Betriebsräte im Tourismus: Ducken oder aufmucken

Marcel Hortensky vor dem Hotel, wo er einst einen Betriebsrat ins Leben rief, um sein Mitspracherecht angesichts interner Missstände zu erhöhen.
(C) Markus Zahradnik
Was tun Beschäftigte, die am Arbeitsplatz von Missständen betroffen sind? Manche beschweren sich beim Arbeitgeber bzw. der Arbeitgeberin oder, sofern vorhanden, der Arbeitnehmer:innenvertretung. Andere verlieren ihren Job. Und einige gründen einen Betriebsrat. Doch speziell im Tourismus ist das schwierig.
Begonnen hatte er sein Engagement für Arbeitnehmer:innen als Kochlehrling in einem großen Hotel einer US-amerikanischen Kette in Wien. In den 1970er-Jahren, mit 17, war Rudolf „Rudi“ Kaske einer der allerersten Jugendvertrauensräte des Landes, eine Art Betriebsrat für Auszubildende. Fast 50 Jahre hatte er verschiedene Funktionen in Arbeitnehmer:innenvertretungen inne, zuletzt an der Spitze der Arbeiterkammer (AK) und somit als Vorgänger von Renate Anderl.

Damals wie heute war das Einhalten des 8-Stunden-Tages in den touristischen Dienstleistungsbetrieben ein großes Problem. Momentan verschärft die Corona-Pandemie die Arbeitslage für alle – in der Tourismusbranche besonders. Gesetze sind dennoch einzuhalten. Ebenfalls als Mitarbeiter eines Wiener Hotels nahm deshalb Marcel Hortensky seinen ganzen Mut zusammen, prangerte Unregelmäßigkeiten im Betrieb an und gründete selbst einen Betriebsrat.

„Die Überstunden wurden nicht ordentlich abgegolten, mir wurden immer wieder ein paar Urlaubstage zu viel abgezogen“, erzählt der mittlerweile ehemalige Hotelangestellte und nunmehrige Gewerkschaftsmitarbeiter. Die Buchhaltung erledigte eine mit dem Hotelbetreiber befreundete Steuerberatungskanzlei – was Marcel Hortensky umso mehr den Verdacht schöpfen ließ, dass die Abrechnung bewusst zugunsten des Unternehmens erfolgte. „Das haben nicht alle Kolleg:innen so genau genommen. Jene aus osteuropäischen Ländern haben sich mit dem Gedanken zufriedengegeben, dass sie trotz der Unregelmäßigkeiten hier mehr verdienen als zu Hause.“

Aus eigenem Interesse boxte Hortensky schließlich mit Unterstützung der Gewerkschaft die Betriebsratsgründung durch. Was folgte, waren Versuche des Arbeitgebers, den jungen Arbeitnehmer:innenvertreter zu mobben und ihm Informationen vorzuenthalten, die Belegschaft mit falschen Auskünften zu manipulieren, sie auseinanderzudividieren oder ihr mit Kündigungen zu drohen. Das Arbeitsklima wurde – zusätzlich zur Pandemie – noch belastender. „Wenn der einzige Motivator die Angst vor dem Jobverlust ist, leidet die Arbeitsqualität. Das ist schade. Ein Betriebsrat ist wichtig und hilfreich, weil er niederschwellig Gespräche mit den Arbeitnehmer:innen zwischen Tür und Angel ermöglicht. Und Missstände gibt es überall im Tourismus, vor allem in der Gastronomie.“ In Wirtschaftsbranchen mit saisonal stark schwankendem Beschäftigungsvolumen und hoher Personalfluktuation, wie etwa im Bau, Tourismus und in der Saison-Hotellerie, greift das Betriebsratsmodell nicht. Das bestätigt eine Analyse der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeit (FORBA). „Die Zwei-Saisonen-Betriebe haben zweimal vier Monate offen, die anderen einmal sechs bis acht Monate, und dann gehen die Mitarbeiter:innen und kommen wieder – oder es kommen neue. Da kriegen sie keinen Betriebsrat auf die Reihe, so schnell können sie gar nicht sein. Und es ist auch kein gewerkschaftliches Interesse, alle sechs Monate den gleichen Prozess zu durchlaufen – da versucht man, die Leute anders zu binden und zu gewinnen, aber nicht als Betriebsrat.“ So schildert die Lage laut FORBA-Studie Andreas Gollner, zuständiger Fachbereichssekretär in der Gewerkschaft vida. Sie vertritt die Interessen der 200.000 Beschäftigten im Hotel- und Gastgewerbe und in der Systemgastronomie.

Man hat ganz deutlich bei den KV-Verhandlungen der Metaller gesehen, was möglich ist.

Berend Tusch, vida Fachbereich Tourismus

Die faktische Belegschaftsmacht ist abhängig von der Betriebsgröße. Tatsächlich ist das in Österreich etablierte Betriebsratsmodell in Unternehmen mit stark dislozierten Arbeitsstätten (Baustellen etc.) bzw. in Branchen mit saisonal stark schwankenden Belegschaftsgrößen offenbar nicht funktional. Laut FORBA wurden zwar gewerkschaftsintern alternative bzw. zum Betriebsratsmodell „komplementäre Vertretungsstrukturen“ angedacht und in bestimmten Wirtschaftssegmenten auch (informell) realisiert. Beispielsweise die „Interessengemeinschaften“ der GPA oder im Bereich der Montagearbeit und teilweise der Leiharbeit die „Vertrauenspersonenstruktur“.

Verallgemeinerungsfähige Vertretungsmodelle wurden bisher nicht entwickelt. „Insbesondere wären betriebslokale oder lokal branchenbezogene oder rein lokale Lösungen in stark dezentral organisierten Unternehmen bzw. dislozierten Arbeitsstätten und Shopping-Centern notwendig – also dort, wo der Betriebsrat, selbst wenn er vorhanden ist, keine reale Chance hat, die Gesamtheit der Beschäftigten zu erreichen“, heißt es in der Untersuchung.

„Auch die Gewerkschaftsbewegung muss hier neue Wege gehen – das Thema Social Media zum Beispiel wird immer wichtiger“, unterstreicht auf Anfrage Berend Tusch, Vorsitzender des Fachbereichs Tourismus in der Gewerkschaft vida. „Solange sich die Arbeitgeber:innen aber nicht mit der großen Stärke der Arbeitnehmer:innen konfrontiert sehen, werden sie am Verhandlungstisch nicht nachgeben. Man hat ganz deutlich bei den KV-Verhandlungen der Metaller gesehen, was möglich ist. Diese Kraft hätten wir auch im Tourismus“, ist Arbeitnehmer:innenvertreter Tusch zuversichtlich.

Über den/die Autor*in

Heike Hausensteiner

Heike Hausensteiner ist seit ihrer Schulzeit Anhängerin der Aufklärung. Aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie im Burgenland, studierte sie Sprach- und Europawissenschaften in Paris, Mailand, Wien und Krems/Donau. Als politische Redakteurin begann sie ihre journalistische Laufbahn 1996 bei der "Wiener Zeitung", wo sie u.a. auch das Europa-Ressort gründete. Nach einjähriger Baby-Karenz machte sie sich 2006 selbstständig und arbeitet seither als freie Journalistin für Zeitungen, Magazine und Online-Medien in Österreich und Deutschland sowie als Autorin (u.a. "Im Maschinenraum Europas. Die österreichische Sozialdemokratie im Europäischen Parlament", 2013) und Moderatorin. Sie lebt mit ihrer Familie und 2 Katzen in Wien.