Lehre mit Matura: Kurszeit ist Arbeitszeit

Auszubildende in der Lehre mit Matura bekommt in der Werkstatt etwas erklärt.
©M.Dörr & M.Frommherz, Adobe Stock
Wer eine Lehre mit Matura macht, kann sich die Kurszeiten in der Schule als Arbeitszeiten anrechnen lassen. Im aktuellen Kollektivvertrag für die Branche der außeruniversitären Forschung wurde festgelegt, dass mindestens 520 Stunden gutgeschrieben werden können.
Erst wird in der Früh in die Arbeit gegangen. Nach acht oder neun Stunden geht es für weitere dreieinhalb Stunden in die Abendschule. Parallel zum Job die Matura zu absolvieren bedeutet Stress. Neben der Theorie (Berufsschule) und Praxis (Betrieb) einer Ausbildung kommt bei der Lehre mit Matura eine dritte Belastung auf die Lehrlinge zu.

Was ist die Lehre mit Matura?

Die Lehre mit Matura gibt es seit dem Jahr 2008. Mit ihr können Lehrlinge neben dem Lehrabschluss zusätzlich auch die Matura erlangen. So besteht die Möglichkeit, anschließend eine Hochschule zu besuchen oder sich für höherqualifizierte Positionen im Unternehmen interessant zu machen. Für die Matura müssen insgesamt vier Fächer bestanden werden. Neben Deutsch und Mathematik sind das eine lebende Fremdsprache und ein Fach aus dem Bereich des jeweiligen Lehrberufs. Wer eine kaufmännische Ausbildung macht, muss beispielsweise Betriebswirtschaftslehre inklusive Rechnungswesen belegen. Wer Botaniker:in lernt, muss sich für Biologie einschreiben. Angeboten werden Vorbereitungskurse für die Lehre mit Matura in der Regel vom Wirtschaftsförderungsinstitut (WIFI) und Berufsförderungsinstitut (BFI) oder auch an den Volkshochschulen (VHS).

Auszubildende in der Lehre mit Matura in der Schule.
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Während der Lehre können die Schüler:innen bereits in drei der vier Fächer eine Prüfung ablegen. Das abschließende Fach kann nach dem Erreichen des 19. Lebensjahres absolviert werden. Eines der Fächer muss der Lehrling an einer externen Schule ablegen. Also an einem Gymnasium, einer Handelsakademie (HAK) oder einer anderen weiterführenden Schule. Diese kann also nicht wie die anderen drei an WIFI, BFI oder auf der VHS geschrieben werden.

Aufwertung der Lehre

„Man öffnet durch die Lehre mit Matura ein breiteres Berufsspektrum, und man kann zusätzlich danach ein Studium beginnen. Es ist eine zentrale Aufwertung der Lehre und sie wird dadurch interessanter für Menschen, die vielleicht vorher nicht daran dachten, eine Lehre zu absolvieren. Weil man auf mehreren Ebenen eine Ausbildung erhält“, sagt Christian Hofmann, Bundesjugendsekretär der Gewerkschaft GPA, im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft.

Ungefähr fünf Prozent aller Lehrlinge absolvieren eine Lehre mit Matura, wie aus den Zahlen des Instituts für Bildungsforschung (IBW) hervorgeht. „Es gibt viele Problemstellungen, weshalb aktuell nur rund fünf Prozent eine Lehre mit Matura machen. Ein Grund ist das Stadt-Land-Gefälle. Also: Wo ist mein Betrieb und wo werden die Vorbereitungskurse angeboten? Außerdem bedeutet eine Lehre in einer Lebensphase, in der sich privat viel ändert, noch zusätzliche Belastung obendrauf“, meint Hofmann.

Bis jetzt war es in allen Branchen so, dass die Abendschule nach der Arbeitszeit besucht werden musste. Die Lehrlinge kamen deswegen auf deutlich mehr als die üblichen 38,5 Arbeitsstunden pro Woche. Zwar gibt es in ausgewählten Branchen seit 2021 die Möglichkeit einer Bildungsfreistellung, die gilt allerdings nur für Prüfungstermine. Für die kriegen Lehrlinge dann einen Urlaubstag extra. Abendliche Kurse fallen nicht unter diese Regelung. Die sind weiterhin unabhängig von der Arbeitszeit zu besuchen.

Schulzeit wird als Arbeitszeit anerkannt

Doch nach zwei Jahren Kampf der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA) für die Lehrlinge, hat sich etwas getan. Im neuen Kollektivvertrag der außeruniversitären Forschung gibt es eine garantierte Anrechnung von 65 Arbeitstagen, die umgerechnet 520 Arbeitsstunden entsprechen. „Das ist ein echter Meilenstein. Hier vereint sich das Beste aus zwei Welten: Einerseits die praktische Ausbildung im Betrieb, andererseits die Möglichkeit, nach der Lehre ohne Probleme ein Studium aufnehmen zu können. Dadurch wird die Lehre massiv aufgewertet und auch mehr Gerechtigkeit für den Zugang zu Hochschulen geschaffen“, sagt Theresa Öfner, die Bundesjugendvorsitzende der GPA.

Die außeruniversitäre Forschung war die erste Branche, in der dieser Schritt möglich war. Hofmann sieht durch eine Lehre mit Matura mehr Chancen und weniger Risiken für die Unternehmen. „Manche Unternehmen meinen, dass Lehrlinge mit Matura dann den Betrieb verlassen, um studieren zu gehen. Ich glaube aber, dass, wenn Betriebe den Lehrlingen die Möglichkeit einer Lehre mit Matura geben, es sogar zu einer höheren Bindung zwischen Unternehmen und Lehrling kommt. Denn Lehrlinge sind dafür dankbar, dass sie so eine Chance bekommen“, so Hofmann.

Zusatzangebote binden Lehrlinge

Manche Betriebe bieten zur Lehre-mit-Matura-Möglichkeit noch weitere Goodies, wie einen Gratisführerschein oder andere Ausbildungsmöglichkeiten, an. Auch so etwas sorgt dafür, das Band zwischen Betrieb und den Auszubildenden zu festigen. Zur außeruniversitären Forschung könnten zukünftig noch andere Bereiche dazukommen, glaubt Hofmann. „Es gibt weitere Branchen, die aktiv darüber nachdenken und Interesse an der Lehre mit Matura zeigen. Das Thema wird wohl weiterhin zunehmen.“

 

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Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in verschiedenen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Mit Anfang 30 begann er Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Heute schreibt er vor allem für das Fußballmagazin Ballesterer und die Wiener Zeitung.

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