Tourismus in Österreich: Auf der Suche nach Plan B

Inhalt

  1. Seite 1 - Die Situation in St. Johann in Tirol
  2. Seite 2 - Tourismus zwischen Fluch und Segen
  3. Seite 3 - Kein Plan B
  4. Seite 4
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Mit dem Tourismus kam der Wohlstand nach St. Johann. Und mit ihm die Abhängigkeit von einer Branche, deren destruktive Folgen unübersehbar sind. Ein Lokalaugenschein aus Tirol.

„Es gibt keinen Plan B“

Künstliche Beschneiung mag das Problem lokal überbrücken können, verstärkt es aufgrund des hohen Wasser- und Energieverbrauchs aber insgesamt. Künstliche Beschneiung ist ein klassisches Beispiel für sogenannte „Rückkoppelungseffekte“, der propagierte Lösungsweg verschärft die Ursache nur noch weiter.

Für vermeintlich ökologische Alternativen wie Öko-Hotels und Schneeschuhwandern hat Matthias Koderhold wenig warme Worte übrig. Die Herausforderungen, vor denen der Tourismus steht, sind viel grundlegender, ist der Ökonom der Arbeiterkammer Niederösterreich überzeugt. Vor allem aufgrund des hohen Energieverbrauchs – Stichwort: Wellnessbereich – gehen im Wintertourismus 58 Prozent der CO2-Emissionen auf das Konto der Beherbergungsbetriebe. Weitere 38 Prozent entfallen auf An- und Abreise der Gäste. Verkehrsemissionen könnten beispielsweise durch den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel reduziert werden, erklärt Koderhold. Der Emissionsreduktion von Unterkünften aber sind Grenzen gesetzt.

„Es braucht eine Gesamtstrategie!“, fordert Koderhold und warnt vor einem verengten, rein auf Emissionen beschränkten Blickwinkel. Tourismus ist nicht nur für den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich, sondern produziert Müllberge, trägt zur Zerstörung von Flora und Fauna, zur Verschmutzung von Luft und Wasser, zu Bodenversiegelung und Erosion bei. Kurz: Er zerstört genau das, worauf man in Tirol zu Recht stolz ist und warum Gäste aus aller Welt in Gemeinden wie St. Johann kommen. Eine solche Gesamtstrategie aber sei in St. Johann nicht erkennbar, kritisiert Gemeinderat Schramböck. Eher eine Art Realitätsverweigerung. Kaum einer in der Branche habe die tatsächliche Tragweite des Problems erfasst, kaum einer will die Tragweite erfassen. Nüchtern konstatiert er: „Es gibt keinen Plan B.“

Das liege auch an den Machtverhältnissen in der Gemeinde. Seit in St. Johann der politische Betrieb gemäß demokratischen Verfahren zelebriert wird, dominiert im Gemeinderat die ÖVP. Derzeit hält sie mit elf von 19 Sitzen die absolute Mehrheit. Naturgemäß sei der Gestaltungsspielraum der Opposition da begrenzt – und ein substanzieller Richtungswechsel schwierig. Im ÖVP-dominierten St. Johann sei eine Seilbahn eben „too big to fail“.

Ein Tourismus, der auf Massen und
Naturzerstörung basiert, kann nicht nachhaltig sein, weder für Mensch noch für Natur.

Den Bau des umstrittenen Chaletdorfs verteidigten die Konservativen mit dem Hinweis auf die „Wertschöpfung für Ort und Region“. „Das Projekt ist zukunftsorientiert, bringt uns Einnahmen, auch für die Bergbahn“, wird Bürgermeister Hubert Almberger in lokalen Medien zitiert.

Umweltschutz am Frühstücksbuffet

Wie aber könnte ein solcher Richtungswechsel aussehen? Wie kann Tourismus naturverträglicher gestaltet werden, ohne dabei Wirtschaft und Kultur ganzer Regionen zu zerstören? Sommer- wie Wintertourismus, erklärt AK-Experte Koderhold, findet nicht im luftleeren Raum statt. Tourismus kann nicht getrennt von unserer Art zu leben, zu arbeiten und zu wirtschaften gedacht werden. In Koderholds Verständnis umfasst Nachhaltigkeit daher Natur und Mensch. Denn der Wintertourismus ist nicht nur für die Natur eine enorme Belastung, sondern auch für die Beschäftigten in der Branche, die oftmals unter der schlechten Bezahlung und den prekären Arbeitsbedingungen leiden. Und nicht zuletzt für die Ortsbewohner:innen, die mit steigenden Preisen aus ihrer Heimat verdrängt werden und sich von verkitschten Ortskernen entfremden. Ein Tourismus, der auf Massen und Naturzerstörung basiert, kann nicht nachhaltig sein, weder für Mensch noch für Natur. Hackschnitzelheizungen und Schneeschuhwandern seien da „maximal ein Tropfen auf dem heißen Stein“, kritisiert Koderhold. Insgesamt führe kein Weg an einem „Weniger“ vorbei. Das bedeutet zunächst: weniger Gäste, weniger Umsatz, weniger Arbeitsplätze. Aber auch weniger Umweltzerstörung, weniger Verkehr, weniger Lärm, weniger Luftverschmutzung, geringere Lebenshaltungskosten, kurz: mehr Lebensqualität.

Um den Arbeitsplatzverlust auszugleichen, fordert Koderhold eine generelle Reduktion der Arbeitszeit, mit Lohn- und Personalausgleich. Außerdem brauche es Umschulungsprogramme, zum Beispiel Richtung Sozial-, Pflege- und Gesundheitsbereich. Branchen, die für Umwelt und Mensch nachhaltiger sind – aber in denen es genauso deutliche Verbesserungen in Sachen Einkommen, Arbeitsbedingungen und Personal braucht.

Tourismus nachhaltiger zu gestalten bedeutet, unsere Wirtschafts- und Lebensweise insgesamt zu verändern. Wird an einem Rädchen gedreht, müssen sich auch die anderen bewegen. Dass der Weg dorthin ein langer und beschwerlicher sein kann, weiß Hotel-Post-Mitarbeiterin Iris Kolb: vom Frühstücksbuffet. Gästen zu erklären, dass Lachs kein Menschenrecht ist und man sich deshalb dazu entschlossen habe, ihn morgens nicht mehr zu servieren, kann Anlass für kontroverse Diskussionen sein.

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Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.