Leichter, geboren 1895, kommt aus dem jüdisch-liberalen Bildungsbürgertum. Sie ist die tiefgläubige Lieblingstochter eines Rechtsanwalts, „ein Milieu, in dem auch Mädchen Bildungschancen bekommen“, so die Historikerin Gabriella Hauch, emeritierte Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung, im Interview. Trotz ihrer Privilegien wächst Leichter in Wien mit einem kritischen Blick auf die desolaten sozialen Verhältnisse in der Habsburgermonarchie auf. Während des Kriegs unterrichtet sie als Studentin verwahrloste Buben aus dem Döblinger Bezirksteil Krim, deren Alltag zwischen Prügelstrafe und der Versorgung jüngerer Geschwister kaum Freiraum lässt. Diese Erfahrung prägt sie nachhaltig. 1921 heiratet sie den Juristen Otto Leichter, den sie in der sozialistischen Student:innenbewegung kennengelernt hat.
Gegenwind von innen und außen
Trotz ihres Ansehens trifft Käthe Leichter innerhalb der Partei nicht nur auf Gegenliebe. Ihre Herkunft, ihre teils linksextremen Positionen und ihr Doktortitel „waren Faktoren, die ihr Engagement innerhalb der Organisationen der Arbeiter:innenbewegung mit Vorurteilen gegen die Trias jüdisch/intellektuell/weiblich begleiteten“, so Hauch. So sehr sich Leichter wehrt, als Frauenrechtlerin wahrgenommen zu werden, ist sie auch in der eigenen Arbeit mit Diskriminierung konfrontiert, wenn das Thema der Frauenarbeit etwa bei Parteitagen selbstverständlich auf den zweiten Platz verwiesen wird. Der Antisemitismus in der eigenen Partei schlägt sich in gehässigen Bemerkungen nieder. Leichter versucht, ihn zu ignorieren.
Im AK-Frauenreferat ist sie mit den „Problemen der Frauenarbeit“ befasst. Doch die Datenlage ist unzureichend, was Fragen wie Heimarbeit, Kinderbetreuung oder Wohnsituation betrifft. Leichter geht das Problem praktisch an: Mitarbeiterinnen schwärmen aus, um mittels Fragebögen die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeiterinnen zu erheben. Im Rahmen von vier Studien zwischen 1927 und 1933 gelingt ein bahnbrechender Perspektivenwechsel: Es geht um Arbeiterinnen nicht nur als Forschungsobjekte, die Frauen werden selbst als Expertinnen über ihre Lebenserfahrungen befragt. Die Ergebnisse der Studien sind erschütternd: Die strukturelle Normalität elender Quartiere und unerträglicher Arbeitsbedingungen wird hier erstmals spezifisch in Bezug auf Frauen sichtbar. Zentral ist das 1930 von Leichter herausgegebene „Handbuch der Frauenarbeit in Österreich“, bei dem über 60 Autorinnen mitwirken.
Neues Verständnis
Es ist ein Wissen, das Leichter später zwar dazu befähigt, zu verstehen, warum Frauen für die Nationalsozialisten stimmen – ohne jedoch in der Position zu sein, rechtzeitig daraus politische Schlüsse zu ziehen. Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise sind etwa Kollektivverträge und Arbeitslosengeld eingeschränkt worden, Ehefrauen berufstätiger Männer wird mit dem Kampfbegriff „Doppelverdienertum“ die Arbeit untersagt. 1932 erreichen die Nationalsozialisten bereits 17 Prozent der Stimmen. Eine „Sozialistische Kampfschrift“, die Leichter zugeschrieben wird, wendet sich daraufhin direkt an Wählerinnen. Unter der wenig diplomatischen Anrede „Ihr dummen Ziegen!“ warnt der Text, die Aufgaben der Frau im Dritten Reich seien „Kuschen und Kinderkriegen – Kinderkriegen zum Massenmord!“.
Zeiten des Widerstands
Nach den Februarkämpfen 1934 verlieren beide Leichters ihre Arbeit und wechseln in den Widerstand gegen den Austrofaschismus. Ihr Haus wird zum Treffpunkt, was zunächst unbeobachtet bleibt. Mit dem „Anschluss“ 1938 ist es damit aber vorbei. Der wegen seiner illegalen politischen und publizistischen Arbeit für die Sozialdemokratische Partei exponiertere Otto Leichter flieht nach Paris. Dorthin holt er die Söhne Heinz und Franz nach. Käthe Leichter glaubt, noch Zeit für eine legale Ausreise zu haben. Sie wird jedoch verraten und am 30. Mai 1938 verhaftet. 1940 deportieren Nazis sie ins Konzentrationslager Ravensbrück. Alle Bemühungen um ihre Befreiung bleiben vergebens. 1942 wird sie in der NS-Tötungsanstalt Bernburg (Sachsen-Anhalt) ermordet.
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Das Paradiesversprechen ihrer Religion, die in ihrer Jugend so wichtig ist, wird bei Leichter abgelöst durch die Utopie, dass der Sozialismus eine Gerechtigkeit herstellen kann, die es bisher nicht gegeben hat. Vor allem nicht für Frauen, die beim Leitsatz der Revolution von 1848 („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“) ohnehin nie mitgedacht waren. Leichter ist eine der Ersten, die klar formulieren, dass die Utopie auch für Frauen gelten muss.