„Mit der WM wird es heißen: Alle Hotels sind ausgebucht“, sagte der in den Vereinigten Staaten lebende Österreicher Stefan Moritz von der Gewerkschaft UNITE HERE im Frühjahr gegenüber Arbeit&Wirtschaft. „Aber vermutlich gibt es nicht genug Leute, um die Jobs zu machen. Für die Menschen, die arbeiten, hieß das: mehr Arbeit und mehr Druck.“ UNITE HERE vertritt in den USA und in Kanada 300.000 Beschäftigte im Gastgewerbe. Im Vergleich zu anderen US-Gewerkschaften ist sie eher mittelgroß, zählt aufgrund ihrer Konzentration auf den Tourismussektor dort jedoch zu den einflussreichsten Akteuren. Moritz ist Secretary Treasurer der Local 8, der Stelle für Oregon und Washington State. Er arbeitet dort unter anderem an Gesetzesentwürfen und verhandelt Kollektivverträge.
Hohe Preise, prekäre Bedingungen
Während Gäst:innen in den USA hohe Preise zahlen – für Hotels während der Eröffnungsspiele laut „New York Times“ im Schnitt 580 US-Dollar pro Nacht und mindestens 4.000 US-Dollar für ein Finalticket –, arbeiteten Beschäftigte unter prekären Bedingungen. „Viele unserer Mitglieder haben mehrere Jobs, nur um ihre Familie versorgen zu können“, erzählt Moritz. „Wir haben den Mindestlohn in den letzten 15 Jahren verdoppelt, aber die Mieten haben sich ebenfalls verdoppelt.“ Wegen saisonaler Schwankungen würden Beschäftigte über die auftragsarmen Wintermonate oft ihren Versicherungsschutz verlieren. Denn der sei in den USA meist an eine bestimmte Anzahl von geleisteten Arbeitsstunden pro Monat geknüpft.

Mitten in diese ohnehin schon angespannte Lage platzte die Fußball-Weltmeisterschaft. Ursprünglich erwartete die Branche einen Ansturm. Noch im November rechneten Analyst:innen von Oxford Economics allein in den USA mit zusätzlichen Hotelzimmer-Einnahmen von knapp 900 Millionen US-Dollar – ein Effekt, der etwa zehn Super Bowls innerhalb von sechs Wochen entspreche. Diese Prognosen hielten der Realität nicht stand: Laut einer Umfrage der American Hotel & Lodging Association lagen die Buchungen in vielen Austragungsorten unter den ursprünglichen Prognosen. 80 Prozent der befragten Hoteliers gaben an, dass die Nachfrage hinter den Erwartungen zurückbleibe.
Der „Trump Slump“
Als wichtigste Gründe nennt die Branche Visa-Hürden, geopolitische Unsicherheiten und sinkende internationale Reisetätigkeit. Denn die WM fiel in eine Zeit, in der die USA auf viele Reisende abschreckend wirkten. Strengere Grenzpolitik, aggressivere Migrationsdebatten und die politische Polarisierung unter US-Präsident Donald Trump beeinflussten zunehmend Reiseentscheidungen. In der Tourismusbranche kursiert dafür längst ein eigener Begriff: „Es gibt eine Krise im Tourismus in den USA. Wir nennen es den ‚Trump Slump‘. International gibt es weniger Reisende“, sagt Moritz.
Es gibt eine Krise im Tourismus in den USA. Wir nennen es den ‚Trump Slump‘. International gibt es weniger Reisende.
Stefan Moritz, Gewerkschaft UNITE HERE
Während der weltweite Tourismus 2025 laut UN Tourism um 4 Prozent gewachsen ist, haben die USA mit drastischen Einbrüchen zu kämpfen. Nach Daten der International Trade Administration reisten 2025 rund 2,5 Millionen internationale Besucher:innen weniger ins Land als im Vorjahr – ein Minus von 4,2 Prozent. Gleichzeitig schrumpfte auch die Beschäftigung: In der Freizeit und Tourismusbranche arbeiteten im Dezember 2025 rund 98.000 Menschen weniger als im Jahr davor, die Arbeitslosenquote stieg von 5,4 auf 6,1 Prozent. Besonders stark sackte der Tourismus aus Kanada ab: Laut kanadischer Regierung reisten im Jänner 2026 um 22 Prozent weniger Kanadier:innen in die USA als im Jänner 2025.
Einschüchterung und Angst
Aber die Trump-Politik beeinflusste nicht nur, ob Menschen ins Land kommen, sie schürte auch Angst unter den Angestellten im Gastgewerbe. „Die FIFA verlangte Background-Checks für alle Beschäftigten – und diese Informationen wurden mit der Regierung geteilt“, sagt Moritz. Ein Großteil der Arbeitskräfte in der Branche seien Migrant:innen gewesen, die derzeit von Abschiebung und Strafverfolgung bedroht seien.
Unter dem Slogan „No ICE in our Cup“ protestierten Hotel- und Stadionarbeiter:innen in Seattle, wo Moritz lebt und arbeitet, gegen eine Zusammenarbeit der FIFA mit US-Einwanderungsbehörden. Auch der größte US-Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO warnte vor Einschüchterung und Angst unter migrantischen Beschäftigten rund um die WM. Dass die Weltmeisterschaft an den Arbeitsbedingungen langfristig etwas ändern wird, verneinte Moritz: „Ja, die WM bringt sechs Wochen Arbeit. Aber danach sind die strukturellen Probleme noch immer da“, sagt er.

Auswirkungen in Österreich
Die geopolitischen Spannungen treffen die Branche nicht nur in den USA. Auch in Wien beobachtet man, dass sich das Reiseverhalten verändert. „Wir haben weniger arabische und chinesische Gäst:innen – das spürt man“, sagt Fariba Romana Anderl, Betriebsratsvorsitzende der österreichischen NH-Hotels und Mitglied des Euro-Betriebsrats, eines Gremiums für europaweit agierende Unternehmen. Im Wiener Flughafenhotel, wo Anderl arbeitet, fällt das besonders auf: „Normalerweise haben wir 500 bis 600 Frühstücke am Tag. Letztens waren es 130 oder 200.“
Panik gebe es allerdings keine, sagt Anderl. Hierzulande liegt das vermutlich auch daran, dass 2025 nur etwa 16 Prozent aller Gäste aus Drittstaaten anreisten. Fast ein Drittel der Reisenden stammte aus Österreich, mehr als die Hälfte aus anderen EU-Staaten, wie Daten der Statistik Austria zeigen. „Natürlich versuchen wir gegenzusteuern und mehr Geschäft hereinzuholen. Aber in Europa ist die Situation schon etwas anders als in den USA, wo ganze Nachbarländer wegfallen“, sagt Anderl.
Gute Arbeitsbedingungen sind möglich
Auch auf die Angestellten habe die Situation derzeit keine gravierenden Auswirkungen. „Wir versuchen, schwächere Phasen mit Urlauben oder Zeitguthaben abzufedern. Aus der Pandemie haben wir gelernt, die Leute möglichst im Unternehmen zu halten“, sagt Anderl. Dass gute Arbeitsbedingungen in der Branche möglich sind, zeigt sie mit dem NH Vienna Airport Conference Center selbst: Das Hotel wurde von der vida gerade mit dem „Tourismusstars“-Award als bester Arbeitsplatz im Tourismus ausgezeichnet – unter anderem wegen der Löhne, die über Kollektivvertrag liegen, und zusätzlicher Benefits für Beschäftigte.
⚽ Wenn am 11. Juni in Mexiko-Stadt der Anpfiff zum Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft erfolgt, ist es wieder so weit: Die Welt gerät ins Fußballfieber.
👀 Was viele nicht wissen: Wer die Infrastruktur dafür gebaut hat, arbeitete oft unter schlechten und unsicheren Bedingungen.
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 11. Juni 2026 um 08:02
Mit ihrem Betrieb ist Anderl zufrieden; aber sie weiß auch, dass es in der Branche oft anders aussieht. „Ich bekomme immer mit, was in anderen Betrieben alles schiefgelaufen ist“, sagt sie. Vor allem bei Arbeitsbedingungen und der Kontrolle von Standards sieht sie Verbesserungsbedarf. Immer wieder höre sie von Beschäftigten, dass Überstunden nicht aufgeschrieben werden dürften oder Sozialleistungen deutlich schlechter seien als in anderen Häusern. Gute Arbeitsbedingungen seien in der Branche keine Selbstverständlichkeit, sagt Anderl.
Gerade deshalb muss man darüber reden, wie mit jenen Menschen umgegangen wird, die Großereignisse wie die Fußball-WM überhaupt erst möglich machen. Denn während Wolkenkratzer in Farben leuchten und Millionen Fans feiern, kämpfen viele Beschäftigte weiter darum, dass ihre Arbeit mehr zählt als das nächste Großereignis.