Radikalisierter Konservatismus: „Denen geht der Reis“ (+ Podcast)

Inhalt

  1. Seite 1 - Welche Sprachbilder sich gegen wen richten
  2. Seite 2 - Gewollte Ungleichheit und der Leistungsmythos
  3. Seite 3 - Macht- und Herrschaftsverhältnisse
  4. Seite 4 - Feindbilder und legitimierte Ungerechtigkeiten
  5. Seite 5 - Von Trump bis Kurz
  6. Auf einer Seite lesen >
Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten brauchen stets ein Bild, das diese Ungerechtigkeiten als gerecht erscheinen lässt, erklärt Politikwissenschafterin Natascha Strobl. Das kann die „soziale Hängematte“ sein oder das Bild vom Chips essenden Proll im grauslichen Unterleiberl.
Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl im Gespräch mit unserem Autor Johannes Greß.
Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl im Gespräch mit unserem Autor Johannes Greß.

Von Trump bis Kurz

Ein Punkt, der mir in deinem Buch fehlt, ist eine Antwort auf die Frage, woher der „radikalisierte Konservatismus” kommt, worin die politischen und historischen Gründe dafür liegen.

Wir haben nach 1945 in einer Zeit des relativen Wohlstands gelebt. In einer Zeit, in der versucht worden ist, auszugleichen, zu harmonisieren, um die Gesellschaft zu befrieden. Daraus haben sich Parteien entwickelt, die bereit waren, diesen Zustand aufrechtzuerhalten. Auch weil sie davon profitiert und Wahlen gewonnen haben. In den meisten Fällen in Europa war das eine konservative und eine sozialdemokratische Partei. Es war stets Konsens da, dass man nicht wirklich mit diesem System bricht. Aber dieser wohlfahrtsstaatliche Kapitalismus hat Risse bekommen, dieses Nachkriegssystem wird materiell und ideologisch nicht mehr lange halten. Das liegt zum einen in den schon vorher angesprochenen Krisen, aber auch an der polarisierenden Vermögensverteilung und weil die Leute einfach merken, auch wenn sie arbeiten gehen, geht es sich am Ende des Monats trotzdem nicht mehr aus.

Du ziehst im Buch sehr oft Vergleiche zwischen Donald Trump und Sebastian Kurz, zwei auf den ersten Blick doch sehr unterschiedliche Politiker und Charaktere. Wieso ähneln sich die beiden trotzdem?

Ich würde sie sogar als das exakte Gegenteil voneinander bezeichnen. Wir hatten hier diesen sehr impulsiven, älteren Typen, bei dem man das Gefühl hatte, er hat sich gar nicht unter Kontrolle. Und dann haben wir diesen sehr kalkulierten, überlegten und vorbereiteten Sebastian Kurz, der viel jünger ist. Aber sie haben sehr viel mehr Gemeinsamkeiten, als der erste Eindruck vielleicht hergibt. Diese harschen Attacken auf Institutionen des Rechtsstaats, auf Medien und auf den Sozialstaat – das sind Strategien, die sehr ähnlich sind. Das Ziel ist nicht die direkte Zerstörung des Staates, aber die Aushöhlung. Wir sehen das in Österreich bei den gezielten Attacken auf Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft und in den USA, wo Trump den Supreme Court gezielt mit eigenen Leuten besetzte.

Das Ziel ist nicht die direkte Zerstörung des Staates, aber die Aushöhlung. Wir sehen das in Österreich bei den gezielten Attacken auf Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft und in den USA, wo Trump den Supreme Court gezielt mit eigenen Leuten besetzte.

Genauso wichtig wie diese Aushöhlungsstrategien ist der permanente Regelbruch, seien es formelle Regeln wie Gesetze, aber vor allem informelle Regeln. Dass man permanent gegen Anstand, Moral und Etikette verstößt. Hier sehe ich viele Gemeinsamkeiten.

Spannend ist, dass Trump an die Macht kam, nachdem Barack Obama zuvor acht Jahre Präsident war, ein in linken und linksliberalen Kreisen doch sehr angesehener Mann…

Das sind genau die Fragen, die sich die Demokratische Partei bis heute nicht gestellt hat. Trump wird immer als „Unfall der Geschichte” gesehen. Als eine Anomalie, die unangenehm ist, aber von der man gar nicht weiß, wo die denn herkommt. Ich denke, das ist eine gefährliche Annahme.

In den USA habe ich zwei Parteien, die alle ihre Geldgeber:innen haben und in der Hand von Kapital sind. Da geht es um Machterhalt, aber die Bevölkerung wird überhaupt nicht repräsentiert, weil es zum größten Teil Millionär:innen sind, die gewählt werden. Die beiden Parteien haben sich so weit angenähert, dass es eigentlich egal ist, ob die eine oder die andere an der Macht ist, weil Kriege führen sowieso beide und Health Care gibt es mit beiden nicht. Dann haben beide noch zig Skandale und Skandälchen hinten dranhängen, und so weiter.

Genau dieses Bild hat Hillary Clinton für viele repräsentiert. Das wurde von Trump ins Groteske verstärkt, der ja auch Millionär ist und zig Skandale hat. Aber er hat nicht so getan, als würde er da jetzt weiter mitmachen wollen, sondern er hat‘s geschafft, sich als der Rächer der Ungerechtigkeiten hinzustellen. Er hat eine Realität aufgezogen, die mit der realen Realität nicht mehr viel zu tun hat. Auf das waren die Vertreter:innen des Systems nicht eingestellt und haben auch nicht verstanden, was das mit ihnen zu tun hat. Bis heute nicht, kommt mir vor.

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  1. Seite 1 - Welche Sprachbilder sich gegen wen richten
  2. Seite 2 - Gewollte Ungleichheit und der Leistungsmythos
  3. Seite 3 - Macht- und Herrschaftsverhältnisse
  4. Seite 4 - Feindbilder und legitimierte Ungerechtigkeiten
  5. Seite 5 - Von Trump bis Kurz
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Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.