.
  • Vor der Pandemie trugen die Österreicher:innen im Schnitt 74 Euro an Scheinen und Münzen mit sich herum.

Für die Bargeldverfechter:innen in Österreich sind besonders drei Gründe ausschlaggebend: die Anonymität beim Zahlvorgang, die Vertrautheit und das schnelle Abwickeln an der Kasse. Eine komplette Abkehr vom Papiergeld in den kommenden zehn Jahren können sich 71 Prozent aller befragten Personen nicht vorstellen. Das merkte man auch in der Pandemie 2020: Obwohl deutlich öfter die Karte benutzt wurde ging die Verwendung von Bargeld in Österreich nur minimal zurück.


Unterschiedliche Bargeld(los)-Vorlieben

Weshalb ist Papiergeld bei uns so beliebt? Für Schweden gehen Prognosen davon aus, dass sich das Zahlen mit analogem Geld ab dem Frühjahr 2023 für Unternehmen wohl nicht mehr rentiert. Denn fast alle Schwed:innen nutzen schon lange bargeldlose Zahlungsvarianten. Schüler:innen bekommen ihr Taschengeld digital und sogar obdachlosen Menschen kann man längst Geld über die Kreditkarte spenden. Dass es in Österreich in absehbarer Zeit ähnlich sein wird, ist eher zu bezweifeln.

In den USA und in Frankreich waren bis vor 20 Jahren Schecks eine sehr übliche Zahlungsmethode. Und die sind deutlich umständlicher zu verwenden als Bargeld.

Clemens Jobst, Clemens Jobst

Die Gründe dafür sind vielfältig und teilweise historisch bedingt, wie der Sozial- und Wirtschaftshistoriker von der Universität Wien, Clemens Jobst, weiß: „In der Monarchie war mehr Papiergeld in Umlauf als in anderen Ländern“. Das dürfte in Österreich die Liebe zum Bargeld langfristig gefestigt haben. Allerdings ist das Nutzen von Papiergeld nur so konservativ wie andere Länder in ihren Vorlieben konservativ sind. „In den USA und in Frankreich waren bis vor 20 Jahren Schecks eine sehr übliche Zahlungsmethode. Und die sind deutlich umständlicher zu verwenden als Bargeld“, so Jobst. Der Historiker betont auch die Umstellungskosten von Bezahlsystemen, die sich nur dann auszahlen, wenn tatsächliche Einsparungsmöglichkeiten zu erkennen sind.


Union des digitalen Euros?

Im Herbst 2020 präsentierte die Europäische Union die Idee des digitalen Euros. Der soll dem Bargeld zukünftig zur Seite gestellt werden. „Die Central Bank Digital Currency (CBDC) ist in der Pilot- bzw. Experimentierphase“, sagt Christian Prantner aus der konsumentenpolitischen Abteilung der Arbeiterkammer Wien. Diesen Oktober begann eine intensive, zweijährige Untersuchungsphase, in der sich die EU ansieht, wie eine digitale Währung an Unternehmen und Privatpersonen verteilt werden könnte.

„Wir werden mit dem Europäischen Parlament und anderen europäischen Entscheidungsträger:innen in einen Dialog treten und sie regelmäßig über unsere Ergebnisse informieren. Privatpersonen, Händler:innen und der Zahlungsverkehrssektor werden ebenfalls einbezogen“, sagt Fabio Panetta, der Mitglied des Europäischen-Zentralbank-Direktoriums ist. Bei dem digitalen Euro handelt es sich um normales Zentralbankgeld in digitaler Form, das für alltägliche Zahlungen verwendet werden kann.

Der digitale Euro als zusätzliches Zahlungsmittel kann Menschen, die sich der Digitalisierung zuwenden, weitere Möglichkeiten eröffnen. Es gibt jedoch das Risiko, dass digitalskeptische Gruppen nicht mitgenommen werden – weil sie einen digitalen Euro nicht nutzen können oder wollen.

Christian Prantner, konsumentenpolitischen Abteilung Arbeiterkammer Wien

Sechs Punkte streicht die EU hervor: Der digitale Euro soll Einlagen und Bargeld ergänzen, Synergien mit Zahlungsdienstleistern schaffen, die Digitalisierung der europäischen Wirtschaft unterstützen, Zugang zu Zentralbankgeld sichern, Risiken unregulierter Zahlungslösungen verhindern und letztlich auch andere Digitalwährungen ausbremsen beziehungsweise deren Aufkommen verhindern. Weiters soll die Digitalwährung ökologisch und umweltschonend sein. Auch der Datenschutz wird laut EU großgeschrieben. „Der digitale Euro als zusätzliches Zahlungsmittel kann Menschen, die sich der Digitalisierung zuwenden, weitere Möglichkeiten eröffnen. Es gibt jedoch das Risiko, dass digitalskeptische Gruppen nicht mitgenommen werden – weil sie einen digitalen Euro nicht nutzen können oder wollen“, meint Prantner.


Mehr Möglichkeiten für Unternehmen?

„Unsere Arbeit soll sicherstellen, dass Privatpersonen und Unternehmen im digitalen Zeitalter weiterhin Zugang zu der sichersten Form von Geld – dem Zentralbankgeld – haben“, sagt EZB-Präsidentin Christine Lagarde. „In Summe werden die Effekte wohl klein sein“, meint Professor Paul Pichler gegenüber Arbeit&Wirtschaft. Pichler unterreichtet Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und ist Experte im Bereich Digital- und Kryptowährungen, „Für die Konsument:innen kann ein Vorteil darin bestehen, dass Online-Zahlungen unkomplizierter und billiger werden, weil auf Kreditkarten verzichtet werden kann.“  Der Experte sieht eher im Unternehmensbereich positive Möglichkeiten, jedoch hänge dies vom jeweiligen Geschäftsmodell ab. Vorteilhaft könnte hier der Bereich von Micro-Payments sein. „Diese werden dann vermutlich günstiger angeboten werden. Vorausgesetzt natürlich, dass die Überweisungen spesenfrei sein werden.“

Unsere Arbeit soll sicherstellen, dass Privatpersonen und Unternehmen im digitalen Zeitalter weiterhin Zugang zu der sichersten Form von Geld – dem Zentralbankgeld – haben.

Christine Lagarde, EZB-Präsidentin

Auch wenn Lagarde bereits öfter betont hat, dass die Digitalwährung sicher sein soll, sei manches dazu noch zu wenig kommuniziert worden. Wie genau soll die Anonymität bei Zahlungen gewährleistet werden, welche Spesen fallen an und welche Rolle spielen die normalen Geschäftsbanken? „Generell gibt es viele Fragezeichen“, sagt Prantner.


Bitcoin-Land El Salvador

Nicht nur die EU sucht ihr Glück in der digitalen Welt – auch das kleine zentralamerikanische Land El Salvador schreitet voran. Jedoch wird hier nicht auf eine digitale Form des offiziellen Zahlungsmittels, den US-Dollar, gesetzt, sondern auf die Kryptowährung Bitcoin. Im Juni dieses Jahrs verkündete El Salvadors Präsident Nayib Bukele, dass mit September neben dem US-Dollar ein zweites Zahlungsmittel gesetzlich erlaubt sein werde. Als erstes Land der Welt sollte der Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel dem Bargeld gleichgestellt verwendet werden können. Um die Währung zu nutzen müssen die Bürger:innen die digitale Geldbörse „Chivo“ herunterladen. Allen Menschen im Land versprach Bukele ein Startguthaben von 25 Dollar. Das ist ungefähr der dreifache Tageslohn in El Salvador.

Positive Effekte können für jene entstehen, die stark von Remittances, also Geld, das Verwandte aus den USA schicken, abhängen. Die Überweisungsgebühren bei Western Union und Co. sind horrend hoch, hier gibt es jetzt Konkurrenz durch Bitcoin.

Paul Pichler, Universität Wien

Doch in der Bevölkerung entstand schon bald Widerstand. Ein Großteil lehnte das „Bitcoin-Gesetz“ ab, viele protestierten dagegen. Am 7. September startete die Kryptowährung trotz aller Proteste. Alle Händler:innen des Landes sind laut Gesetz nun dazu verpflichtet, Zahlungen in Bitcoin zu akzeptieren. Auch Renten und Löhne können nun als Kryptowährung ausbezahlt werden, wenn das gewollt ist. „Positive Effekte können für jene entstehen, die stark von Remittances, also Geld, das Verwandte aus den USA schicken, abhängen. Die Überweisungsgebühren bei Western Union und Co. sind horrend hoch, hier gibt es jetzt Konkurrenz durch Bitcoin“, sagt Volkswirtschaftler Pichler.


Geldwäsche wie früher

Die Regierung argumentiert damit, dass durch Bitcoins der Zugang zum Währungssystem für ärmere Menschen erleichtert wird und dass Geldüberweisungen der vielen Auslands-Salvadorianer:innen somit besser abgewickelt werden könnten. Doch diesen Argumentationen schenken wenige Glauben. Da der Bitcoin nicht an den US-Dollar oder eine andere Währung gekoppelt ist, unterliegt er starken Schwankungen und sorgt für wenig Stabilität. Um Bitcoins zu verschicken, braucht es außerdem kein eigenes Gesetz – das war bis jetzt bereits problemlos möglich. Außerdem fallen Transaktionskosten an, wenn Bargeld in Coins getauscht werden wollen.

Expert:innen und Bürger:innen vermuten, dass sich Bukele mit dem Vorhaben vor allem an Investoren richtet. Der Präsident könnte damit auf Bitcoin-Investoren aus dem Inn- und Ausland zielen und damit zu einem neuen Panama werden wollen. Panama baute seine Ökonomie um den Finanzsektor herum auf und ist bekannterweise ein Paradies für Geldwäsche und Schwarzmarkt-Aktivitäten für Superreiche. „Was Geldwäsche betrifft, sehe ich keine Veränderung zu früher. Das war in El Salvador sicherlich auch schon vorher gleichermaßen einfach“, so Pichler.

Ein kleiner (europäischer) Ausblick

„Die Zentralbank schuldet es den Europäer:innen, einen digitalen Euro auszuloten“, sagte EZB-Chefin Lagarde im Frühjahr. Ob es nun einen digitalen Euro braucht oder nicht, wird sich allerdings kaum von heute auf morgen herausstellen. Vielleicht reicht auch die zweijährige Testphase nicht aus. Viele der aufgeworfenen Fragen müssen noch intensiver behandelt und Lösungen dafür gefunden werden. „Ich denke, ob ein digitaler Euro eingeführt werden soll, hängt mit einer fundamentalen Frage zusammen: Wollen wir, dass der Staat ein Zahlungsmittel für den Online-Bereich anbietet, oder sollen das weiterhin ausschließlich private Finanzdienstleister tun?“, so Pichler von der Uni Wien.

Die AK tritt für einen unbedingten Erhalt des Bargeldes ein. Wir fordern von den Banken eine analoge Mindestinfrastruktur. Weil es die Menschen wünschen und schätzen, von Menschen beraten und betreut zu werden.

Christian Prantner, konsumentenpolitischen Abteilung Arbeiterkammer Wien

Geht es nach der Arbeiterkammer, dann muss auch zukünftig gewährleistet sein, dass man überall mit Papiergeld zahlen kann. „Die AK tritt für einen unbedingten Erhalt des Bargeldes ein“, sagt Prantner. Auch den Rückbau von Bankfilialnetzen sieht die AK kritisch. „Wir fordern von den Banken eine analoge Mindestinfrastruktur. Weil es die Menschen wünschen und schätzen, von Menschen beraten und betreut zu werden.“

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Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in verschiedenen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Mit Anfang 30 begann er Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Heute schreibt er vor allem für das Fußballmagazin Ballesterer und die Wiener Zeitung.