In den mexikanischen Austragungsorten in Guadalajara, Monterrey und der Hauptstadt nutzt die WM zwar bestehende Stadien. Aber rundherum entstanden in den vergangenen Monaten neue Straßen, Parkplätze, Hotels, Einkaufszentren und Wohngebiete.
Schlechte Bedingungen für migrantische Arbeitskräfte
„Wir beobachteten vor allem in Mexiko-Stadt den Einsatz von migrantischen Bauarbeiter:innen, die überwiegend aus Venezuela und Haiti stammten, und über Subunternehmer beschäftigt wurden“, erklärt ein Aktivist der „Frente Nacional por las 40 Horas“, der anonym bleiben will. Die mexikanische Organisation überwachte die Rechte von Beschäftigten während der Vorbereitungen zur WM. „Außerdem wurden Menschen, die informellen Tätigkeiten nachgehen – etwa Kioskbetreiber:innen und Sexarbeiter:innen – aus den Gebieten rund um das Stadion vertrieben.“ Dass bei den Baumaßnahmen Arbeitsrechte auf der Strecke blieben, belegen auch Berichte der Bauarbeiter:innen selbst. „Frente Nacional por las 40 Horas“ führte anonyme Interviews mit Beschäftigten durch, die an FIFA-Projekten beteiligt waren, und legte offen, wie prekär deren Arbeitsalltag ist. „Migrantische Arbeitskräfte wurden von Subunternehmen angestellt, nicht offiziell registriert und verfügten über keinerlei Krankenversicherung, obwohl diese in Mexiko verpflichtend ist“, heißt es von dem Aktivisten.
Leben auf der Straße wegen steigender Mieten
In der mexikanischen Hauptstadt arbeiteten Beschäftigte etwa am Bau von zwei siebenstöckigen Gebäuden mit Hotels und Büros, einem Einkaufszentrum, drei mehrstöckigen Parkhäusern sowie an der Calzada de Tlalpan. Einer Straße, die Fußgänger:innen und Fahrzeuge vom zentralen Hauptplatz namens Zócalo im Norden der Stadt zum „Aztekenstadion“, dem Austragungsort weiter südlich, führt. Arbeiter:innen, die am Bau der Hochstraße beteiligt waren, hätten laut „Frente Nacional por las 40 Horas“ auf der Straße geschlafen. Es seien keine leistbaren Wohnungen in der Nähe ihres Arbeitsplatzes verfügbar gewesen. Die Wohnkosten in der Stadt seien explodiert – für Beschäftigte ebenso ein Problem wie für die Anwohner:innen.
Migrantische Arbeitskräfte wurden von Subunternehmen angestellt
nicht offiziell registriert und verfügten über keinerlei Krankenversicherung,
obwohl diese in Mexiko verpflichtend ist.
Aktivist (anonym), Frente Nacional por las 40 Horas
Verdrängung von Kleinunternehmern und Sexarbeiterinnen
Unerschwingliche Wohnkosten waren aber nur ein Teil des Problems. Rund 300 Mieter:innen von Geschäften und Kiosken entlang der Calzada de Tlalpan wurde infolge der Bauarbeiten für die Hochstraße mit Räumung gedroht. „Dank unseres Kampfes und unserer Proteste konnten wir verhindern, dass unsere Geschäftslokale geräumt werden“, erklärt Ricardo Gutierrez. Er betreibt seit mehr als 40 Jahren einen Schönheitssalon an der Calzada de Tlalpan. Den hat er schon er von seinem Vater übernommen. „Die Regierung behandelte uns wie Müll. Wegen solcher Entwicklungen verlieren viele Menschen jedes Interesse an Fußball“, sagt er.
Ähnliche Probleme prangern die Sexarbeiter:innen in dem Viertel an. Sie haben sich im Kollektiv CLap! organisiert und Straßenproteste abgehalten, um gegen staatliche Gewalt und die von ihnen beklagte „soziale Säuberung“ zu protestieren. So wie die Betreiber:innen von Geschäften berichten auch sie von Arbeitsausfall.
Gewerkschaften erhalten Zugang zu den Baustellen
Zumindest die Einbindung von Gewerkschaften konnte im Vorfeld des Turniers sichergestellt werden. „Anfangs wurde uns der Zugang zu den Baustellen verweigert,” erklärt Ambet Yuson. Er ist Generalsekretär der Building and Wood Workers’ International (BWI). Der globale Gewerkschaftsbund vertritt rund 12 Millionen Beschäftigte in über 100 Ländern in der Bau-, Holz-, Forstindustrie und verwandten Sektoren. „Nach der Unterzeichnung des Memorandums of Understanding zwischen BWI und FIFA im Oktober 2025 hatte sich der Zugang verbessert. Unabhängige Inspektionen waren möglich“, ergänzt Yuson. Man habe im Vorfeld einen klaren politischen Willen seitens der Behörden festgestellt, den Dialog zu suchen und stärkere Kontrollen zu unterstützen.
Weitere Proteste vor Turnierbeginn
Die Sorgen rund um das Turnier bestehen dennoch fort. Um darauf aufmerksam zu machen, wurde am Tag der Wiedereröffnung des renovierten Aztekenstadions am 28. März eine große Demonstration vor dem Stadion organisiert. Weitere Proteste wie ein Lehrer:innenstreik mit Demonstrationszug ins historische Zentrum von Mexiko-Stadt, ein Anti-FIFA-Fußballturnier und eine symbolische Gegen-Eröffnungsfeier am Vorabend des Turniers sind geplant. Ein Grund dafür ist auch, dass sich viele Menschen in Mexiko das sportliche Großereignis nicht leisten können.
Die günstigsten Eintrittskarten kosteten rund 9.000 Pesos (etwa 400 Euro). Ungefähr so viel wie ein durchschnittlicher Monatslohn in dem nordamerikanischen Land, wie die Aktivist:innen von „Frente Nacional por las 40 Horas“ erklären. Für die Mehrheit der Beschäftigten sei das unerschwinglich. Kein Wunder also, dass das Turnier mittlerweile als „mundial del despojo“ bezeichnet wird – die Weltmeisterschaft der Enteignung und Verdrängung.
Dieser Artikel ist Teil der Initiative „GAME ON! Sport for Human Rights“ der NGO Fair Play. Das Projekt umfasst Sensibilisierungs-, Bildungs-, politische, mediale und internationale Kooperationskampagnen sowie entsprechende Aktivitäten.
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Dabei ist Ungleichheit kein Naturgesetz. Wie wir uns wehren können, erklären @sarahassan.bsky.social und Josefa Niedermaier hier.
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— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 20. Februar 2026 um 14:56