Kommentar: Krank zur Arbeit ist keine Option

Eine Frau, die an ihrem Schreibtisch im Büro in ein Taschentuch niest, umgeben von Arbeitsunterlagen und einem Laptop. Symbolbild für Krankenstand in Österreich
Immer wieder gibt es Forderungen nach strengeren Regeln bei Krankenständen. Dabei gehen die Krankenstandstage in Österreich langfristig zurück. | © Adobe Stock/Liubomir
Immer wieder wird der Ruf nach strengeren Regelungen für Krankenstände laut. Warum das an der Realität vorbeigeht und Arbeitnehmer:innen genauso schadet wie Unternehmen.
Seit Jahren wird vonseiten der Wirtschaft dasselbe Narrativ bedient: Krankenstände seien in erster Linie ein Kostenproblem, und vor allem Kurzkrankenstände müssten strenger kontrolliert werden. Diese Forderung taucht über das ganze Jahr hinweg immer wieder in den Medien auf. Die darauf aufbauende Debatte greift jedoch jedes Mal zu kurz – und setzt an der falschen Stelle an. Wer einen Krankenstand in Österreich rein als Kostenfaktor betrachtet, verkennt die Realität der Arbeitswelt.

Unbestritten ist: Krankenstände belasten Betriebe und das Gesundheits- bzw. Sozialsystem. Wer sie aber ausschließlich als Kostenfaktor betrachtet, übersieht ihre Ursachen – und dass Beschäftigte, die krank zur Arbeit gehen, am Ende weit mehr Kosten verursachen, sowohl für die eigene Gesundheit als auch fürs Unternehmen.

Mann arbeitet krank auf der Couch.
65 Prozent der Beschäftigten geben an, krank arbeiten zu gehen. | © Adobe Stock/golubovy

Die Zahlen sprechen eigentlich eine klare Sprache: Krankenstandstage sind in Österreich in der langfristigen Betrachtung rückläufig. Während 1980 noch durchschnittlich 17,4 Tage im Jahr verzeichnet wurden, ist dieser Wert bis heute auf 14,7 Tage gesunken, auch wenn die Pandemie und ihre Auswirkungen hier noch nachwirken.

Gleichzeitig zeigt eine Auswertung der Arbeiterkammer Oberösterreich für 2025 ein alarmierendes Gegenbild. 65 Prozent der Beschäftigten geben an, krank arbeiten zu gehen. Besonders ausgeprägt ist dieser sogenannte Präsentismus im Handel sowie im Gesundheits- und Sozialbereich – also genau dort, wo Arbeitnehmer:innen oft ohnehin unter Druck stehen.

Längere Krankheitsverläufe wegen Druck

Wenn hier nach mehr Kontrolle gerufen wird, kann dies das Problem noch verschärfen. Wenn Beschäftigte das Gefühl haben, sich rechtfertigen zu müssen, wenn sie krank sind, oder gar finanzielle Nachteile drohen, steigt der Druck – und damit die Wahrscheinlichkeit, dass sie trotz Krankheit arbeiten gehen. Die Folgen sind bekannt: längere Krankheitsverläufe, höhere Ansteckungsgefahr im Betrieb, sinkende Produktivität und Qualitätsverluste. Präsentismus ist kein Zeichen von Engagement, sondern ein Risiko für alle Beteiligten.

Die Diskussion um verpflichtende Arztbestätigungen ab dem ersten Tag oder gar unbezahlte Krankenstandstage geht daher in die falsche Richtung. Sie unterstellt Missbrauch, wo in Wahrheit oft Verantwortungsgefühl und Angst vor Konsequenzen dominieren. Viele Beschäftigte gehen nicht trotz, sondern wegen der Rahmenbedingungen krank arbeiten: Zeitdruck, Personalmangel und Unsicherheit am Arbeitsplatz sind zentrale Treiber.

Erkältung, Grippe oder Fieber? Dann gilt: Krankenstand melden, auskurieren, gesund werden. Beschäftigte müssen im Krankenstand weder Mails beantworten noch arbeiten – auch nicht im Homeoffice. ÖGB-Arbeitsrechtsexperte klärt auf:

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— ÖGB (@oegb.bsky.social) 25. September 2026 um 14:12

Statt über neue Hürden und Kontrollen zu diskutieren, sollte die wesentliche Frage lauten: Welche Arbeitsbedingungen sind gesundheitsfördernd – und welche machen krank? Prävention, ausreichend Personal, realistische Arbeitszeiten und eine Unternehmenskultur, die Krankheit nicht sanktioniert, sind maßgebliche Bausteine für eine Reduktion von Fehlzeiten. Wer hier investiert, kann Krankenstände nachhaltig reduzieren – und das ohne Misstrauen und Druck.

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Über den/die Autor:in

Claudia Neumayer-Stickler

ist Leiterin des Referats für Gesundheits- und Sozialversicherungspolitik im ÖGB und stv. Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger. | © Elisabeth Mandl

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