Coverstory: 2 Seiten mit 1 Interesse

Inhalt

  1. Seite 1 - Vertretung vs. direktes Verhandeln
  2. Seite 2 - Zeit- und Ressourcenschonung
  3. Seite 3 - Offenheit, Kritik und Mut
  4. Seite 4 - Ständiger Veränderungsdruck
  5. Auf einer Seite lesen >
Konflikte und Kampfmaßnahmen sind nur eine Seite der Betriebsratsarbeit. Allermeist läuft es zwischen Management und Betriebsrat gut und vertrauensvoll ab. Davon profitieren Belegschaft, Führungskräfte und oft auch das Geschäft.

Laut nachdenken können

Das sieht auch Silvia Hruška-Frank, stellvertretende Leiterin der Abteilung Sozialpolitik in der AK Wien, so: „Es wäre ein totales Missverständnis, wenn man glauben würde, dem Betriebsrat ginge es nicht darum, dass es dem Unternehmen gut geht.“ Um die Geschäfte gemeinsam voranzutreiben, ohne dass die MitarbeiterInnen auf der Strecke bleiben, ist die Vertrauensbasis essenziell – das betonen auch ManagerInnen. Erste-Personalchefin Mlnarsky: „Ich erachte es als wertvoll, wenn ich mich mit dem Betriebsrat unterhalten kann, ohne dass es sofort veröffentlicht wird.“ Sie schätzt es, „einfach einmal laut nachdenken zu können, ohne mich sofort einzementiert zu fühlen“. In einem Unternehmen zu arbeiten, in dem ein Betriebsrat verboten wird, kann sich Mlnarsky übrigens gar nicht vorstellen: „Das ist ein Armutszeugnis für ein Management.“ Es sei ihrem Wertempfinden nach falsch, wenn Geschäftsführer MitarbeiterInnen, die einen Betriebsrat gründen wollen, sagen: „Wehe, ihr traut euch das!“
Ist das Vertrauen zwischen Management und Betriebsrat gut und die Zusammenarbeit anstatt von permanenter Konfrontation von dem gemeinsamen Verfolgen von Zielen geprägt, kann Betriebsratsarbeit auch Spaß machen – und das sollte sie auch, sagt Silvia Hruška-Frank. Sie verschweigt aber auch nicht, dass die Arbeit immer herausfordernder wird. Nicht nur Alltägliches wie Arbeitsverträge, kollektivvertragliche Einstufungen, der Umgang mit erhöhtem Arbeitsdruck, hohen Teilzeitquoten und vielem mehr fordern Betriebsräten Durchhaltevermögen, Verhandlungsstärke und Fingerspitzengefühl ab. Dazu kommt laut Hruška-Frank, dass sich Menschen heute als viel individualisierter wahrnehmen und Betriebsräte deshalb eher auf die Interessen Einzelner eingehen müssen.

Offene und vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Management und Betriebsrat hat einen Lohn: Der soziale Frieden im Unternehmen wird gesichert, das Betriebsklima positiv beeinflusst, Autonomie und Arbeits­zufriedenheit der MitarbeiterInnen steigen. Und Betriebsräte tragen beginnende Konfliktsituationen frühzeitig an die Führungsebene heran.

Ständiger Veränderungsdruck

Eine der größten Herausforderungen liegt im wirtschaftlichen Umfeld, das sich durch Globalisierung und Technologie so rasant wandelt, dass auch die meisten Unternehmen ständig im Veränderungsmodus sind. Heinz Leitsmüller, Leiter der Abteilung Betriebswirtschaft in der AK Wien, beobachtet vor allem in größeren internationalen Unternehmen, dass Umstrukturierung zur Routinearbeit geworden ist – und damit auch zum Hauptjob vieler Betriebsräte. Sie müssen nicht nur dafür sorgen, dass die Auswirkungen der Veränderungen möglichst wenige negative Folgen für die Belegschaft haben, sondern auch vorausdenken und etwa rechtzeitig Umschulungsmaßnahmen anregen. Leitsmüller: „Früher war Umstrukturierung die Ausnahme, heute ist es eher die Regel.“ In manchen Branchen, etwa im Finanzsektor oder in der IT, sei permanentes Abfedern zur Hauptaufgabe des Betriebsrats geworden.

Ein großes Problem ist jedoch, dass viele strategische Entscheidungen mittlerweile nicht mehr frühzeitig mit dem Betriebsrat besprochen werden. Leitsmüller zufolge wird es die für Belegschaftsvertretungen immer schwieriger, rechtzeitig Informationen über gravierende Entscheidungen wie veränderte Standorte oder neue Produkte zu erhalten: „Diese Entscheidungen rücken in die Konzernsitze. Die Betriebsräte haben sie dann nicht mehr am Radar.“ Dabei macht es auch aus Sicht des Managements Sinn, frühzeitig zusammenzuarbeiten. Für Sabine Mlnarsky von der Ersten ist es sogar eine goldene Regel: „Involviere den Betriebsrat so früh wie möglich.“

Lohn der guten Zusammenarbeit

Eine offene, vertrauensvolle Zusammenarbeit von Management und Betriebsrat, hinter der gemeinsame Ziele stehen, hat einen Lohn, der gar nicht so klein ist: Der soziale Frieden im Unternehmen wird gesichert, das Betriebsklima positiv beeinflusst, Autonomie und Arbeitszufriedenheit der MitarbeiterInnen steigen. Betriebsräte helfen zudem, Konfliktsituationen frühzeitig zu erkennen, und tragen Informationen von der Mitte des Unternehmens bis zur höchsten Führungsebene. Wenn es nicht so rund läuft oder große Veränderungen ins Haus stehen, machen sie dem Management Vorschläge für konstruktive Lösungen. „Wir wissen, dass Unternehmen durch diese Umstände besser dastehen und produktiver sind“, hält Silvia Hruška-Frank fest. Um das sagen zu können, braucht es nicht nur knallharte wissenschaftliche Daten, dies zeigen auch die jahrelangen Erfahrungen mit den Betrieben und BetriebsrätInnen.

Von
Alexandra Rotter

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 1/18.

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  1. Seite 1 - Vertretung vs. direktes Verhandeln
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Über den/die Autor*in

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter

Alexandra Rotter hat Kunstgeschichte in Wien und Lausanne studiert. Sie arbeitet als freie Journalistin in Wien und schreibt vor allem über Wirtschaft, Gesellschaft, Technologie und Zukunft.