In den vergangenen fünf Jahren wurden in Kärntner Unternehmen mit zehn bis 150 Beschäftigten 60 Betriebsratskörperschaften gegründet. Um Belegschaften ohne Betriebsrat zu erreichen, haben sich unterschiedliche Zugänge bewährt. Kommt etwa ein Mitglied zur ÖGB-Beratung, weil es Probleme mit der Arbeitszeiterfassung gibt, folgt meist die Frage, ob es einen Betriebsrat gibt. „In den meisten Fällen gibt es keinen, und das Problem betrifft oft nicht nur die eine Person, sondern auch andere Kolleg:innen“, sagt Riegler.
Unterstützung im privaten Umfeld
Dranbleiben lautet die Devise. Bei den Treffen der Kärntner Fachgewerkschaften sind Betriebsratsgründungen ein Topthema – und zwar immer. „Wir kommen regelmäßig zusammen und sprechen darüber, welche Betriebe interessant sind und wie die nächsten Schritte aussehen“, sagt Riegler. Auch im Austausch mit Betriebsrät:innen ist das Thema Neugründungen ein Dauerbrenner. Besonders wichtig sind dabei persönliche Kontakte – im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, im Sportverein, bei der freiwilligen Feuerwehr. Riegler: „Viele Betriebsrät:innen engagieren sich auch in anderen Organisationen, wo man Leute kennt und mit ihnen ins Gespräch kommt.“
Viele Betriebsrät:innen engagieren sich auch in anderen Organisationen, wo man Leute kennt und mit ihnen ins Gespräch kommt.
Gerd Riegler, Betriebsratsvorsitzender
Bei kleineren und mittleren Betrieben ist es nicht immer ganz einfach, Mitarbeiter:innen zu finden, die sich für den Betriebsrat zur Verfügung stellen. Melanie Kuster ist quasi gefunden worden. Sie ist Betriebsrätin bei der PreZero Polymers Austria GmbH in Haimburg im Kärntner Bezirk Völkermarkt. Das Kunststoffrecyclingunternehmen ist Teil einer international in der Kreislaufwirtschaft tätigen deutschen Unternehmensgruppe. Der Betriebsrat wurde 2023 auf Initiative eines Kollegen gegründet und Kuster zur Vorsitzenden eines vierköpfigen Teams gewählt, das nun die Interessen der 79 Mitarbeiter:innen vertritt. Kuster: „Ich wurde damals gefragt, ob ich im Betriebsrat mitarbeiten will, und habe zugesagt. Dann kam die Wahl, und der Kollege meinte: ‚Du weißt schon, dass wir dich als Vorsitzende wollen?‘ Nach einem kurzen Schockmoment habe ich mich dazu entschlossen, die Herausforderung anzunehmen.“
Direkter Kontakt
Am Kärntner Produktionsstandort verarbeiten Mitarbeiter:innen rund um die Uhr Kunststoffabfälle zu Rezyklat – wiederaufbereitetem Rohstoff. Kuster arbeitet als Qualitätsprüferin im Labor – nachts – und ist somit erste Anlaufstelle für die Nachtschicht. „Die Mitarbeiter:innen kommen mit ihren Fragen und Anliegen direkt zu mir ins Labor“, sagt sie. Geht es um Themen, die alle Schichten betreffen, beginnt sie früher oder bleibt etwas länger im Betrieb: „So treffe ich jede Schicht und kann alle informieren.“
Der direkte Kontakt zu den Mitarbeiter:innen sei ihr besonders wichtig. Damit die mehrsprachige Belegschaft alles versteht, was die Betriebsrätin zu sagen hat, stellt sie sicher, dass stets zumindest eine Person beim Übersetzen unterstützt. Sicherheit am Arbeitsplatz hat bei PreZero oberste Priorität. „Uns geht es darum, die Arbeit für die Mitarbeiter:innen so gut wie möglich zu gestalten – um ergonomisches Arbeiten und maximale Sicherheit“, sagt Kuster.
Digitale Arbeitswelt
Etwas anders läuft es in Unternehmen, deren Beschäftigte digital und dezentral arbeiten und wo es mitunter gar kein Büro mehr gibt. Florian Führer, Regionalsekretär der GPA in Graz, betreut die steirische IT-Branche. „Für uns ist die Schlüsselfrage, wie wir den Geist und die Rechte der Mitbestimmung in die digitale Arbeitswelt bringen“, sagt er. Die klassische Betriebsversammlung ersetzen sie zunehmend durch Videokonferenzen. Auch Online-Sprechstunden, wo Beschäftigte mit dem Betriebsrat reden können, sind eine Option. Vieles ist noch nicht ausgereift. „Der direkte Kontakt leidet in solchen Unternehmen. Gerade Betriebsratsarbeit lebt aber davon, weil Vertrauen im Gespräch entsteht“, so Führer.
😮 Was macht der Betriebsrat eigentlich den ganzen Tag? Eine ganze Menge!
💼 Zwischen Konflikten im Betrieb, Sitzungen, Anfragen aus der Belegschaft und dem eigenen Job bleibt oft kaum Luft.
🔎Wie man sich vor Überlastung schützen kann, verät Betriebsrätin Ute Groß in ihrer Kolumne.
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 22. September 2026 um 17:00
Kürzlich wurde etwa bei der LinkedIn Austria GmbH ein Betriebsrat gewählt. Und das mitten in einem Umbruch, der beispielhaft für die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt ist. Das Unternehmen baut weltweit 5 Prozent aller Stellen ab, auch die verbleibende Belegschaft in Österreich soll künftig ausschließlich im Homeoffice arbeiten. „Dass Beschäftigte in einer derart schwierigen Situation den Mut aufbringen, einen Betriebsrat zu gründen, verdient größten Respekt“, sagt Regionalsekretär Führer. Und gerade in diesen Arbeitswelten sei das Interesse an Betriebsratsgründungen groß. „In Zeiten von Umstrukturierungen zeigt sich, wie wichtig betriebliche Mitbestimmung und gewerkschaftlicher Zusammenhalt sind.”