Im Konflikt Europas mit Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping verlangte von der Leyen ein „stärkeres und unabhängigeres“ Europa. „In der kalten Fragilität der heutigen Welt kann nur Europa den Europäern echte Souveränität geben“, sagte sie in Straßburg. Ihren wohl überraschendsten Vorschlag machte sie in Richtung Kanada. Nicht etwa eine verbesserte Kooperation bot sie dem Land an, sondern gleich eine „assoziierte Mitgliedschaft in der EU“ – gewissermaßen eine Mitgliedschaft light.
Carney: Keine „Schönwetterverbündete“
Premierminister Mark Carney reagierte darauf einen Tag später bei einem Auftritt vor EU-Abgeordneten. Sowohl für Kanada als auch für Europa böten sich Alternativen zu bisherigen Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, dem Energiesektor, der Verteidigung sowie bei Forschung, Bildung und künstlicher Intelligenz. Junge Menschen könnten künftig leichter im jeweils anderen Raum leben, arbeiten und studieren. Es handele sich bei EU und Kanada nicht um „Schönwetterverbündete“, sondern um eine „Wahlverwandtschaft“ auf Grundlage gemeinsamer Werte und Ideen, sagte der Premier.

Carney betonte, die Partnerschaft ziele nicht auf die Bildung eines neuen Machtblocks ab, der mit großen Weltmächten konkurrieren will. Die Allianz zwischen Ottawa und Brüssel sei „eine positive Initiative, das ist meine Antwort an den amerikanischen Präsidenten“, welcher zuvor die assoziierte Mitgliedschaft als „lächerlich“ bezeichnet und beiden Seiten des Atlantiks mit neuen Zöllen und Handelsblockaden gedroht hatte.
Wirtschaftlich eng verflochten
Konkret wollen die EU und Kanada den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften ermöglichen und insbesondere gemeinsame digitale Infrastrukturprojekte vorantreiben. Ein rund 4.000 Kilometer langes Hochspannungs-Unterseekabel soll Kanada mit Europa verbinden, dazu kommen gemeinsame Rechenzentren und neue Satellitennetzwerke.
Für eine engere Partnerschaft gibt es bereits eine solide wirtschaftliche Grundlage: Mit insgesamt rund 490 Millionen Einwohner:innen machen die EU und Kanada derzeit fast ein Fünftel des weltweiten BIP und knapp 20 Prozent des weltweiten Handels mit Waren und Dienstleistungen aus, gab der Europäische Rat kürzlich bekannt. 2025 belief sich der Handel zwischen der EU und Kanada auf rund 131 Milliarden Euro.

Laut EU-Kommission ist die EU der zweitgrößte Handelspartner Kanadas nach den USA. Kanada belegt auf der Liste der wichtigsten Handelspartner der EU Platz zwölf. Zu den wichtigsten Warengruppen der Handelspartner gehören Maschinen und technische Anlagen, chemische und pharmazeutische Erzeugnisse sowie Fahrzeuge aus der EU.
Arbeitnehmer:innenrechte stärken
„Der Plan, Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der EU zu machen, ist von großer symbolischer Bedeutung“, sagt Valentin Wedl, Leiter der Abteilung Europa und Internationales der Arbeiterkammer (AK) Wien. Weil die EU-Staaten und Kanada bei Fragen der Nachhaltigkeit, der Arbeitnehmer:innenrechte, des Rechtsschutzes und der Demokratie übereinstimmen, sieht der Experte in einer vertieften Zusammenarbeit „großes Potenzial“ für Unternehmen und Beschäftigte.
Anknüpfen könnte diese an das Freihandelsabkommen CETA. Seit dessen vorläufigem Inkrafttreten im September 2017 sind 98 Prozent der Zölle zwischen der EU und Kanada abgeschafft. Der Handel ist seither um etwas mehr als 82 Prozent gestiegen. Wedl weist jedoch darauf hin, dass „Schwachstellen beim Freihandelsabkommen überwunden werden müssen“. Gemeint sind damit besondere Klagerechte für Konzerne. Unternehmen mit Sitz in Kanada können Schadenersatz fordern, wenn sie ihre Gewinne in Europa durch Arbeitnehmer:innen- oder Umweltschutzschutzgesetze gefährdet sehen. Einen Bündnispartner für Arbeitnehmer:innen-Anliegen sieht Valentin Wedl auch in der kanadischen Gewerkschaft. Darüber hinaus erwartet er, dass bei einem neuen Abkommen die Arbeitnehmer:innenrechte gestärkt werden.
Dear @mark-carney.bsky.social, we want to bring the relationship with Canada to the highest level possible.
I would like to work with you on opening the door for Canada to being the first associate member of the EU.
And create a common prosperity and economic security space.
— Ursula von der Leyen (@vonderleyen.ec.europa.eu) 16. September 2026 um 10:27
Offene Fragen vor dem Start
Ob eine engere Partnerschaft auf CETA aufbaut oder umstrittene Bestimmungen des Handelsabkommens verändert werden, werden die Verhandlungen erst zeigen. Bis es zu einer privilegierten EU-Assoziation mit Kanada kommt, müssen jedenfalls noch zehn Mitgliedsländer CETA ratifizieren. Österreich hat dies 2018 getan. Viele Hürden sind noch zu nehmen. „Den Worten müssen jetzt Taten folgen“, brachte es Kommissionspräsidentin von der Leyen auf den Punkt.