Hohe Inflation: ein teures Leben

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In fast allen Lebensbereichen steigen die Preise seit einem Jahr konstant an und Konsument:innen müssen dadurch tiefer in die Geldtasche greifen. Eine Inflationsrate von 4,3 Prozent im November 2021 bedeutete den höchsten Monatswert seit 1992. Ist ein Ende in Sicht?
Die Wintermonate sind teure Monate. Und in diesem Winter ganz speziell. Heizkosten machen jährlich einen hohen Anteil der Haushaltausgaben in Österreich aus. Im Vergleich der Jahre 2020 und 2021 mussten bei Brennstoffen wie Gas oder Heizöl immense Anstiege hingenommen werden. Für Gas wurden im Schnitt 16 Prozent und für Heizöl stolze 61 Prozent mehr verlangt als nur wenige Monate zuvor. Die Preise steigen aktuell noch weiter und das nicht nur im Energiesektor.

Eine ähnliche Situation findet sich bei den Kraftstoffen Super Benzin und Diesel wieder. Hier sind es 29 und 35 Prozent Teuerung. Wer gerne Restaurantbesuche macht, zahlt momentan 4,3 Prozent mehr, und wer damit spekuliert, sich einen Gebrauchtwagen zu kaufen, sollte sich mit einem um 9,2 Prozent erhöhten Preis anfreunden. Diese Liste kann man lange weiterführen, denn fast in allen Lebensbereichen ist sie aktuell so intensiv zu spüren wie seit 1992 nicht mehr: die Inflation.

Weshalb die Preise so deutlich ansteigen, hat unterschiedliche Gründe. Speziell Corona trägt hier Mitschuld. „Es handelt sich um ein vielschichtiges Problem. Im Laufe der Covid-Pandemie ist es in einigen Branchen zu einer Erholung bei der Gas-Nachfrage gekommen, vor allem auch in Asien, weiters gibt es Gas- und Öl-Lieferengpässe in Europa und ein dritter Grund ist der kalte Winter vergangenes Jahr in Europa. Daher hatten die Gasspeicher am Beginn dieses Winters einen niedrigen Füllungsstand“, erklärt Martin Reiter, Fachexperte im Volkswirtschaftlichen Referat des ÖGB. „Wenn man Wien als Beispiel heranzieht, ergibt das zusätzliche Kosten zwischen 570 und 860 Euro pro Jahr.“

Hyperinflation vor 100 Jahren

Um Inflation nachzuvollziehen zu können, muss man etwas weiter in die Geschichte zurückgehen. Bereits der englische Staatstheoretiker Thomas Hobbes, bekannt für sein Hauptwerk Leviathan, beschrieb 1651 das Phänomen der Inflation. Also in einer Zeit, in der wir noch ein gutes Stück von der Industriellen Revolution entfernt waren und die meisten Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt gewesen sind. Aber die Inflationsgeschichte beginnt bereits im 16. Jahrhundert. Über 100 Jahre verdrei- und vierfachten sich die Preise einzelner Waren. Was über diesen Zeitraum dann eine Inflation von 1,5 Prozent jährlich ergab. Man spricht heute von der Preisrevolution des 16. Jahrhunderts.

Weitere Preistreiber waren der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) und die Französische Revolution (1789-1799). Das Marktgleichgewicht wurde damals durch Angebot und Nachfrage bestimmt, nicht anders als es auch heutzutage passiert. Das Wort „inflatio“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet „sich aufblasen“. In Österreich wurde die Inflation im und nach dem Ersten Weltkrieg zu einem erheblichen Problem. Im Laufe des Kriegs verarmte die Bevölkerung zunehmend und durch die Niederlage und Zerschlagung des Habsburgerreichs brach eine neue Zeit an. Zwischen 1914 und 1921 verdoppelten sich jährlich die Preise. Ab Herbst 1921 ging es dann noch rasanter, monatlich nahmen die Preise um 50 Prozent zu und im August 1922 explodierten die Verbraucherpreise ein weiteres Mal und sie verdoppelten sich. Österreich war mitten in eine Hyperinflation geschlittert. Berechnungen ergaben, dass die Lebensunterhaltungskosten von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zum Sommer 1922 um das 14.000-Fache gestiegen waren. Besonders hart traf es damals Menschen mit Sparguthaben und Bezieher:innen von Renten. Denn die Pensionen konnten nicht mit der steigenden Inflation Schritt halten. Auch Löhne und Gehälter taten das nicht.

Riskante Spekulationen von Banken

Viele neue Banken und Bankfilialen entstanden um 1920. Manche davon betrieben hochriskante Spekulationen. Wenige Zeit später gingen viele bereits wieder bankrott. Durch die Währungsreform 1924/25 und die Einführung des Schillings zeigte sich, wie instabil die Lage war. So konnte zwar die Hyperinflation langsam in den Griff bekommen werden, doch Wirtschaftsskandale prägten die Zwischenkriegszeit und Länder, in denen zuvor die Hyperinflation wütete, waren auf dem Weg zu Diktaturen zu werden. Interessant ist dabei vor allem die Tatsache, wie man damals der Inflation gegenzusteuern versuchte. Allein in Oberösterreich gab es 425 unterschiedliche Gemeinden und Institutionen, die ein sogenanntes Notgeld herausgaben. Von Kleinstgemeinden im Hausruckviertel über Feuerwehren bis zu Narrenvereine gab es so einige, die sich nicht als Gelddrucker betätigten. Doch mit 1921 hatte sich das Drucken bereits wieder erledigt. Schuld war die Hyperinflation selbst, denn Papier und Druckkosten wurden einfach zu teuer, um das mit den Nennwerten auf den Scheinen ausgleichen zu können.

Stabile Werte über Jahrzehnte

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Inflation stetig zurück. In den 1960er Jahren und auch danach unterlag der Wert zwar teilweise stärkeren Schwankungen, doch spätestens ab Mitte der Achtziger Jahre bewegt sich die Inflation jährlich zwischen 0,5 und vier Prozent. Aktuell erleben wir eine Steigerung wie zuletzt vor 30 Jahren. Sollte man sich deshalb Sorgen machen?

„Die bestimmenden Elemente der Inflation und des Preisniveaus sind die Basiseffekte. Wir starten hier von einer sehr geringen Messgröße, wie die Preise beim Öl, die sehr gering waren in der näheren Vergangenheit. Es deutet allerdings nichts darauf hin, dass sich die große Preissteigerung in Zukunft hält. Ich würde hier den internationalen Expert:innen recht geben, die davon ausgehen, dass es sich um eine vorübergehende Erscheinung handelt“, sagt Reinhold Russinger von der Abteilung für Wirtschaftswissenschaft und Statistik der AK-Wien im Gespräch mit Arbeit&Wirtschaft.

Bereits seit 1958 misst die Statistik Austria Monat für Monat Preisänderungen und hat somit einen regelmäßigen Maßstab für die aktuelle Inflationsentwicklung. Das geschieht über den Verbraucherpreisindex (VPI). Durch den harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) können die Statistiker:innen die Werte mit anderen Staaten in Europa vergleichen und somit die Unterschiede und Gemeinsamkeiten sichtbar machen. Der VPI hat neben seiner Funktion als Indikationsfaktor für die Wertschöpfung von Geldbeträgen noch weitere Aufgaben. Für Arbeitnehmer:innen und Arbeitgeber:innen lässt sich am VPI zumeist ablesen, in welche Stoßrichtung die kommenden Kollektivvertragsverhandlungen gehen werden. Steigt der Index, dann sollte auch ein höherer Abschluss zustande kommen, um so zumindest die steigenden Inflationsraten abzugelten. Gemessen wird das alles über einen Warenkorb, in dem sich zwölf unterschiedliche Verbrauchsgruppen befinden. Einzelne Posten werden durch Gesamtausgaben des Durschnittshaushalts gewichtet und mit Werten versehen.

Im aktuellen Warenkorb sind neben Nahrungsmitteln wie Brot oder Milch und Positionen wie Strom oder Gas Preise für die Personenbeförderung mit der Eisenbahn und die Gebühr für mobiles Internet. Der Warenkorb ist nicht immer mit den gleichen Produkten und Dienstleistungen versehen und kann sich ändern. Tarife für mobiles Internet gab es vor 20 Jahren schließlich noch nicht. Alle fünf Jahre findet eine Konsumerhebung statt und damit wird bestimmt, was sich im Warenkorb befindet und was nicht. Waren im Jahr 1958 noch 197 repräsentative Güter in der Auflistung vorzufinden, so sind es im Jahr 2021 schon 756 Waren und Dienstleistungen, die sich teilweise erheblich verteuern zu den Vorjahren.

„Bei steigender Inflation sollte man das Wirtschaftswachstum etwas einschränken. Die Europäische Zentralbank (EZB) befindet sich aktuell in einem Zielkonflikt, aber auch in einer einmaligen Situation, viele Sachen sind momentan nicht möglich. Wenn sich die Wirtschaft überhitzte, hob die EZB früher die Zinsen an, das ist aber aufgrund der Nullzinspolitik momentan nicht möglich“, sagt Russinger. Weiterhin festgehalten wird von Seiten der EZB an einem Inflationswert von zwei Prozent. „Die zwei Prozent der EZB sind zum einen eine beliebige Größe, aber dieser Wert gilt auch als Signal für Produzent:innen, um sich am Markt orientieren zu können“, so der AK-Experte.

Pandemie und Klimakrise

Corona ist ein zentraler Grund, weshalb die Preise intensiver anstiegen als sonst. Durch das Virus waren pandemiebedingte Produktions- und Transportengpässe als Inflationstreiber auszumachen. So konnten die Redereien die Aufträge nicht in der gewohnten Zeit abwickeln und die in Asien produzierten Waren nicht so schnell wie üblich in die Welt verschiffen. Covid-19 trieb außerdem die Digitalisierung voran, und das machte sich insbesondere bei Kapazitätsengpässen bei Halbleitern (Chips) bemerkbar. Und dann ist da noch das Thema Klimakrise. Diese trug 2021 erneut zu Ernteausfällen bei.

Politiker:innen taten ebenfalls das ihrige, um die Inflation zu erhöhen. Der russische Präsident, Wladimir Putin, lieferte nur zögerlich Gas nach Europa, daher war auch das ein Faktor, der die Preise anziehen ließ. Die aktuelle Zuspitzung rund um die Ukraine wirkt weiter verschärfend. Problematisch wird es, wenn Energieanbieter die Preiserhöhungen zur Gänze auf die Konsument:innen abwälzen zu versuchen. Beim Verein für Konsumenteninformation (VKI) gingen in den vergangenen Monate mehr als 6.500 Beschwerden wegen Preiserhöhungen durch die Energieanbieter ein, da die vorgeschriebenen monatlichen Kosten oftmals deutlich höher waren als vereinbart. Manche Kund:innen traf es dabei sogar noch schlimmer, denn Versorger kündigten gültige Verträge einfach auf. Wenn man die jeweils aktuellen Strom- und Gastarife erfahren möchte, ist der Weg auf die Homepage der Regulierungsbehörde E-Control die beste Möglichkeit, um sich auf dem Laufenden zu halten. Dort lassen sich außerdem über den Tarifkalkulator die unterschiedlichen Tarife miteinander vergleichen.

Wenn die Wohnung kalt bleibt…

128.000 Haushalte in Österreich können sich diesen Winter das Heizen nicht oder nur selten leisten und müssen daher die Heizkörper abgedreht lassen. Durch die hohen Energiekosten stieg auch die Energiearmut an. Das betrifft Menschen, die Strom, Gas und Co. nicht mehr bezahlen können und ihr Leben dadurch nur intensiv eingeschränkt führen. Schätzungen ergeben, dass das in der Europäischen Union bis zu 2,7 Millionen Haushalte betrifft. „Energiearmut hat Auswirkungen auf den ganzen Lebensalltag. Es gibt Menschen, die im Winter am Abend früh ins Bett gehen und morgens bald die Wohnung verlassen, um so Energie zu sparen “, sagt die AK-Energie-Expertin und Lektorin an der Wirtschaftsuniversität Wien, Sandra Matzinger. „Die Regierung sollte schnell und kurzfristig auf die steigenden Energiepreise reagieren und einkommensarme- und energieschwache Haushalte unterstützen.“ Die Preise werden auch in den kommenden Monaten noch hoch bleiben. Die Expertin rechnet damit, dass sich eine erste preisliche Entlastung beim Gas bis zum Ende der Heizsaison geben wird und sich die Preise bis 2024 einpendeln werden. Weiter steigen werden aber wohl die Strompreise. „Die Energie-Rechnung setzt sich aus dem Energiepreis, dem Netzpreis sowie Steuern und Abgaben zusammen“ so Matzinger. Mit der neuen ökosozialen Steuerreform sollen nun die Verbraucher:innen finanziell bei Steuern und Abgaben entlastet werden. Eine weitere Entlastung gibt es bei den Ökostromförderkosten. Diese müssen Verbraucher:innen im Jahr 2022 nicht bezahlen. Laut Klimaschutzministerium können in einem durchschnittlichen Haushalt mit einem jährlichen Stromverbrauch von 3.500 Kilowattstunden (kWh) rund 110 Euro in den kommenden zwölf Monaten gespart werden.

Winterpaket

Der ÖGB schlug kürzlich ein „Winterpaket“ vor, um gegen Energiearmut vorzugehen. „Es sind vier Elemente, die wir mit dem Paket fordern: einen finanziellen Zuschuss für einkommensarme Haushalte, um eine unmittelbare Hilfestellung zu bieten, eine zeitlich begrenzte Senkung der Umsatzsteuer auf Strom und Gas für alle Haushalte, einen Abschalte-Stopp der Energieanbieter ist unsere dritte Forderung und um diese Maßnahmen wissenschaftlich zu begleiten, sollte es von Seiten der Regierung einen Auftrag an das WIFO geben, um darauf aufbauend auch weitere Maßnahmen zu bemessen“, sagt Reiter im Gespräch.

Zu diesen kurz- und mittelfristigen Vorschlägen möchte der ÖGB, dass langfristige Ideen entwickelt werden, wie man Energie effizienter nutzen und einsparen kann. Auch die AK fordert Hilfe und Lösungen. Mit dem Energie- und Klimahilfsfonds soll beispielsweise energiearmen Haushalten kurzfristig beim Bezahlen der Rechnungen unter die Arne gegriffen werden, mittelfristig eine leistbare Energieversorgung sichergestellt werden und langfristig „Haushalten mit niedrigsten Einkommen die Teilhabe an einer klimaneutralen Zukunft ermöglicht werden, um so Energiearmut nachhaltig zu bekämpfen“, wie es im Positionspapier steht. „Das Paket sollte mit den Forderungen von ÖGB und AK bei der Politik angekommen sein“, sagt Reiter. Welche der Vorschläge in der Politik Gehör finden werden, wird sich zeigen. Ein Leben, in dem man sich durch die hohe Inflation lebensnotwendige Dinge nicht mehr leisten kann, soll es nicht geben.

Drei Fakten zum Thema

1. Das Gegenteil einer Inflation ist die Deflation. Eine Deflation entsteht, wenn Waren und Dienstleistungen dauerhaft günstiger werden. Einschränkende, gelpolitische Eingriffe durch die Zentralbanken können ebenso dazu führen wie eine Überproduktion von Gütern. Sind die Zinsen niedrig, kann günstiger und mehr produziert werden. Auch eine sinkende Exportnachfrage kann die Folgen vorantreiben. Einige EU-Staaten wie Griechenland oder Bulgarien hatten im vergangenen Jahrzehnt mit einer Deflation zu kämpfen.

2. Wenn das Wirtschaftswachstum gleichbleibt oder sinkt, während die Arbeitslosigkeit und die Inflation ansteigen, dann spricht man von Stagflation. Das Wort wird aus Stagnation und Inflation gebildet. Bekannt wurde dieses Phänomen durch die Öl-Krise in den 1970er -Jahren. Politische Spannungen im Nahen Osten trieben die Ölpreise hinauf und gleichzeitig nahm die Zahl der Erwerbsarbeitslosen in vielen westlichen Ländern deutlich zu.

3. Der Konjunkturzyklus besteht aus unterschiedlichen Phasen. Befindet sich die Konjunktur im Aufschwung, spricht man von einer expansiven Phase. Die Auftragslage und die Produktion steigen an, während die Arbeitslosigkeit sinkt. In der Phase der Hochkonjunktur herrscht Vollbeschäftigung. Löhne und Gehälter legen zu, ebenfalls die Preise bei Gütern und Dienstleistungen sowie die Zinsen. Auf diese Boom-Phase folgt der Abschwung, auch bekannt als Rezession. Die Auftragsbücher der Unternehmen sind weniger voll als zuvor, da die Nachfrage sinkt. Folgen davon sind Kurzarbeit und fehlende Investitionen. Die schlimmste Phase ist die der Depression. Einmal in einem Konjunkturtief ist so schnell kein Ende absehbar. Massenarbeitslosigkeit ist die Folge. Der New Yorker Börsencrash 1929 löste die wohl bekannteste Weltwirtschaftskrise aus.

Über den/die Autor*in

Stefan Mayer

Stefan Mayer arbeitete viele Jahre in verschiedenen privatwirtschaftlichen Unternehmen. Mit Anfang 30 begann er Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Heute schreibt er vor allem für das Fußballmagazin Ballesterer und die Wiener Zeitung.

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