Sie gehen dieses Jahr das erste Mal als Chefverhandlerin in die anstehenden KV-Verhandlungen. Wie bereitet man sich auf so eine Aufgabe vor?
Linda Keizer: Wir haben die letzten Monate genau hingesehen, wo der Schuh drückt und welche Veränderungen es braucht, damit die Beschäftigten ihrer Arbeit im Handel auch bestmöglich nachgehen können. Dieser Austausch ist das Fundament für die KV-Verhandlungen, aber als Gewerkschaftsbewegung möchten wir natürlich auch im Alltag möglichst präsent und greifbar für die Beschäftigten sein. Im Endeffekt geht es immer darum, herauszufinden, was den Kolleg:innen am meisten unter den Nägeln brennt. Im Handel ist das, wenig überraschend, das Einkommen.

Ihr Gegenüber, WKÖ-Handelsobmann Rainer Trefelik, hat bereits angekündigt, die Erwartungshaltungen beider Seiten lägen „extrem weit auseinander“. Mit welchen Zielen gehen Sie in die Verhandlungen?
Die Handelsbeschäftigten leisten sehr gute Arbeit, aber die Rahmenbedingungen in der Branche werden immer schwieriger. Die genauen Forderungen werden in unseren Gremien beschlossen, dem will ich nicht vorweggreifen. Aber gerade angesichts der Teuerung braucht es eine Gehaltserhöhung, die die Kaufkraft der Beschäftigten stärkt. Die rollierende Inflation ist dafür die Grundlage, aber sicher nicht unsere Obergrenze.
Bereits die Handelsabschlüsse der vergangenen Jahre lagen unter der Inflation, auch die Metaller, die Beamten, die Pensionist:innen mussten dieses Jahr Kaufkraftverluste hinnehmen. Wie gut schätzen Sie Ihre Chancen da ein?
Man muss irgendwann einmal auch „Stopp“ sagen. In der Metallindustrie gab es einen Krisenabschluss, weil über 10.000 Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Mit dem Handel, der vom Konsum der Bevölkerung lebt, ist das de facto nicht vergleichbar. Im Gegenteil: Wir erleben im Handel gerade einen Aufschwung. Und man muss klipp und klar sagen: Wir als Arbeitnehmer:innen haben unseren Teil dazu beigetragen, dass sich die Branche erholen kann. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Kolleg:innen das bekommen, was ihnen zusteht.
Die Handelsbeschäftigten leisten sehr gute Arbeit, aber die Rahmenbedingungen in der Branche werden immer schwieriger.
Linda Keizer, Chefverhandlerin für den Handel
Im Handel hapert’s nicht nur beim Einkommen, auch die Arbeitsbelastung ist oft enorm. Angestellte berichten, es fehle manchmal sogar die Zeit, um zwischendurch aufs WC zu gehen. Inwiefern wird es bei den anstehenden Verhandlungen nicht „nur“ ums Geld gehen?
Der Leistungsdruck ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen und das werden wir in den Verhandlungen natürlich thematisieren. Der Zeitstress ist durch die knappen Personaldecken enorm, gleichzeitig steigen die Anforderungen durch höhere Kundenerwartungen und technische Entwicklungen. Dass der Betrieb im Alltag trotzdem funktioniert, liegt oft nur am persönlichen Einsatz der Beschäftigten.
Das klingt jetzt nicht gerade nach rosigen Zeiten, die da bevorstehen …
Schwarzzumalen und sich einfach auf das Durchhaltevermögen der Beschäftigten zu verlassen, ist aber kein tragfähiges Zukunftsmodell. Gerade angesichts der steigenden Konkurrenz durch Online-Plattformen sollten auch die Arbeitgeber:innen daran interessiert sein, ausreichend Zeit für die persönliche Betreuung und Beratung einzuplanen. Die Expertise der Beschäftigten vor Ort schafft genau den entscheidenden Mehrwert, den der Onlinehandel nicht bieten kann.
Als Sie 2021 zur Landessekretärin des ÖGB Niederösterreich gewählt wurden, meinten Sie, Sie möchten vor allem mehr junge Arbeitnehmer:innen ansprechen. Wie gelingt das in Zeiten wie diesen?
Wir haben zuletzt vermehrt auf digitale Kanäle gesetzt und viele neue Dinge ausprobiert. Wir wollen dorthin gehen, wo sich junge Menschen bewegen, wo sie vielleicht nachschauen, wenn sie Fragen zu einer Kündigung haben oder dergleichen. Diese neuen Kanäle sind wichtig und werden gut angenommen, aber natürlich können sie die herkömmliche Gewerkschaftsarbeit nur ergänzen. Den menschlichen, den persönlichen Kontakt kann nichts ersetzen. Auch in unserem Bundesausschuss haben wir mittlerweile viele junge und weibliche Stimmen drin. Ich habe in meiner Zeit bei der Gewerkschaft schon gelernt, dass Frauen etwas anders arbeiten als Männer, wir können einfach andere Perspektiven einbringen. Und allein das ist schon wertvoll, denn früher gab es diese Perspektiven und Stimmen nicht.
🗣️ Was hilft bei schwierigen Kollektivvertragsverhandlungen?
PRO-GE-Chef @reinholdbinder.bsky.social verhandelt normalerweise für die Metaller. Heuer pausiert die Branche wegen eines Zweijahresabschlusses.
💬 Welche Ratschläge hat er für andere Verhandler:innen?
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 13. Oktober 2026 um 18:00