Wiedereinstieg: Die wertvolle zweite Chance

Wiedereinstieg nach der Karenz: Margarita Guamán Robalino wird von abz*austria unterstützt
Margarita Guamán aus Ecuador macht gerade eine Ausbildung zur Diplom-Buchhalterin. Bis dahin war es ein langer Weg.
(C) Markus Zahradnik
Frauenberufszentren wie das abz*austria helfen Frauen beim Wiedereinstieg nach der Karenz – so wie Margarita Guamán. Und das ist in Corona-Zeiten, wo Frauenarbeitslosigkeit höher als Männerarbeitslosigkeit ist, wichtiger denn je.
Es ist ein kühler, herbstlicher Freitagmittag in Wien-Meidling. Eine kleine, dunkelhaarige Frau, in eine dicke Daunenjacke gehüllt, nimmt Platz auf einer Parkbank, während drum herum der Verkehr vorbeibrettert. In ihrem Gesicht: Stolz. Sie ist 36 Jahre alt, und es ist ihr dritter Ausbildungstag, sie ist am besten Weg zum Wiedereinstieg – gerade hat sie Mittagspause. Noch vor einem Jahr sah ihr Leben ganz anders aus.

Ursprünglich sollte es nur ein Jahr im Ausland werden, damals, als die junge BWL-Studentin Margarita Guamán Robalino, 36, in ihrem Heimatland Ecuador in ein Flugzeug nach Wien stieg, um hier als Au-pair-Mädchen zu arbeiten und nebenbei Deutsch zu lernen. Aus einem Jahr wurden dann 13. Heute spricht sie fast perfekt Deutsch. Eines hat ihr all die Jahre gefehlt: ein Job.

Als sie die Sprache gut genug beherrscht, unternimmt sie 2011 einen neuen Anlauf und schreibt sich an der Wiener Wirtschaftsuniversität ein, um ihr BWL-Studium fortzusetzen. „Das war ein Schock“, erzählt sie. Zwar wurden ihr direkt einige Prüfungen aus Ecuador anerkannt, auch fachlich kam sie mit, doch die Sprachhürden waren zu hoch – genau wie die Studiengebühren.

Planänderung

Drittstaatsangehörige müssen in Österreich Studiengebühren zahlen. Um alles zu finanzieren, muss Margarita viel nebenher arbeiten. „Das Studium hätte ja zehn Jahre gedauert.“ Also schmeißt sie schweren Herzens hin. Jahre vergehen, sie heiratet, bekommt zwei Kinder. Zufrieden ist sie nicht.

„Ich wusste einfach nicht, was ich hier machen sollte“, erzählt sie. In ihrem Lebenslauf standen nur die Referenzen als jahrelange Babysitterin und Kindermädchen. „Ich wollte so sehr etwas tun“, sagt sie. Also hat sie sich irgendwann vor den PC gesetzt und angefangen zu recherchieren. So stieß sie vor genau einem Jahr auf das abz*austria, und alles nahm seinen Lauf.

Das Frauenberufszentrum abz*austria – die Buchstaben stehen für Arbeit, Bildung, Zukunft – ist ein Non-Profit-Unternehmen und gleichzeitig das größte Frauenunternehmen Österreichs, es arbeitet eng mit dem AMS zusammen. 8.000 Frauen werden hier jährlich betreut und gecoacht – in ganz Österreich. Die Kursinhalte orientieren sich am beruflichen Wiedereinstieg und der Gleichstellung am Arbeitsmarkt. Seit Jahren fordert das abz*austria 50 Prozent des arbeitsmarktpolitischen Budgets für Frauenprojekte.

Aus der Statistik gerutscht

Wie wichtig solche Qualifizierungsstellen für Betroffene sind, zeigt sich nicht nur an der persönlichen Geschichte von Margarita Guamán, sondern besonders in der Corona-Krise. Die Zahlen zur Frauenarbeitslosigkeit sind historisch: Seit Langem wieder ist die Frauenarbeitslosigkeit in Österreich höher als die der Männer. Im Sommer waren – eine Zahl, bei der man sich setzen muss – 85 Prozent aller im Zuge der Corona-Krise Erwerbsarbeitslosen weiblich.

Durch Corona verlieren wir die Frauen, sie melden sich ab von der Arbeitssuche.

Manuela Vollmann, abz*austria

Manuela Vollmann gründete 1992 das abz*austria. Vor zehn Jahren stellte sie die Geschäftsführung auf eine Doppelspitze um, die sie sich mit Daniela Schallert teilt – sogenanntes „Top-Sharing“. „Wir beobachten gerade Bedenkliches“, sagt Vollmann. „Durch Corona verlieren wir die Frauen, sie melden sich ab von der Arbeitssuche.“ Dafür gibt es einen Fachbegriff: Out-of-Labor-Force. Und die ist massiv in Österreich, Tendenz steigend. „Das sind Frauen, die zwar erwerbsarbeitslos sind, aber nicht als arbeitssuchend gemeldet sind. Die tauchen gar nicht in der Statistik auf. Das hat sich durch Corona verschlimmert“, so Vollmann. Das zeigt auch eine aktuelle Studie: Die Zahl der nicht aktiv arbeitssuchenden Frauen ist um 5,1 Prozent innerhalb des ersten Quartals gestiegen.

Warum sich Frauen vom Arbeitsmarkt zurückziehen, kann verschiedene Gründe haben. 2020 aber ist es vor allem einer: Frauen überlassen ihren besserverdienenden Männern den Vortritt, um die unbezahlte Arbeit gerade im Lockdown abzufangen: Home-Schooling, Kinderbetreuung, Angehörigenpflege, Haushalt. „Das ist ein Teufelskreis, den es zu unterbrechen gilt“, sagt Vollmann, „wir können nicht zulassen, dass gut ausgebildete Frauen – gerade auch in Zeiten des Fachkräftemangels – dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht mehr zur Verfügung stehen.“ Auch die Auswirkungen auf Karriere und Pension seien irgendwann nicht mehr wettzumachen. Vollmann will das nicht hinnehmen: „Wir haben die bestausgebildeten Frauen in diesem Land und wir lassen sie im Haushalt verschwinden.“

Ein Familienarbeitszeitmodell, angelehnt an Elternteilzeitgesetz und Kurzarbeit, könnte dieses Problem lösen. So soll Frauen ermöglicht werden, nach der Karenz schneller wieder einzusteigen, während Männer von Vollzeit auf Teilzeit reduzieren. Finanziert werden sollte dieser Ausgleich durch Arbeitgeber*innen und öffentliche Hand. Damit soll auch für Väter ein Anreiz geschaffen werden, die Arbeitszeit zu reduzieren. „Jede Stunde, die man da reduzieren kann, hilft bei der Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Privatleben und damit der Work-Life-Balance“, sagt Vollmann.

Wiedereinstieg braucht flexible Lösungen

Das war auch Thema für Margarita Guamán. „Was mach ich, wenn meine Kinder eine ganze Woche krank zu Hause bleiben müssen? Das war meine größte Angst.“ Ihre Kinder besuchen einen öffentlichen Kindergarten – dieser bietet zum Glück flexible Betreuung an, je nach Arbeitszeit. Als sie ein Vorstellungsgespräch hatte, durften die Kinder sogar länger bleiben. Ihr Mann ist selbstständiger Gärtner und viel unterwegs, an ihr hängt der Großteil der Kinderorganisation. Wobei: „Jetzt ist es anders“, sagt sie, „jetzt versucht auch er mehr zu übernehmen.“

Was mach ich, wenn meine Kinder eine ganze Woche krank zu Hause bleiben müssen? Das war meine größte Angst.

Margarita Guamán, probiert den Wiedereinstieg

In den nächsten zehn Monaten absolviert sie nun eine Ausbildung als Diplom-Buchhalterin. Ein paar Tage die Woche muss sie zur Akademie der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, die anderen in eine Kanzlei im 20. Bezirk und abends, sobald die Kinder schlafen, büffeln. Bei der Stellensuche wurde sie vom waff unterstützt – durchgesetzt im Recruiting gegen alle Mitbewerber*innen hat sie sich allein. „Ich wollte es unbedingt. Ich dachte mir immer, ich kann nichts, außer Kinder zu betreuen. Aber das stimmt nicht.“ Sie überlegt. „Hinter mir liegt ein langer Weg, vielleicht nicht beruflich, aber ich hab in anderen Aspekten viel geleistet.“

Wie wäre ihr Leben ohne die Hilfe vom abz*austria verlaufen? „Ich wäre immer noch arbeitslos, immer wieder AMS-Termine, und ich wäre immer frustrierter geworden.“ Die Kanzlei wird sie übrigens am Ende ihrer Ausbildung übernehmen, wurde Margarita Guamán mitgeteilt. Damit ist der Wiedereinstieg geschafft.

Über den/die Autor*in

Anja Melzer

Anja Melzer hat Kunstgeschichte, Publizistik und Kriminologie in Wien und Regensburg studiert. Seit 2014 arbeitet sie als Journalistin und Reporterin für österreichische und internationale Zeitungen und Magazine. Seit März 2020 ist sie Chefin vom Dienst der Arbeit & Wirtschaft.