Tourismus in Österreich: Auf der Suche nach Plan B

Inhalt

  1. Seite 1 - Die Situation in St. Johann in Tirol
  2. Seite 2 - Tourismus zwischen Fluch und Segen
  3. Seite 3 - Kein Plan B
  4. Seite 4
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Mit dem Tourismus kam der Wohlstand nach St. Johann. Und mit ihm die Abhängigkeit von einer Branche, deren destruktive Folgen unübersehbar sind. Ein Lokalaugenschein aus Tirol.

Fluch und Segen

Derzeit, da die Umwelt- und Klimakrise omnipräsent ist, wird ein weiterer Aspekt deutlich: die Abhängigkeit von der Branche. In Tirol wird jeder dritte Euro im Tourismus erwirtschaftet. Jeder vierte Arbeitsplatz hängt an der Branche. Bei den Wörtern Nachhaltigkeit und Umweltschutz schwingt immer auch etwas Bedrohliches mit: Rezession und Arbeitsplatzverlust.

Bei jedem Einzelnen muss es klick machen. 

Iris Kolb, „Postmarkt“ St. Johann

Für Emanuel Straka, Landessekretär der Gewerkschaft vida Tirol, ist der Tourismus „einerseits Mitverursacher, andererseits Opfer“ der Umwelt- und Klimakrise. Der Bau diverser Chaletdörfer und Hotelkomplexe, künstliche Beschneiung und die Anreise Tausender Tourist:innen per Pkw und Flugzeug haben katastrophale ökologische Folgen, keine Frage. Andererseits zählt die Branche zu Tirols größten Arbeitgeber:innen und ist kulturell sehr bedeutend. Künftig müsse man im Tourismus für die Umwelt mehr Sorge tragen. „Aber man muss abwägen, mit feiner Klinge vorgehen“, betont Straka.

Manche Entwicklungen im Ort seien „der pure Wahnsinn“. Aber am Ende „musst auch a G‘schäft machen können“, weiß Iris Kolb.

Hört man sich in St. Johann um, ist immer wieder vom „Kompromiss“ die Rede. Zwischen dem eigenen Beruf und dem Einkommen, der eigenen Identität – und der scheinbar nach wie vor abstrakten Bedrohung durch die Umweltkrise.

In einem Innenhof im Zentrum von St. Johann steht Iris Kolb im „Postmarkt“, einer Art Geschäft gewordenem Kompromiss zwischen Umwelt, Sozialem und Wirtschaft. Die gebürtige Augsburgerin studierte Kunstgeschichte und Lehramt, arbeitete im Personalmanagement und wechselte mit Ende dreißig in die Gastro. Zunächst in Gastein, seit 2016 in St. Johann. Offiziell ist sie im Hotel Post beschäftigt, die meiste Zeit verbringt sie in dem dazugehörigen „Postmarkt“, einem Feinkostladen mit angeschlossenem Café. Tourismus, sagt die 53-jährige Kolb, die selbst „für Kunst und Bildung“ gerne reist, sei auch für St. Johann „Fluch und Segen“. Natürlich seien die Schneekanonen „der pure Wahnsinn“. Genau wie die Straßenzüge, die über Wochen komplett im Dunkeln liegen, weil die Besitzer:innen der Zweitwohnsitze eben gerade am Erstwohnsitz verweilen oder am Drittwohnsitz. „Aber wir leben von denen.“

Die Herkunft von Lebensmitteln in der Gastro soll strikter gekennzeichnet werden. Langsam kommt Bewegung in die Sache. 

Martina Foidl, Tourismusbüro St. Johann

Die Art von „Kompromiss“, den Kolb vor Augen hat, lagert in einer langen Kühltheke: Fleisch, Wurst und Käse, regional produziert, direkt vom Hersteller. In den hinteren Teilen des Ladens gibt’s Schnaps, Pesto, Senfkaviar. Nicht nur Einheimische, auch Tourist:innen, ja, vor allem die Zweitwohnsitzer:innen kommen gerne in den Laden, verpflegen sich mit Pasta, Bio-Brot und Tiroler Prügeltorte.

Regionale Produkte, gute Qualität, ökologisch nachhaltig; da sei es auch okay, wenn der Preis etwas höher ist. Geht es um die Vereinbarkeit von Tourismus und Nachhaltigkeit, hegt Kolb einen pragmatischen Ansatz: „Du musst auch a G’schäft machen können.“ Und mit dem „G’schäft“ soll auch die ökologische Verantwortung der Kund:innen kommen. „Bei jedem Einzelnen muss es klick machen.“

Im Tourismusbüro von St. Johann sucht Martina Foidl nach einem „Kompromiss“ zwischen Tourismus und Umwelt. Keine einfache Aufgabe, aber „langsam kommt Bewegung in die Sache“.

Chutney und Kälbchen

Nur ein paar Meter weiter, im Büro des Tourismusverbands St. Johann, beobachtet auch Martina Foidl täglich, wie Umwelt, Mensch und Tourismus in Konflikt geraten. Mit ihrem Team sucht die stellvertretende Geschäftsführerin nach einem „Kompromiss zwischen Umwelt, Landwirtschaft, Jägerschaft, Freizeitsuchenden und Tourismus“. Zwei der insgesamt 20 Langlaufloipen bereite man mit Kunstschnee auf. Das sei „nicht unbedingt klimafreundlich“, aber als absolutes Mindestangebot durchaus vertretbar. Ohne Beschneiung könne es auch auf den Skipisten nicht gehen.

Ansetzen will man im Tourismusbüro beim Verhalten der Gäste: So sollen diese vermehrt öffentlich anreisen, was in einzelnen Segmenten bereits 20 Prozent der Tourist:innen tun. Als Tourismusverband setzt man auf ökologische Alternativen zum Plastikmüllsack und produziert sämtliche Druckwerke CO2-neutral. Die Herkunft von Lebensmitteln in der Gastro soll strikter gekennzeichnet werden. „Langsam“, bekräftigt Foidl, „kommt Bewegung in die Sache.“ Auch Unternehmen würden sich sukzessive anpassen, sich aus Eigeninitiative nach nachhaltigeren Alternativen umsehen.

Ein solches Unternehmen steht nur ein paar Kilometer von St. Johann entfernt, in Oberndorf. Das 4-Sterne-Hotel Penzinghof, direkt an der Skipiste gelegen, ist fast eine Art Mini-Dorf. „Geh’ ma“, sagt Georg Lindner, Bruder von Inhaberin Christine Lindner, und eilt aus dem Hoteleingang Richtung zugehörigem Dorfladen. Im Angebot: Käse, Joghurt, Chutney und Pesto, hergestellt von seinem Bruder; Suppen, Soßen und Gulasch von der Schwester.

Als Eigentümerfamilie muss man
flexibel und innovativ sein. 

Georg Lindner, Hotel Penzinghof

Den Penzinghof betreiben die Lindners mittlerweile in dritter Generation. Das österreichische und das europäische Umweltzertifikat bekam das Hotel erst diesen Sommer verliehen, für Nachhaltigkeit und Regionalität, aber „das wurde uns von den Großeltern schon so vorgelebt“, schwärmt Lindner, während er zügigen Schrittes Richtung „Kälbchenkindergarten“ marschiert. In kleinen, mit Stroh ausgelegten Boxen liegen ein gutes Dutzend Kälber. Gäste führe er gern hierher. Die sollen schließlich wissen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Mit einem kleinen Umweg über den Kuhstall lotst der 38-Jährige in eine Scheune. Vorbei an einem silbernen Audi Quattro geht’s zur Hackschnitzelheizung, die das Hotel seit 15 Jahren mit Warmwasser versorgt. 95.000 Liter Heizöl und 20 Prozent der Heizkosten könne man so jährlich sparen, liest Lindner von einem Zettel ab.

Im Penzinghof sollen modern und traditionell, Luxus und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen. Georg Lindner setzt auf Innovation und Flexibilität.

Am Penzinghof sollen modern und traditionell, Luxus und Nachhaltigkeit Hand in Hand gehen. Die E-Tankstelle vorm Hotel hat Skihütten-Look. Die Zimmer sind in naturbelassenem Holz designt. Im Stock darüber warten 1.000 Quadratmeter Wellnessbereich auf die Gäste, Infinity-Pool inklusive. Während des Hahnenkammrennens quartiert Ex-Skiprofi Lindner die österreichischen Slalomfahrer im Haus ein. Insgesamt sei es aber ein buntes Publikum, das hier urlaube, „völlig querbeet“.

Der Penzinghof liegt auf 710 Metern. Aus unternehmerischer Sicht, so Lindner, seien Beschneiungsanlagen natürlich ein Segen. Kunstschnee garantiere Schneesicherheit und könne die Saison bis Ende März strecken. Gleichzeitig sei man sich der umweltpolitischen Verantwortung natürlich bewusst. Für Gäste wolle man Alternativen zum klassischen Skitourismus anbieten, beispielsweise Schneeschuhwanderungen, Tourengehen oder Kutschenfahrten. Erst unlängst besuchten die Angestellten ein Seminar zum Thema „Umwelt und Nachhaltigkeit“. Mitarbeiter:innen lernten, besser darauf zu achten, rechtzeitig das Licht ab- und den Wasserhahn zuzudrehen. Auch die Handtücher müsse man nicht zwingend täglich waschen. „Als Eigentümerfamilie“, erklärt Lindner, „muss man flexibel und innovativ sein.“

Flexibel und innovativ. Kompromissbereitschaft. Eigeninitiative. Selbsterkenntnis. Die Frage ist: Reicht das? Denn die umwelt- und klimapolitischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte sind enorm. Gerade für Österreich. Gerade für den Tourismus. Während die weltweite Durchschnittstemperatur im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter, also ab circa 1750, um rund 1,2 Grad Celsius anstieg, wurde es hierzulande im Mittel rund zwei Grad heißer. Expert:innen prognostizieren einen Anstieg von bis zu vier Grad bis zur Jahrhundertmitte. Wegen der Abhängigkeit von Wetter und Umwelt ist der Wintertourismus besonders betroffen. Laut Prognosen wird es Schnee in den kommenden Jahrzehnten nur noch jenseits der 1.500-Meter-Marke geben.

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Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.