Warum Klimaschutz eine soziale Frage ist?

Illustrationen (C) Franzi Draws / Adobe Stock
Warum im Zuge der Klimaschutz-Debatte auch soziale Aspekte berücksichtigt werden müssen und was bei der Umsetzung der Klimaschutz-Ziele zu beachten ist.
Die Tatsache, dass der Klimaschutz eine wichtige Thematik ist, hat nun auch Einzug in die Politik gefunden. Oder zumindest scheint es so, wenn man den Diskussionen zur anstehenden Nationalratswahl lauscht. Was viele jedoch noch nicht realisiert haben: Klimaschutz ist (auch) eine soziale Frage.

Brennpunkte Arbeit und Wohnen

Die Erderhitzung ist Realität. Wir alle werden damit leben müssen, wenn die Temperaturen weiter ansteigen. Fakt ist jedoch auch, dass dies nicht alle im gleichen Ausmaß belasten wird. Was bedeutet dies nun für die Politik? Ganz klar: Im Zuge der Klimaschutz-Debatte müssen auch soziale Aspekte berücksichtigt werden.

Hitzeschutz am Arbeitsplatz ab 25 Grad im Innenbereich und 32 Grad im Freien.

So etwa beim Hitzeschutz am Arbeitsplatz. Denn die gesundheitlichen Belastungen am Arbeitsplatz werden steigen. Die AK fordert daher eine verpflichtende Senkung der Raumtemperatur unterhalb von 25 Grad Celsius im Innenbereich und bei Außentemperaturen von über 32 Grad sollen ArbeitgeberInnen technische und organisatorische Schutzmaßnahmen treffen.

Leistbares Wohnen macht auch Hitzeschutz leistbar.

Auch im Bereich des Wohnens sind Maßnahmen zu treffen. Stichwort leistbarer Wohnraum – denn wer am privaten Wohnmarkt bereits 30–40 Prozent seines Gehalts für das Wohnen ausgibt, dem werden vermutlich auch die Mittel fehlen, diesen Wohnraum so zu gestalten, dass er die Hitze erfolgreich abzuschirmen vermag.

Die klimapolitische Verteilungsfrage

Und noch ein weiterer Aspekt ist zu beachten: Klimaschutz ist auch eine Verteilungsfrage. Denn laut Berechnungen der britischen NGO Oxfam konsumiert klimaschädlicher, wer mehr Geld hat. Rund die Hälfte der Emissionen werden von den reichsten 10 Prozent verursacht. Oder in anderen Worten: Der CO2-Fußabdruck der reichsten zehn Prozent ist zehnmal so groß wie jener der unteren 50 Prozent.

Der CO2-Fußabdruck der reichsten zehn Prozent ist zehnmal so groß wie jener der unteren 50 Prozent.

Wie das zu begründen ist? Zunächst kann gesagt werden, dass Personen, die über mehr Geld verfügen, sich eher ein eigenes Auto zulegen können bzw. auch öfter in den Urlaub fahren oder besser gesagt fliegen können. Natürlich kann dies nicht pauschaliert werden, denn es gibt auch Reiche, die umweltschonend leben. Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit zu mehr CO2-Emissionen höher, wenn mehr Kapital zur Verfügung steht. Und das machen auch die Zahlen deutlich.

Fasst man dies nun zusammen, ergibt sich folgendes Paradoxon: „Die oberen Einkommensschichten verursachen mehr CO2-Emissionen, aber die niedrigeren sind mehr von den Umweltbelastungen betroffen“, so Matthias Schnetzer, AK-Verteilungsexperte.

Wenn man Klimapolitik diskutiert, muss daran gedacht werden, dass umweltfreundliches Agieren nur unter Berücksichtigung der sozialen und gesellschaftlichen Auswirkungen auch Sinn macht. Und damit wird alles noch eine Spur komplexer. Denn es gilt nicht nur, der Klimakrise entgegenzusteuern, sondern auch darauf zu achten, dass dies nicht auf dem Rücken jener Personen geschieht, die eigentlich am wenigsten dafür verantwortlich sind. Michael Soder der AK Wien weist daher darauf hin: „Aus diesem Grund wurde bereits im Pariser Abkommen aus dem Jahr 2015 das Konzept von ‚Just Transition‘ als bedeutender Baustein einer zukunftsfähigen Klima- und Energiepolitik aufgenommen“.

Strukturwandel als „Just Transition“

Was bedeutet „Just Transition“? Beschäftigte im Zuge des Strukturwandels zu unterstützen und vor dessen negativen sozialen Auswirkungen zu schützen

Doch was versteht man unter dem Begriff „Just Transition“? Christine Prielinger, Wirtschaftsuniversität Wien, klärt auf: „Ursprünglich von der internationalen Gewerkschaftsbewegung verwendet und bekannt gemacht, wird der Begriff ‚Just Transition‘ mit Konzepten verbunden, die darauf abzielen, Beschäftigte im Zuge des Strukturwandels zu unterstützen und vor dessen negativen sozialen Auswirkungen zu schützen.“

Das bedeutet: „‚Just Transition‘-Konzepte sind darauf ausgerichtet, den Übergang zu erleichtern und sozial verträglicher zu gestalten“, indem Umwelt-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik miteinander verknüpft werden. Soder ergänzt: „Damit sollen berechtigte Widerstände innerhalb der Bevölkerung gegen die Lenkungs- und Gestaltungswirkungen klima- und energiepolitischer Maßnahmen frühzeitig aufgelöst werden.“

‚Just Transition‘-Konzepte sind darauf ausgerichtet, den Übergang zu erleichtern und sozial verträglicher zu gestalten. Damit sollen berechtigte Widerstände innerhalb der Bevölkerung gegen die Lenkungs- und Gestaltungswirkungen klima- und energiepolitischer Maßnahmen frühzeitig aufgelöst werden.

Christine Prielinger, Wirtschaftsuniversität Wien

Dass viel Geld benötigt wird, um beispielsweise neue Energiequellen zu erschließen sowie die Infrastruktur umzustrukturieren, steht außer Frage. Dazu wird die Finanzierung des öffentlichen Sektors benötigt. Aber: „Ökologische und soziale Herausforderungen müssen nicht nur berücksichtigt, sondern explizit zusammengedacht werden“, hält Soder fest. Nur so schaffen wir eine erfolgreiche Umsetzung der Klimaziele, die auch einen gerechten Übergang für alle sicherstellen kann.

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„Just Transition“: Weil Klimapolitik eine soziale Frage ist!

Über den/die AutorIn

Beatrix Mittermann

Beatrix Mittermann

Beatrix Mittermann hat internationale Betriebswirtschaft an der WU Wien, in Thailand, Montenegro und Frankreich studiert. Sie ist Autorin, Schreibcoach, Redakteurin des ÖGB Verlags sowie freie Redakteurin für diverse Magazine und Blogs.