Organisiert die Kindergärten neu!

Kindergärten: Demonstration der Pädagoginnen am 12.10.21 in Wien
Am 12.10.21 demonstrierten 5.000 Kindergarten-Pädagog:innen im Wiener Votivpark unter dem Motto "Es reicht!".
Fotos (C) Markus Zahradnik

Inhalt

  1. Seite 1 - Von der Betreuungs- zu Bildungseinrichtung
  2. Seite 2 - Warum Berufseinsteiger:innen fehlen und es einheitliche Standards braucht
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Die Probleme in der Elementarpädagogik sind seit vielen Jahren nicht nur bekannt, sie spitzen sich auch immer mehr zu. Zeit, einen umfassenden Strukturwandel anzudenken. Ein Plädoyer von Alexia Weiss.
Die einen haben, wenn es um Kindergärten geht, immer noch die bastelnden und singenden Tanten im Kopf. Die, die als Elementarpädagog:innen arbeiten, versuchen, dem Anspruch gerecht zu werden, in einer Kinderbildungseinrichtung tätig zu sein. Der Graben, der sich zwischen diesen beiden Bildern auftut, ist riesig und sagt so vieles aus: denn die Organisation der Kindergärten stammt noch aus der Zeit, in der sich diese tatsächlich vor allem als Betreuungseinrichtungen verstanden.

Genau hier ergeben sich dann die unterschiedlichsten Problemlagen. Wie kann ich dem Auftrag, eine Kinderbildungseinrichtung zu sein, nachkommen, wenn eine Pädagogin für viel zu viele Kinder zuständig ist? Wie kann ich als Träger:in von Kindergärten wiederum mehr Pädagog:innen einstellen, wenn mir dafür das Geld fehlt? Wie bringe ich Absolvent:innen von Bildungsanstalten für Elementarpädagogik dazu, überhaupt in den Beruf einzusteigen, wenn die Angst, der Verantwortung nicht gerecht zu werden, zu groß ist?

Der Gesellschaftlicher Wandel: verschlafen

Die Gesellschaft von heute ist nicht mehr die Gesellschaft der 1970er Jahre. Die Frauenerwerbsquote ist heute eine wesentlich höhere, zum einen, zum anderen ist Österreich ein Migrationsland, was vor allem in den Städten stark spürbar ist. Dem Kindergarten kommt heute eine wesentlich tragendere Rolle zu. Und diese wird auch vom Staat klar formuliert: Es gibt das verpflichtende Kindergartenjahr – alle Mädchen und Buben müssen also ab dem Alter von fünf Jahren einen Kindergarten besuchen. Dies soll nicht zuletzt dazu beitragen, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Kinder bereits mit guten Deutschkenntnissen in die Schule eintreten. Zum anderen weiß auch die öffentliche Hand, dass es gute Kinderbetreuung braucht, damit Frauen nach der Geburt eines Kindes wieder rasch ins Erwerbsleben zurückkehren können. So entstand der – wichtige – Gratiskindergarten.

Die Organisation der Kindergärten änderte sich aber nicht. Neben den Kindergärten der Gemeinden gibt es eine Vielzahl an privaten Träger:innen, sie reichen von Religionsgesellschaften (allen voran die katholische Kirche) bis zu alternativpädagogischen Anbieter:innen. Sie bekommen Förderungen der öffentlichen Hand, damit sie ihrerseits den Eltern einen Gratisplatz für ihr Kind anbieten können. Anders als etwa öffentliche Volksschulen müssen sie aber privatwirtschaftlich haushalten: Steigt etwa das Gehalt von Pädagog:innen durch lange Betriebszugehörigkeit, dann macht das Probleme. Fallen Pädagog:innen durch Krankenstand oder in Corona-Zeiten Quarantäne aus, bringt das die Kolleg:innen massiv unter Druck – Springer:innen nur für diesen Zweck kann sich kaum ein Träger leisten. Die Förderungen sind knapp bemessen, den seit Jahren nachdrücklich formulierten Forderungen, die Mittel deutlich zu erhöhen, wurde nie adäquat nachgekommen.

Der große Wurf: fehlt

Erst als die im Bereich Elementarpädagogik Beschäftigten – Pädagog:innen, Assistent:innen, aber auch Kindergruppenbetreuer:innen – diesen Oktober tatsächlich einmal die von ihnen betreuten Gruppen vormittags geschlossen hielten und stattdessen auf die Straße gingen, bewegte sich etwas: Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) sagte eine neue Vereinbarung zwischen Bund und Ländern zu, die einerseits mehr Geld für die Träger:innen, andererseits aber auch längere und flexiblere Öffnungszeiten sowie mehr Plätze für Unter-Dreijährige bringen soll. Fix ist hier allerdings noch nichts. In Wien ließ wiederum Bildungsstadtrat Christoph Wiederkehr (Neos) aufhorchen: Der sagte die Verdoppelung von Stunden von Assistent:innen zu – sie sollen damit künftig 40 Stunden statt bisher 20 Stunden pro Woche in den Gruppen eingesetzt werden.

Am Ende bleibt aber der Eindruck: Es wird hier und dort ein bisschen etwas monetär verbessert, doch der große Wurf gelingt nicht. Was es aber braucht, ist eine völlige Neukonzeption der Elementarpädagogik. Das beginnt bei der Ausbildung der angehenden Elementarpädagog:innen und endet bei der Organisationsstruktur der Kindergärten.


Anders als in anderen europäischen Ländern ist die Ausbildung zur oder zum Elementarpädagog:in in Österreich derzeit nicht unversitär. Oft wird argumentiert, dass dies die Personalkosten nur zusätzlich erhöhen würde. Derzeit entscheiden sich Jugendliche im Alter von 14 Jahren, diesen Beruf zu ergreifen und besuchen dann eine berufsbildende höhere Schule, die Bildungsanstalt für Elementarpädagogik, die nach fünf Jahren mit der Matura abschließt.

Die Berufseinsteiger:innen: fehlen

In vielen Klassen geht derzeit aber nur knapp die Hälfte der Absolvent:innen in den Beruf. Vielen wird schon während der Ausbildung klar, dass die derzeitigen Arbeitsbedingungen – zu viele Kinder zu betreuen, damit einerseits eine große Verantwortung zu haben, andererseits zu wenige Zeit für das einzelne Kind zu haben und damit dem Anspruch, tatsächlich pädagogisch tätig zu sein, nicht gerecht werden zu können – aus ihrer Sicht nicht passen. Sie steigen damit erst gar nicht in den Beruf ein.

Der Staat bildet hier also um viel Geld Arbeitskräfte aus, die sich schließlich für eine andere Laufbahn entscheiden. Für eine Ausbildung auf universitärer Ebene spricht einerseits, dass dann wohl auch ein höherer Prozentsatz der Absolvent:innen tatsächlich in den Beruf gehen würde. Aber auch inhaltlich gäbe es hier viele Vorteile: Gerade was zum Beispiel die Förderung der Sprachentwicklung angeht, wäre eine noch profundere Ausbildung wünschenswert.

Was die Organisation von Kindergärten betrifft, wäre wiederum eine Eingliederung ins Schulwesen überlegenswert, wobei im Gegensatz zu derzeit dann eben die überwiegende Mehrzahl der Standorte von der öffentlichen Hand betrieben werden sollte. Wie im Pflichtschulbereich wären dann vorrangig die Gemeinden beziehungsweise Länder für die Erhaltung der Kindergärten sowie die Personalkosten zuständig (für letztere könnten sie, wie dies auch für Schulen der Fall ist, wiederum Mittel vom Bund erhalten). Bei privaten Betreiber:innen könnten nach entsprechender vorheriger Prüfung und Genehmigung die Regelungen angewandt werden, die für Schulen mit Öffentlichkeitsrecht greifen.

Einheitliche Standards: braucht es

Schluss müsste dann auch mit dem derzeitigen Fleckerlteppich sein, wenn es um die Rahmenbedingungen der Arbeit von und in Kindergärten geht. Das betrifft sowohl die Öffnungszeiten als auch den Betreuungsschlüssel, das betrifft aber auch die Bezahlung oder die Frage, ob und wieviel Vorbereitungszeit einer Pädagog:in finanziell abgegolten wird. Hier braucht es endlich bundeseinheitliche Regelungen.

Denn: Wer wirklich Kinderbildungseinrichtungen statt nur Betreuungsstätten möchte, muss auch für Standards garantieren – und das können viele Träger:innen derzeit auf Grund der finanziell massiv angespannten Lage nicht. Ein besserer Betreuungsschlüssel ist dabei das Um und Auf. Aber auch die Möglichkeit, jeden Tag mit den Kindern Zeit im Freien verbringen zu können, gehört dazu. Wenn man heute mit Pädagog:innen spricht, erfährt man, dass sie, wenn sie mit 25 Kindern alleine in der Gruppe sind, weil wieder einmal an allen Ecken und Enden Personal fehlt, es einfach nicht schaffen, in den nächst gelegenen Park zu gehen. Sie könnten ihrer Aufsichtspflicht dabei nicht nachkommen. Und auch in der Gruppe ist dann Notbetrieb, das wichtigste ist, dass alle zu essen haben, sich niemand verletzt, es keine größeren Konflikte zwischen den Kindern gibt. So stellt man sich einen Tag in einer Kinderbildungseinrichtung nicht vor.

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  2. Seite 2 - Warum Berufseinsteiger:innen fehlen und es einheitliche Standards braucht
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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).