Coverstory: Von Proleten und anderen Ungerechtigkeiten

Foto (C) Michael Mazohl
Fotos (C) Michael Mazohl
Klassenkampf wird heutzutage als Schimpfwort verwendet, oder gar als Vorwurf jenen gegenüber, die sich für eine gerechte Gesellschaft einsetzen.

Inhalt

  1. Seite 1 - Klassenkampf und Proletariat als Schimpfwort
  2. Seite 2 - Gerechte Chancen für alle
  3. Seite 3 - Regierungspläne: Kürzungen bei den Armen
  4. Seite 4 - Regierungspläne II: Mehr für jene, die bereits mehr haben
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Man mag es für eine sehr bemühte Metapher halten oder für einen Witz mit enorm langem Bart. Weniger bemüht oder witzig aber ist das, was dahintersteckt, wenn man sagt: Wenn es in Österreich einen Ort gibt, an dem Klassenkampf geführt werden müsste, so ist es das Klassenzimmer. Denn wenn es eine Institution gibt, die unterschiedliche soziale Schichten in ihrer Position festschreibt, so ist es in Österreich die Schule.

„Aber Moment mal!“, mögen Sie denken. „Klassen, das ist doch ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert. Klassenkampf, das klingt nach Straßenkampf, verhärteten Positionen, verbohrter Ideologie, wenn nicht gar nach Bürgerkrieg. All das sollte doch schon längst überwunden sein.“ Freilich, Begriffe wie Proletariat und Bourgeoisie, Arbeit und Kapital wurden von Karl Marx und Friedrich Engels im 19. Jahrhundert geprägt. Berechtigterweise kann man sich also fragen, was sie mehr als 200 Jahre später noch in der Diskussion verloren haben. Besonders nach dem Untergang des Realsozialismus, der diese Begriffe dafür missbraucht hat, um Menschen zu verfolgen und zu unterdrücken.

Es ist wohl kein Zufall, dass VertreterInnen aus den Reihen von Regierung und Wirtschaft genau dieses Wort in den Mund nehmen, um KritikerInnen in Bedrängnis zu bringen. Denn wer möchte schon in die Nähe eines unterdrückerischen Regimes gerückt werden? Wer will sich heutzutage unterstellen lassen, Straßenkampf führen zu wollen – heute, wo die Stimmung ohnehin wieder sehr brodelt? Von daher mag es auch seltsam klingen, ausgerechnet für das Klassenzimmer einen Klassenkampf zu fordern. Seltsam ist es allerdings nur dann, wenn man den Begriff Klassenkampf so versteht, wie gerade ausgeführt wurde.

Denn eins muss man festhalten: Was hinter den Begriffen Bourgeoisie und Proletariat steckt, ist aktuell wie noch vor 200 Jahren. So wird auch heute niemand ernsthaft infrage stellen, dass die Gesellschaft nicht homogen ist, sondern aus unterschiedlichen sozialen Gruppierungen besteht – und dass diese Gruppierungen durchaus unterschiedliche Interessen haben. Nichts anderes haben Marx und Engels im Grunde aufgezeigt, nur dass die Gesellschaft heute zweifellos anders aussieht als damals.

Ein grundlegender Widerspruch hat sich aber bis heute gehalten: Wer arbeitet, hat andere Interessen als jene, die Arbeitsplätze anbieten und/oder über Kapital verfügen. Bis heute ist nicht minder wahr, dass es auf der einen Seite Menschen gibt, die über Vermögen verfügen – sei es Geld, Immobilien, Firmen oder andere Vermögenswerte, nicht zuletzt an den Finanzmärkten. Manche von ihnen können dieses Vermögen gar für sich arbeiten lassen. Währenddessen gibt es auf der anderen Seite Menschen, die nur oder überwiegend über jenes Geld verfügen können, das sie mit ihrer Arbeit verdienen.

Großer Fortschritt

Proletariat ist inzwischen zu einem Schimpfwort geworden, aber heutige Beschäftigte haben mit den ProletarierInnen von damals eins gemeinsam: Sie bieten ihre Arbeitskraft an. Freilich gibt es auch unter ihnen jene, die mehr verdienen, und jene, die weniger verdienen. Jene, die verhältnismäßig sichere Arbeitsplätze haben, und jene, die sich durch das Prekariat kämpfen. Jene, die Arbeit haben, und jene, die verzweifelt einen Job suchen. Zugleich ist ein großer Unterschied und Fortschritt im Vergleich zum 19. Jahrhundert feststellbar: Es gibt einen Wohlfahrtsstaat, der die Menschen vor bestimmten Risiken schützt, ihnen bessere Chancen ermöglicht und der Ungleichheit in der Gesellschaft entgegenzuwirken versucht.

Dieser Wohlfahrtsstaat kann allerdings nur dann funktionieren, wenn er auch mit entsprechenden finanziellen Mitteln ausgestattet ist. Von daher muss die Frage erlaubt sein, ob denn alle entsprechend ihrer Möglichkeiten einen Beitrag dazu leisten. Die bittere Antwort lautet: Davon sind wir weit entfernt. Denn der österreichische Sozialstaat wird zu 80 Prozent von ArbeitnehmerInnen und KonsumentInnen finanziert, aber nur in einem minimalen Ausmaß von Unternehmen und Vermögenden. Noch bitterer ist die Tatsache, dass die Regierung momentan daran arbeitet, dieses Ungleichgewicht weiter zu verschärfen (siehe „Verteilung von unten nach oben“).

Eins muss klar sein: Wer den Wohlfahrtsstaat beschneidet, spart genau an jenem Instrument, das für eine gerechte Verteilung des Wohlstands sorgt. Letzterer ist nämlich auch in Österreich weiterhin ungleich verteilt. Der Sozialstaat greift hier ausgleichend ein – und das durchaus mit großem Erfolg. Das bedeutet aber keinesfalls, dass alles in bester Ordnung wäre. Denn so traurig es ist: Gerade das Bildungssystem sortiert jene aus, deren Eltern nicht genug verdienen, deren Eltern nicht in den Genuss von höheren Bildungschancen gekommen sind, deren Eltern aus anderen Ländern nach Österreich gekommen sind, um am österreichischen Wirtschaftswunder mitzuwirken. Selbst die großen Bildungsreformen der Ära Kreisky haben hier keine grundlegende Veränderung gebracht, auch wenn sie zweifellos vieles zum Positiven verändert haben.

Foto (C) Michael Mazohl

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  1. Seite 1 - Klassenkampf und Proletariat als Schimpfwort
  2. Seite 2 - Gerechte Chancen für alle
  3. Seite 3 - Regierungspläne: Kürzungen bei den Armen
  4. Seite 4 - Regierungspläne II: Mehr für jene, die bereits mehr haben
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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin – und Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft.