„Schulsystem muss aufhören, Probleme nach außen zu delegieren“ – Ilkim Erdost im Interview

Inhalt

  1. Seite 1 - Barrieren und Chancengleichheit
  2. Seite 2 - Corona, Digitalisierung und Spracherwerb
  3. Seite 3 - Mehr Ressourcen für die universitäre Lehre
  4. Seite 4 - Der Bologna-Prozess auf dem Prüfstand
  5. Auf einer Seite lesen >
Ilkim Erdost ist neue Leiterin des Bereichs Bildung, Konsument:innen und Wien in der AK Wien. Im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft kritisiert sie den verpatzten Schulstart und skizziert ihre Visionen einer Schule, die den Bedürfnissen aller Kinder gerecht wird.
Foto Ilkim Erdost
„Der digitale Wandel muss aber gestaltet werden. Und junge Menschen müssen verstehen, wie ihre digitalen Werkzeuge funktionieren, wie es um ihre Datensicherheit bestellt ist, wie sie sich sicher und kompetent in den sozialen Medien bewegen können.“

Schule sollte also nicht nur lehren, sondern auch sozialarbeiterische Aufgaben übernehmen, bei gesundheitlichen Defiziten auf physischer und psychischer Ebene eingreifen und sich um das Kind in seiner Gesamtheit kümmern?

Es geht weniger um ein Betreuen, sondern eher um das Bewusstsein, dass all diese Faktoren das Lernen der Kinder und Jugendlichen beeinträchtigen oder fördern. Ein Kind, das in einem Elternhaus lebt, das existenzielle Ängste hat, weil die Eltern nicht wissen, ob sie die Wohnung halten können oder nicht, geht mit einem anderen Rucksack in die Schule als ein Kind, das diese Sorgen von zu Hause nicht mitnehmen muss. Kinder, die Konzentrationsschwierigkeiten oder andere Lernschwierigkeiten haben, brauchen in der Schule ausreichend Unterstützung, damit hier ein Ungleichgewicht nivelliert wird. Dazu braucht es multiprofessionelle Teams aus Schulärzt:innen, Sozialarbeiter:innen, Schulpsycholog:innen, Logopäd:innen, die gemeinsam mit den Lehrpersonen den Lernfortschritt der Kinder unterstützen.

Sie haben hervorgestrichen, dass sich die Welt verändert. Da spielt die Digitalisierung eine große Rolle. Im Bereich der Schule hat die Corona-Krise im Bereich Digitalisierung als Turbo gewirkt. Dabei wurde aber das Erlernen des Umgangs mit dem Computer und den verschiedenen Kommunikationstools vor allem bei jüngeren Kindern an die Eltern delegiert. Was bräuchte es hier eigentlich nun von Seiten des Schulsystems?

Die Digitalisierung ist in der Schule viele Jahre viel zu kurz gekommen. Jetzt hat es im Zuge der Pandemie einen enormen Druck gegeben, relativ schnell Strukturen aufzubauen, um Distance Learning möglich zu machen. Das ist unterschiedlich gut gelungen. Da gab es große Unterschiede, wie Lehrer:innen, wie Schulen darauf vorbereitet waren und auch, wie Schüler:innen damit umgehen konnten. Einerseits hinsichtlich der Ressourcen, aber auch hinsichtlich der Kompetenzen, die zur Verfügung gestanden sind.

Die Digitalisierung ist in der Schule viele Jahre viel zu kurz gekommen. Jetzt hat es im Zuge der Pandemie einen enormen Druck gegeben, relativ schnell Strukturen aufzubauen, um Distance Learning möglich zu machen. Das ist unterschiedlich gut gelungen. 

Oft wurde darauf hingewiesen, dass die Infrastruktur fehlt, einerseits in der Schule, aber auch zu Hause, dass das stabile Internet fehlt, und das stimmt. Aber es ist das leichteste, wie es jetzt auch passiert, mehrere tausend Laptops zu kaufen und sie Schüler:innen in die Hand zu drücken. Es ist aber eine völlig andere Frage, wie hier die Vermittlung verankert ist, inwiefern Lehrer:innen auch Bescheid wissen, welche digitalen Tools ihnen zur Verfügung stehen, wie sie pädagogisch damit arbeiten können, und wie die Schüler:innen zu Hause diese Dinge anwenden können. Das sind nochmal ganz andere Prozesse. Und diese brauchen Zeit.

Da und dort gibt es sehr ambitionierte Projekte und es gibt viele Lehrer:innen, die sehr engagiert sind, aber der Informatikunterricht ist an vielen Schulen vernachlässigbar und hat kaum einen Stellenwert. Die österreichischen Schulen sind nicht auf die Digitalisierung vorbereitet und die Schüler:innen auch nicht. Der digitale Wandel muss aber gestaltet werden. Und junge Menschen müssen verstehen, wie ihre digitalen Werkzeuge funktionieren, wie es um ihre Datensicherheit bestellt ist, wie sie sich sicher und kompetent in den sozialen Medien bewegen können, was Quellensicherheit bedeutet, aber auch, wie sie selbst diese digitalen Welten gestalten können. Das alles kommt derzeit viel zu kurz.

Eines der bildungspolitischen Dauerthemen ist eine adäquate Deutschvermittlung für Schüler:innen mit einer anderen Erstsprache als Deutsch. Die einen loben hier den Lösungsansatz Deutschförderklassen, die anderen sehen ihn als verfehlt. Wie sollten Kinder mit anderer Muttersprache idealerweise Deutsch erlernen?

Die Deutschförderklassen waren eine versteckte Einsparungsmaßnahme der Bundesregierung, um Sprachförderressourcen aus den Schulen abzuziehen und in eigene Klassen zu containern. Andererseits hat man wieder einmal ein Problem externalisiert: Die fehlenden Deutschkenntnisse wurden als Problem der anderen, aber eben nicht der Schule deklariert. Das hat große Konsequenzen für die Schüler:innen, die in diesen Deutschförderklassen sind, weil ihnen damit erheblich wertvolle Zeit genommen wird in ihrem weiteren Bildungsverlauf, ihnen wird der Zugang zu den anderen Fächern genommen und ihnen wird der Kontakt zu fließend Deutsch sprechenden Kindern genommen. So verlieren sie viel Zeit.

Und in der Pandemie wurde auch nicht darauf verzichtet, die Sprachstandsfeststellungen – das betrifft großteils Volksschüler:innen – durchzuziehen. Über Maturaprüfungen und Lehrabschlussprüfungen haben wir viel gesprochen, es wurde Rücksicht darauf genommen – aus meiner Sicht eh noch viel zu wenig -, aber was die Kinder mit fehlenden Deutschfähigkeiten betrifft, auf die wurde überhaupt keine Rücksicht genommen. Sich hier nicht damit auseinanderzusetzen, wie man differenziert gemeinsam unterrichtet, halte ich für einen erheblichen Systemfehler.

Die Deutschklassen müssen so schnell wie möglich aufgelöst werden. 

Sie wünschen sich also die Rückkehr zum integrativen Spracherwerb.

Ja, die Deutschklassen müssen so schnell wie möglich aufgelöst werden.

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  1. Seite 1 - Barrieren und Chancengleichheit
  2. Seite 2 - Corona, Digitalisierung und Spracherwerb
  3. Seite 3 - Mehr Ressourcen für die universitäre Lehre
  4. Seite 4 - Der Bologna-Prozess auf dem Prüfstand
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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).