„Schulsystem muss aufhören, Probleme nach außen zu delegieren“ – Ilkim Erdost im Interview

Ilkim Erdost leitet seit September den Bereich Bildung und Konsu- ment:innenschutz in der AK Wien.
Ilkim Erdost leitet seit September den Bereich Bildung und Konsu- ment:innenschutz in der AK Wien.
Fotos (C) Christopher Glanzl

Inhalt

  1. Seite 1 - Barrieren und Chancengleichheit
  2. Seite 2 - Corona, Digitalisierung und Spracherwerb
  3. Seite 3 - Mehr Ressourcen für die universitäre Lehre
  4. Seite 4 - Der Bologna-Prozess auf dem Prüfstand
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Ilkim Erdost ist neue Leiterin des Bereichs Bildung, Konsument:innen und Wien in der AK Wien. Im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft kritisiert sie den verpatzten Schulstart und skizziert ihre Visionen einer Schule, die den Bedürfnissen aller Kinder gerecht wird.

Arbeit&Wirtschaft: Die Schulen sind teils holprig in den zweiten Corona-Herbst gestartet. In Wien waren kurz nach Schulbeginn bereits hunderte Klassen in Quarantäne. Wie wichtig ist nun ein Jahr mit Präsenzunterricht?

Ilkim Erdost: Ich finde, dass der Schulstart wirklich sehr verpatzt gelaufen ist, der Sommer wurde hier wieder nicht ausreichend genutzt, sowohl bezüglich der Informationen im Vorfeld als auch hinsichtlich der Vorbereitung der Teststrategie. Aber was mich am meisten ärgert an der gesamten Situation, ist, dass es wieder an den Familien und den Kindern und Schüler:innen hängen bleibt. In der Spitzenzeit waren zu Schulbeginn nur in Wien bis zu 700 Klassen gesperrt. Das ist eine unglaubliche Zahl. Mit den neuen Quarantäneregelungen hat sich das ein bisschen entspannt, nichtsdestotrotz ist man wieder sehenden Auges in eine Situation gekommen, die für viele Familien und Schüler:innen, aber auch für viele Lehrer:innen und Schulleitungen unerträglich ist.

Der Präsenzunterricht oder das Lernen gemeinsam ist die Essenz von Bildung. Lernen ist ein sozialer Prozess, das wissen wir seit langer Zeit. Man hätte nie den Eindruck erwecken dürfen, dass das Arbeiten zu Hause – egal ob Distance Learning oder das Abarbeiten von Aufgaben – in irgendeiner Art und Weise das Lernen in der Gruppe oder in der Schule ersetzen oder kompensieren kann. Und wie kommen Eltern dazu, als Lehrpersonal einspringen zu müssen, das können sie auch nicht leisten. Und: Die soziale Kluft ist dadurch noch einmal sehr stark auseinandergegangen.

Kinder haben es in unserem Schulsystem grundsätzlich umso schwerer, umso weniger sie ihre Eltern beim Lernen unterstützen können. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Barrieren, wenn es um Chancengleichheit im Schulsystem geht? 

Das österreichische Schulsystem hat unvergleichliche Beharrungsmechanismen. Die Welt rundherum verändert sich aber rasant. Wir stehen vor einem riesigen Strukturwandel am Arbeitsmarkt, in der Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir jetzt schon Freizeit verbringen – das ändert sich ja. Und die Schule nicht. Das System Schule hat es geschafft, alle Probleme, die mit dem Lernprozess oder mit dem Unterricht verbunden sind, nach außen zu delegieren. Schule tut so, als würden alle Probleme, ob es nun Lernfortschrittsprobleme sind, ob es räumliche Probleme sind, ob es Probleme sind, die mit dem Elternhaus oder der Verständigung von Prozessen zu tun haben, egal, von außen kommen.

Das österreichische Schulsystem hat unvergleichliche Beharrungsmechanismen. Die Welt rundherum verändert sich aber rasant. 

Und das ist aus meiner Sicht ein Hebel, an dem ein Paradigmenwechsel ansetzen muss. Schule kann nicht delegieren. Kinder, egal woher sie kommen, egal, welchen sozialen Background sie haben, sind umfassend davon abhängig, dass Schule funktioniert und dass Schule für sie da ist. Ja, es gibt Kinder, die brauchen zusätzliche Ressourcen, da kann das Elternhaus kompensieren, da kann man Nachhilfe dazu kaufen. Aber dann gibt es Kinder, für die Schule die einzige Chance auf Teilhabe in ihrem weiteren Lebensweg ist. Schule muss daher aufhören, nach außen zu delegieren, und es braucht zweitens einen strukturellen Wandel.

Das heißt: Kinder dürfen nicht so früh getrennt werden, wie sie getrennt werden. Der Unterricht muss ganztags stattfinden. Die Schüler:innen sollen mit leeren Schultaschen wieder nach Hause gehen. All das, was Lernen und Schule betrifft, soll in der Schule stattfinden, und Schule soll so viel Freude machen, dass Schüler:innen jeden Tag gerne in die Schule gehen. Dafür braucht es auch eine andere Unterrichtskultur, die es möglich macht, dass die Schüler:innen mit ihren persönlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten, mit ihren Interessen, Wünschen, Träumen wirklich im Mittelpunkt des Unterrichts und der Vermittlung stehen.

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  1. Seite 1 - Barrieren und Chancengleichheit
  2. Seite 2 - Corona, Digitalisierung und Spracherwerb
  3. Seite 3 - Mehr Ressourcen für die universitäre Lehre
  4. Seite 4 - Der Bologna-Prozess auf dem Prüfstand
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Über den/die Autor*in

Alexia Weiss

Alexia Weiss, geboren 1971 in Wien, Journalistin und Autorin. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig, u.a. als Redakteurin der Austria Presse Agentur. Ab 2007 freie Journalistin. Aktuell schreibt sie für das jüdische Magazin WINA, für gewerkschaftliche Medien wie die KOMPETENZ der GPA-djp und sie bloggt wöchentlich zum Thema „Jüdisch leben“ auf der Wiener Zeitung. 2021 erschien ihr bisher letztes Buch "Jude ist kein Schimpfwort" (Verlag Kremayr & Scheriau).