Lohnindex und Reallohn

Zählen von Inflationsgeld in einer österreichischen Bank nach 1918. Die rasante Geldentwertung wurde ab 1921 durch eine inkompetente Finanzpolitik weiter beschleunigt. I © Picturedesk / Illustrated London News 1855, Sammlung Frauenmuseum Hittisau | ÖNB-ANNO/Muskete 15.5.1919, 8.
Die Hyperinflation nach dem Ende des Ersten Weltkriegs drohte die Lohnerhöhungen aufzufressen. Mit dem „Lohnindex“ setzten die Gewerkschaften eine Teilanpassung an den sinkenden Geldwert durch und sicherten damit die Existenz vieler Familien.
Im Jahr 1924 war der Anteil der Löhne und Gehälter am Volkseinkommen gegenüber der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg um sechs Prozent gestiegen. Angesichts der Ausgangslage war das ein Wunder. Eines, das wesentlich den Gewerkschaften zu verdanken war. Die Ausgangslage, das waren ein von der Kriegspolitik der Monarchie geerbter Verfall des Geldwerts. Der führte dazu, dass sich die meisten Menschen kaum genug zum Leben leisten konnten. Nicht nur die Armen. Die Inflationskonjunktur schuf zwar Arbeitsplätze, fraß aber die Lohnerhöhungen auf.

Einführung des Lohnindex

Die Kluft zwischen den reichen Inflationsgewinnler:innen und dem Rest der Bevölkerung wurde immer größer. Arbeiterkammerexpertin Käthe Leichter beschrieb die Situation in ihrem Beitrag zur Gewerkschaftsgeschichte der Ersten Republik so: „Aufreizend sind die Gegensätze. … Frauen, einem wandelnden Juwelierladen gleichend, begegnet man auf den Straßen. Das Elend anderer schleicht nebenher.“

Portrait ehemalige Präsidentin der Arbeiterkammer Käthe Leichter. Sie setzte sich für den Indexlohn ein.
Käthe Leichter beklagte das Auseinanderdriften von Arm und Reich und die zunehmende Ungerechtigkeit. | © ÖGB-Fotoarchiv

Die Reichskommission der Freien Gewerkschaften versuchte, die Notbremse zu ziehen. Das sollte den Familien der Arbeitnehmer:innen wenigstens einen kleinen Anteil vom Wirtschaftsaufschwung sichern. Sie setzte Ende 1919 ein Übereinkommen mit den Arbeitgeber:innenorganisationen durch, das die Lohnauszahlung anhand einer „gleitenden Lohnskala“ vorsah. Ein Lohnindex also. Das heißt, es gab den Kollektivvertragslohn als festen Betrag und dazu einen flexiblen „Indexlohn“. Eine Aufzahlung nach einem statistischen Lebenshaltungskostenindex. Angesichts der raschen Geldentwertung mussten die Arbeitsmarktparteien nicht wöchentlichen verhandeln.

Automatische Lohnanpassung in Zeiten hoher Inflation

Die per Gesetz geschaffene zehnköpfige zentrale „Indexkommission“ war eines der ersten sozialpartnerschaftlichen Problemlösungsinstrumente. Sie legte die Richtwerte fest. Von Seite der Arbeitnehmer:innen gehörte ein Delegierter der Gewerkschaftskommission und drei Delegierte der Arbeiterkammer an. Die Regierung war durch Beamte des Sozialministeriums und des Bundesamts für Statistik vertreten. Marktamt und Wohnungsamt der Gemeinde Wien, Konsumgenossenschaften und große Konfektionsfirmen stellten die Riege der Expert:innen.

Die meisten paritätischen Kommissionen, die die Höhe des Indexlohns auf Branchenebene bestimmten, hielten sich an die Berechnungen der Indexkommission. Andere bevorzugten die Berechnungen des Bundesamts für Statistik. Für die Metallindustrie gab es eigens erstellte Indexzahlen. In etlichen Bundesländern hielt man ebenfalls die Berechnungen der zentralen Kommission für ungeeignet, weil sie zu einseitig von der Wiener Situation ausgingen. Obwohl es also keinen verbindlichen Verbraucherpreisindex wie in der Zweiten Republik gab, funktionierte der Problemlösungsmechanismus zunächst gut. Auch die Unternehmer:innen hatten Interesse daran, dass sie im beginnenden Wirtschaftsaufschwung nicht ständig mit Lohnforderungen und Arbeitskämpfen konfrontiert wurden.

Umgehung des Lohnindex

Das änderte sich nach den Nationalratswahlen im Oktober 1920, als die Sozialdemokratie in Opposition ging. Die Vertreter:innen der Sozial- und Wirtschaftsbehörden machten nur mehr halbherzig beim Lohnindex mit. Die Unternehmen verweigerten immer häufiger das Auszahlen des vollen Indexlohns. Gewerkschaften verlangten natürlich die Einhaltung der Vereinbarungen oder sahen sich ihrerseits nicht mehr verpflichtet. Zunehmende Lohnkämpfe und die erkämpften Lohnerhöhungen trugen ohne Zweifel zur weiteren Beschleunigung der Inflation bei.

Sie waren aber nicht die entscheidende Ursache für den fast vollständigen Absturz der österreichischen Währung 1922. Innerhalb von drei Monaten nahm der Geldwert so stark ab, wie in den drei Jahren zuvor zusammen. Vielmehr hatte ein unfähiger Finanzminister, gedeckt durch seine Regierungskollegen, die durchaus vorhandene Chance vertan, Budget und Währung unter sozial und wirtschaftlich halbwegs erträglichen Bedingungen in Ordnung zu bringen. Die aktuelle Inflation ist im Vergleich zu 1922 verkraftbar, Problemlösungen zulasten der vielen sind dagegen leider wieder einmal auf der politischen Tagesordnung.

Über den/die Autor*in

Brigitte Pellar

Brigitte Pellar ist Historikerin mit dem Schwerpunkt Geschichte der ArbeitnehmerInnen-Interessenvertretungen und war bis 2007 Leiterin des Instituts für Gewerkschafts- und AK-Geschichte in der AK Wien.

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