Radikalisierter Konservatismus: „Denen geht der Reis“ (+ Podcast)

Inhalt

  1. Seite 1 - Welche Sprachbilder sich gegen wen richten
  2. Seite 2 - Gewollte Ungleichheit und der Leistungsmythos
  3. Seite 3 - Macht- und Herrschaftsverhältnisse
  4. Seite 4 - Feindbilder und legitimierte Ungerechtigkeiten
  5. Seite 5 - Von Trump bis Kurz
  6. Auf einer Seite lesen >
Gesellschaftliche Ungerechtigkeiten brauchen stets ein Bild, das diese Ungerechtigkeiten als gerecht erscheinen lässt, erklärt Politikwissenschafterin Natascha Strobl. Das kann die „soziale Hängematte“ sein oder das Bild vom Chips essenden Proll im grauslichen Unterleiberl.
Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl im Gespräch
„Es reicht nicht, es den Arbeitslosen im Leben möglichst schwer zu machen und Leistungen zu streichen. Sondern man muss noch suggerieren, dass die eigentlich gar nicht arbeiten wollen.“

Feindbilder und legitimierte Ungerechtigkeiten

Welche Funktion erfüllt hierbei die Konstruktion bestimmter Feindbilder? Also beispielsweise die Linke, Migrant:innen, Feminist:innen oder eben „faule Arbeitslose”…

Die sind ganz, ganz wichtig. Wir haben zwei Ebenen, auf dem sich das Ganze abspielt. Wir haben die materielle Ebene: Was passiert ganz konkret mit Staatsvermögen, was passiert mit Steuergeld, wie schaut ein Sozialstaat und ein Gesundheitssystem aus, wie ist Arbeit organisiert? Und dann haben wir eine Kulturkampf-Ebene, wo es um die Konstruktion (sprachlicher) Feindbilder geht. Die hat schon früh die extreme Rechte für sich vereinnahmt, konservative Kräfte springen derzeit auf diesen Zug auf.

Wir haben eine Kulturkampf-Ebene, wo es um die Konstruktion (sprachlicher) Feindbilder geht. Die hat schon früh die extreme Rechte für sich vereinnahmt, konservative Kräfte springen derzeit auf diesen Zug auf.

Diese beiden Ebenen verlaufen nicht parallel, sondern gehen laufend ineinander. Das beste Beispiel sind Arbeitslose: Es reicht nicht, es den Arbeitslosen im Leben möglichst schwer zu machen und Leistungen zu streichen. Sondern man muss noch suggerieren, dass die eigentlich gar nicht arbeiten wollen. Wenn man das mit diesen Feindbildern rechtfertigt, schlucken es die Leute eher. Denn wer will für jene in die Presche springen, die jeden Tag bis elf Uhr schlafen? Das sind ja nun wirklich keine sympathischen Leute…

Der britische Journalist Owen Jones beschreibt das in seinem großartigen Buch, „Chavs: The Demonization of the Working Class” (deutsch: „Prolls. Die Dämonisierung der Arbeiterklasse“). Er beschreibt darin, wie Arbeitslose angeblich den ganzen Tag zu Hause sitzen, Reality-TV schauen, Chips essen und sich nicht bewegen, fett sind und nur in grauslichen Unterleiberln herumsitzen. Dieses Bild, das da gezeichnet wird, ist so stark, dass sich niemand mehr in der Gesellschaft für diese Menschen einsetzen will. Das sind dann nur noch die Witzfiguren am Rand der Gesellschaft, die’s ohnehin verdient haben. Das ist der Kulturkampf. Dass man ihnen das Geld wegnimmt: Das ist der Klassenkampf

Das bedeutet, materielle Umverteilung muss immer ideologisch ummantelt werden, um Ungerechtigkeiten zu legitimieren?

Weil es in unseren Gesellschaften nicht akzeptiert ist, zu sagen: „Wir hassen Arbeitslose!“

In einem Beitrag für moment.at schreibst du über Bäcker, die sich im hiesigen Boulevard beschweren, dass sie kein Personal finden. Ihrer Meinung nach liegt das an dem zu hohen Arbeitslosengeld. Ist das genau dieser „radikalisierte Konservatismus”, von dem du auch im Buch schreibst?

Die Leute, die sich da zu Wort melden, das ist das Kapital, das jetzt Ansprüche stellt. Das gerne weniger zahlen würde und am liebsten wohl nur 800 Euro zahlen möchte für 40 Stunden. Natürlich auch, weil sie die Krise spüren, das braucht man nicht wegdiskutieren. Die haben alle Probleme: Lockdowns, Lieferketten, sinkende Kaufkraft. Das ist ein ökonomischer Druck. Aber letztlich bekommen diese Kapitalfraktionen Gratis-PR über auflagenstarke Zeitungen, die Aufreger und Polarisierung suchen. Und so wird eine Kampagne gestartet, dass das Arbeitslosengeld gedrückt werden soll. Politisch wird das aufgegriffen oder funktioniert im Wechselspiel. Teilweise kommt dabei die „rohe Bürgerlichkeit” zum Vorschein: ‚Die hackln ja alle nichts, die liegen ja alle faul rum, die wollen ja gar nicht arbeiten‘ … ‚Ich bezahle ja so gut und die Leute wollen trotzdem nicht‘…

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  1. Seite 1 - Welche Sprachbilder sich gegen wen richten
  2. Seite 2 - Gewollte Ungleichheit und der Leistungsmythos
  3. Seite 3 - Macht- und Herrschaftsverhältnisse
  4. Seite 4 - Feindbilder und legitimierte Ungerechtigkeiten
  5. Seite 5 - Von Trump bis Kurz
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Über den/die Autor*in

Johannes Greß

Johannes Greß, geb. 1994, studierte Politikwissenschaft an der Universität Wien und arbeitet als freier Journalist in Wien. Er schreibt für diverse deutschsprachige Medien über die Themen Umwelt, Arbeit und Demokratie.