Frau Polaschek, der Bereich Bildung ist einer der wenigen, in die investiert wird. Ist das ausreichend?
Polaschek: Bildung darf man nicht isoliert auf einer Ebene betrachten. Es handelt sich um eine Biografie: Sie beginnt mit der Elementarpädagogik und endet – bei manchen – in der tertiären Bildung. An den Universitäten bemerken wir zunehmend Lücken bei den Kompetenzen der Studierenden – etwa fehlende Grundlagen wie Prozentrechnen, und das trotz Matura.
Eine zusätzliche Forschungsmilliarde ist erfreulich für die Universitäten, aber wenn das Bildungssystem nicht als Ganzes gestärkt wird, leidet jeder einzelne Teil darunter. Ich wünsche mir, dass man sich bei jeder politischen Maßnahme überlegt, ob sie auch eine Bildungsmaßnahme nach sich ziehen muss. Wenn die Regierung neue Schwerpunkte bei Kompetenzen festlegt, dann müssen oft auch Curricula an den Universitäten geändert werden. Das ist nicht kostenneutral, aber die Finanzierung wird meistens nicht mitgedacht.

Falkinger: Als meine Kinder ins Gymnasium gekommen sind, hat mich schockiert, dass sich die letzten 35 Jahre nichts verändert hat. Ich mache gerade die Ausbildung zur Erwachsenenbildnerin. Wir lernen dort moderne Methoden, wie wir Betriebsrät:innen mit den besten Tools schulen. Es wundert mich, dass die Erwachsenenbildung moderner aufgestellt ist als die öffentlichen Schulen.
Breiner: Viele Menschen glauben, dass in Österreich jede:r alles werden kann, aber das ist nicht der Fall. Das fängt eigentlich schon im Kindergarten an, wo manche Kinder bessere Chancen haben als andere. In der Arbeiter:innenfamilie müssen die Eltern arbeiten gehen und haben weniger Zeit, die Kinder schulisch zu fördern. Darum sind Ganztagsschulen so wichtig – für echte Chancengleichheit.
Frau Falkinger, welche Rolle spielt eine unabhängige Statistikanstalt für die Demokratie?
Falkinger: Eine ganz wesentliche. Deshalb sehe ich es mit Sorge, dass bei der Statistik Austria die Finanzierung nicht gesichert ist. Wir haben die vergangenen 20 Jahre fast keine finanzielle Budgeterhöhung bekommen – bei gleichbleibenden bzw. mehr Aufgaben und höheren Personalkosten. Wir sind die Institution, die eine verlässliche Datenbasis für den Staat, für jede politische Entscheidung produziert. Und belastbare Zahlen müssen die Basis sein, um Politik zu machen und um gesellschaftliche Diskussionen zu führen.
US-Präsident Trump entließ die Chefin des US-amerikanischen Amtes für Arbeitsmarktstatistik, weil ihm dessen Zahlen nicht passten. Der Kommunikationsberater Thomas Hofer spricht von einer „Emokratie“: Emotionen stechen die Fakten. Sehen Sie eine solche Entwicklung in Österreich?
Falkinger: Definitiv, sonst wäre eine FPÖ-Wählerschaft in diesem Ausmaß gar nicht möglich. Gerade wenn die Fakten der eigenen Wahrnehmung oder den eigenen Idealen widersprechen, ist es natürlich angenehmer, auf Basis der eigenen Emotionen zu agieren. Wir müssen wieder mehr zu faktenbasierten Diskussionen zurückkommen.
Breiner: Und es hängt mit den Supermächten zusammen, sie machen vor, was derzeit zählt: Trump lügt schamlos und bleibt trotzdem Präsident. So etwas war früher nicht möglich.