„Wir Fahren Gemeinsam“: Mobilitätswende braucht gute Jobs

Ein Bus des ÖPNV in Österreich. Das Bündnis Wir Fahren Gemeinsam will dieses Verkehrsmittel ausbauen.
Busse sollen bei der Mobilitätswende helfen. Dafür braucht es faire Arbeitsbedingungen. | © Adobestock/kittyfly
Ein lückenhafter Öffentlicher Verkehr ist die höchste Hürde der Verkehrswende. Um diese Lücken zu schließen, braucht es hochwertige Arbeitsplätze. Dafür kämpft das Bündnis „Wir Fahren Gemeinsam“.
Faire Entlohnung, sanitäre Anlagen und weniger belastende Arbeitszeiten gehören zu den Kernforderungen vom Bündnis „Wir Fahren Gemeinsam“. Es ist ein Zusammenschluss aus den Gruppen „Fridays For Future“ und „System Change not Climate Change!“ mit der Gewerkschaft vida, unterstützt von der Arbeiterkammer. Sie setzen sich dafür ein, die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich des öffentlichen Busverkehrs signifikant zu verbessern. So soll das Pendeln ohne Auto attraktiver gemacht und die Mobilitätswende unterstützt werden.

„Wir Fahren Gemeinsam“ unterstützt Mobilitätswende

Busse sind eine preiswerte und vergleichsweise einfach umzusetzende Verkehrslösung im Kampf gegen den Klimawandel. Da fast ein Drittel der CO₂-Emission Österreichs durch den Verkehr entstehen, gibt es hier die größten Einsparpotenziale. Zumal sich hier in den vergangenen Jahrzehnten wenig getan hat. Der Verkehrsclub Österreich (VCÖ) rechnet vor, dass im Jahr 2022 der CO₂-Ausstoß rund 50 Prozent höher lag, also noch im Jahr 1990. Dabei möchte Österreich bis zum Jahr 2040 Klimaneutralität erreicht haben.

„Wir Fahren Gemeinsam“ weiß um diese Herausforderungen im Verkehrssektor und möchte sie angehen. Dafür setzt das Bündnis auf gute Jobs im Busbereich, um die Branche für mehr Jobsuchende attraktiv zu machen. Nur so kann eine Mobilitätswende gelingen. Aktuell gäbe es in Österreich 15.000 Lenker:innen. Die hohe Arbeitsbelastung sei ein Beweis dafür, dass das schlicht zu wenig seien.

Zentrale Probleme der Busfahrer:innen sind der Mangel an öffentliche Toilette, belastende Arbeitsschichten und Arbeitszeiten und eine wenig motivierende Lohnstaffelung. Problemfelder, die aus Sicht von Teresa Tausch, Sprecherin von Fridays For Future Österreich, dringend behoben werden müssten. „Um gerechten Klimaschutz zu erreichen, benötigen wir in Österreich eine erfolgreiche Mobilitätswende. Der öffentliche Busverkehr mitsamt seinen Mitarbeitenden ist hierfür essenziell. Daher ist es für uns Klimaaktive schlicht logisch, sich den Forderungen der Busfahrer:innen nach besseren Arbeitsbedingungen anzuschließen.“

Probleme der Busfahrer:innen

Die Arbeitszeiten machen den Beruf als Busfahrer:in für viele Interessierte unattraktiv. Das liegt nicht in erster Linie an der Schichtarbeit, sondern an deren sehr besonderer Ausgestaltung. „Derzeit gelten nur Arbeiten von null bis vier Uhr als Nachtarbeit. Das deckt sich in keiner Weise mit dem üblichen Verständnis von Nachtarbeit. Die Arbeitgeber und die WKÖ halten den Zeitraum für Nachtarbeit stets künstlich kurz, weil sie die entsprechenden Zulagen einsparen wollen. Ähnliches gilt für Sonn- und Feiertagsarbeit“, fasst Thomas Stiller das Problem zusammen. Er ist Mitglied im Ausschuss Autobus der Gewerkschaft vida.

Eine Bushaltestelle in der Stadt Wien am Karlsplatz und der Oper. Das Bündnis Wir Fahren Gemeinsam will mehr davon.
In der Stadt ist der ÖPNV kein Problem. Auf dem Land könnten Busse die Lösung sein. | © Adobestock/Jerome

Dazu kommen die sogenannten „geteilte Dienste“. So einer liegt vor, wenn zwischen der ersten Hälfte der Schicht und der zweiten Hälfte eine mehrstündige Pause liegt. So steuern die Lenker:innen ihren Bus durch die erste Rushhour am Morgen und die zweite am Abend. Dazwischen liegen unbezahlte Pausen.

Und für diese langen Pausen – wie auch für alle anderen – fehlt es an geeigneten Räumlichkeiten. Solche, die im Winter beheizt sind, im Sommer Schatten bieten und ganzjährig eine Toilette haben. Legale Möglichkeiten, sich selbst zu helfen, haben die Fahrer:innen kaum. „Lenker:innen machen sich aber laut Kraftfahrgesetz strafbar, wenn sie im Winter das Fahrzeug laufen lassen, um es warm zu haben. Oft gibt es keine andere Möglichkeit und dann werden sie dafür, dass sie gezwungen sind, ihre Notdurft im Freien zu verrichten, auch noch von Anrainer:innen beschimpft und dabei gefilmt“, so Stiller.

„Wir Fahren Gemeinsam“ will Lohn gerechter gestalten

Auch die Lohngestaltung sei aktuell kein Anreiz, langfristig als Busfahrer:in zu arbeiten, führt „Wir Fahren Gemeinsam“ aus. So sei das Einstiegsgehalt mit 2.773 Euro brutto trotz Inflation attraktiv, eine Steigerung, die beispielsweise an die Dauer der Firmenzugehörigkeit gebunden ist, sei aber nicht vorgesehen. „Das heißt, nach beispielsweise 11 Jahren in einem Betrieb erhält man etwa als Kraftfahrer:in nur rund 17 Euro mehr als jemand, der erst seit zwei Jahren im Betrieb arbeitet. Das fördert nicht Fleiß und Einsatz, wie es idealerweise sein sollte, sondern demotiviert nur“, erklärt Markus Patritsch. Er ist Vorsitzender des Fachbereichs Straße der Gewerkschaft vida.

Die Arbeitsbedingungen müssten also grundlegend überarbeitet werden, wenn diese Branche mehr zur Mobilitätswende beitragen soll. Unbezahlte Pausen, 15-Stunden-Arbeitstage und eine beklagenswerte Sanitärsituation sind nicht zukunftsfähig. „Eine Zukunft, in der wir eine Mobilitätswende erreicht haben und Arbeitsplätze den Menschen und der Gemeinschaft statt dem Profit dienen, können wir nur gemeinsam gestalten“, fasst Dominik Kölbl die von „Wir Fahren Gemeinsam“ zusammen. Er ist Sprecher von System Change not Climate Change.

Ein erster Schritt von „Wir fahren Gemeinsam“ ist eine Umfrage unter Bus-Beschäftigten. Das Bündnis möchte mit Hilfe von Betriebsrät:innen die Beschäftigten in den Busbetrieben bei Betriebsbesuchen und in Betriebsversammlungen informieren und motivieren. Dabei wollen sie die Beschäftigten zur Priorität bei den Verbesserungen befragen. Die ersten Ergebnisse nehmen die Gewerkschaften dann in die nächsten Verhandlungsrunden zu den Arbeitsbedingungen Anfang März 2024 mit. Im Herbst finden außerdem die Lohnverhandlungen in der Branche statt.

Beispiele für eine gelungene Mobilitätswende

Vor allem im ländlichen Raum stößt der ÖPNV häufig an seine Grenzen. Hier sind es Unternehmen, die individuelle Lösungen erarbeitet haben, um das Pendeln zu erleichtern und gleichzeitig die Umwelt zu schonen. So etwa die Julius Blum GmbH aus dem vorarlbergischen Höchst. Der Möbelbeschlaghersteller hat 7.000 Beschäftigte in acht Werken. Wer von ihnen möchte, kann auf Kosten des Unternehmens mit dem E-Bike zur Arbeit fahren. „Unser Mobilitätsangebot kommt bei den Mitarbeitenden sehr gut an. 2.500 Jobräder und 700 Vorarlberger Klimatickets, für die das Unternehmen die kompletten Kosten übernimmt, wurden bereits in Anspruch genommen“, sagt Katharina Schön, Leiterin des Mobilitätsteams, im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft.

In St. Marienkirchen (Oberösterreich) hat sich die Frauscher Sensortechnik GmbH etwas einfallen lassen. Das Unternehmen setzt auf Fahrgemeinschaften. Das Unternehmen belohnt Fahrgemeinschaften. „Wir vergeben Gutscheine für die Bildung von Fahrgemeinschaften. Für Fahrer:innen und die Mitfahrenden wie auch speziell für unsere Lehrlinge ohne Führerschein soll dadurch eine Mitfahrmöglichkeit etabliert werden“, sagt Simon Moser, Procurement Manager des Unternehmens. Zusätzlich unterstützt das Unternehmen die Mitarbeiter:innen finanziell in Form eines Bike-Bonus, wenn sie privat ein E-Bike kaufen.

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Über den/die Autor:in

Christian Domke Seidel

Christian Domke Seidel hat als Tageszeitungsjournalist in Bayern und Hessen begonnen, besuchte dann die bayerische Presseakademie und wurde Redakteur. In dieser Position arbeitete er in Österreich lange Zeit für die Autorevue, bevor er als freier Journalist und Chef vom Dienst für eine ganze Reihe von Publikationen in Österreich und Deutschland tätig wurde.

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