Hitze-App für Baustellen kann Leben retten

Bauarbeiter verlegen Straßenbelag in großer Hitze. Die Hitze-App soll helfen.
Vor allem bei Bauarbeiter:innen kann die Hitze-Belastung zu Gesundheitsschäden führen. Die Hitze-App greift rechtzeitig ein. | © Adobe Stock/benjaminnolte
Die neue Hitze-App der Gewerkschaft Bau-Holz warnt Bauarbeiter:innen vor gefährlichen Temperaturen. Deren Firmen können so die Hitzefrei-Regeln gezielter umsetzen.
In Österreich gelten 32,5 Grad Celsius im Baugewerbe als Hitzefrei-Grenze. Unternehmen können dann ihre Beschäftigten nach Hause schicken und bekommen von der Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse (BUAK) ersetzt. Rund die Hälfte aller Bauunternehmen in Österreich nutzt die Möglichkeit bereits. Die neue Hitze-App der Gewerkschaft Bau-Holz kann Bauarbeiter:innen und deren Auftraggeber:innen verständigen, wenn die Hitze-Grenze erreicht ist.

Hitze-App der Gewerkschaft Bau-Holz schützt Bauarbeiter:innen

Die Messstationen meldeten am 21. Juli 2022 satte 37,7 Grad in Seibersdorf. Es war der heißeste Tag im Jahr. Zumindest bis zum 5. August 2022. An diesem Tag meldeten die offiziellen Thermometer 38,7 Grad. Wieder in Seibersdorf. Die Klimakatastrophe hat den Satz „Das ist der kühlste Sommer für den Rest eures Lebens“ populär gemacht. Österreich ächzt ähnlich wie viele andere Länder unter extremen Temperaturen. Schon kleinere Arbeiten sind unter diesen Bedingungen deutlich anstrengender als im Frühjahr oder Herbst. Besonders Arbeitsplätze im Freien sind naturgemäß am stärksten betroffen.

Ein Bauarbeiter trinkt auf einer Baustelle bei große Hitze Wasser aus einem Kanister. Die Hitze-App soll helfen.
Die Klimakatastrophe erhöht das Risiko schwerer Erkrankungen durch Hitze. | © Adobe Stock/Michael Fritzen

So beispielsweise das Baugewerbe. Diese Branche hat jedoch eine Hitzefrei-Grenze. Die liegt bei 32,5 Grad. Dann dürfen die Beschäftigten nach Hause gehen, weil das Gesundheitsrisiko steigt. Allerdings müssen die Arbeitgeber:innen hitzefrei anordnen. Es ist freiwillig. Um den Anreiz zu erhöhen, ersetzt die Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse (BUAK) die entstehenden Kosten. Denn die Arbeitnehmer:innen erhalten bei Hitzefrei 60 Prozent Entgeltfortzahlung. Auch die 30 Prozent Lohnnebenkosten übernimmt die BUAK.

Hitzefrei-Regel populär: Hitze-App soll Hilfestellung sein

Rund die Hälfte aller Bauunternehmen nutze und nutzt diese Neuregelung bereits. Die neue Hitze-App der Gewerkschaft Bau-Holz soll dazu beitragen, den Anteil zu steigern. Arbeiterkammer (AK) und die Umwelt NGO Global 2000 haben das Programm gemeinsam präsentiert. „Die Arbeiterkammer denkt die Klimakrise, die sozialen Aspekte und auch digitale Gerechtigkeit zusammen. Der Digitalisierung-Fonds der AK hat daher die Entwicklung der App gefördert“, sagt Renate Anderl. Die AK-Präsidentin ergänzt auch direkt: „Extreme Hitze ist nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich und hat immer zu tödlichen Zwischenfällen geführt.“

Die App gibt bei dem kritischen Wert von 32,5 Grad eine Warnmeldung ab. Damit informiert sie Arbeinehmer:innen und Arbeitgeber:innen darüber, dass ab diesem Moment die Hitzefrei-Regelung gilt. In der Regel arbeiten die Bauarbeiter:innen schon viele Stunden, bevor die Temperatur von 32,5 Grad erreicht wird. Daher handelt es sich auch nicht um freie Tage, sondern um freie Stunden. Die Hitze-App beseitigt Unklarheiten bei der Regelung, betont Josef Muchitsch, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Bau-Holz. „Diese Diskussionen sind damit beendet. Das heißt klare Spielregeln für die Arbeitgeber:innen, klare Spielregeln für die Auftraggeber:innen und klare Spielregeln für die Arbeitnehmer:innen.“

Auswirkungen von Hitze

Bauplaner kalkulieren extreme Bedingungen im Winter bereits mit ein. Für den Sommer tun sie das nur selten. Doch der menschliche Körper ist nicht dafür gemacht, bei hohen Temperaturen belastende Arbeit zu verrichten. Diese wirken sich nämlich auf die Physis und die Psyche negativ aus. Die Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit sinkt. Und im schlimmsten Fall kommt es dadurch zu schweren Verletzungen oder Todesfällen. „Kein Bauwerk kann so wichtig sein, dass Menschenleben gefährdet werden können“, betont Muchitsch.

Die Hitzefrei-Regelung hat eine Schwachstelle, wie Alexander Heider, der Leiter der Abteilung Sicherheit, Gesundheit und Arbeit in der AK Wien, betont. „Die Hitze-Regelung gilt ausschließlich für Bauarbeiten und ist im Bauarbeiter-Schlechtwetterentschädigungsgesetz geregelt. Für alle anderen Berufsgruppen gilt das eben nicht.“ Und weiter: „Bei Gärtner:innen, Waldarbeiter:innen und anderen Berufsgruppen, die im Freien arbeiten, ist die rechtliche Lage komplett offen. Also die Regelung der Bauarbeiter:innen greift hier nicht“, führt Heider aus.

Hitzefrei-Regelung muss auch für andere Branchen gelten

AK und der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) sehen deswegen Handlungsbedarf. Hitze ist in vielen Berufen ein Problem. Egal ob im Freien, in einer Wäscherei, einer Werkhalle oder in einem Büro, das den ganzen Tag von der Sonne aufgeheizt wird. Die Arbeitnehmer:innen-Vertretung fordert, dass es ab 25 Grad daher abgestufte Schutzmaßnahmen in Innenräumen und bei Arbeiten im Freien. Diese Schutzmaßnahmen könnten baulicher, organisatorischer und technischer Natur sein. Können Arbeitgeber:innen die Hitzebelastung dennoch nicht ausreichend bekämpfen, sollen Ersatzarbeitsplätze geschaffen werden. Auch neue Pausenregelungen könnten helfen. In letzter Konsequenz müssen Firmen bei Entgeltfortzahlung freigeben.

Im Skriptum „Hitze und UV-Strahlung am Brennpunkt Arbeitsplatz“ heißt es dazu: „Das Zentral-Arbeitsinspektorat geht davon aus, dass in 90 Prozent der Fälle mit einfachen organisatorischen Maßnahmen wie Lüftung am Morgen eine ausreichende Absenkung der Temperatur herbeigeführt werden kann. Nur in acht Prozent der Arbeitsstätten wären bauliche oder technische Kühlungsmaßnahmen über organisatorische Maßnahmen hinaus notwendig.“

Hitze-App wird im Winter zur Kälte-App

Mehrere tausend Male wurde die Hitze-App bereits kurz nach der Präsentation downgeloadet, wie Heider von der AK Wien betont. „Ich gehe von einer deutlichen Zunahme der Inanspruchnahme der Hitzefrei-Regelung am Bau aus.“ Und noch etwas kann die App. Ab November stellt sie sich automatisch um. Dann warnt sie Bauarbeiter:innen, wenn die Temperatur den kritischen Punkt von minus zehn Grad erreicht. Das ist die andere Schwelle, bei der Arbeigeber:innen reagieren sollten. Aus der Hitze-App wird dann also eine Kälte-App. Die App steht im Play Store und im App Store zum Download zur Verfügung.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in der Privatwirtschaft, ehe er mit Anfang 30 Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren begann. Er schreibt für unterschiedliche Publikationen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Sport.

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