Im zweiten Stock, am Kopfende eines langen Besprechungstisches sitzt Dragan Todorović, Vizepräsident des Verbands. Auf seinem Schreibtisch stehen Heiligenbilder und Familienfotos. Seit fast 30 Jahren ist er Gewerkschafter, angefangen hat er am Nationaltheater in Belgrad. Dort war der Ökonom zwei Amtszeiten lang Sekretär der Gewerkschaftsorganisation. Heute verhandelt er mit der Regierung und Arbeitgebern für unterschiedliche Branchengewerkschaften.

Fragt man ihn nach dem größten Problem der serbischen Arbeiter:innen, spricht er nicht von Lohn, sondern von Angst. „Wir sehen bei den Menschen große Angst, sich gewerkschaftlich zu engagieren. Es wird viel Druck ausgeübt, sie sorgen sich, ihren Job zu verlieren“, sagt Todorović. Das serbische Arbeitsgesetz sei aus 2014, Arbeitnehmer:innen hätten darin wenig Rechte, auch gewerkschaftliche Aktivist:innen seien nicht geschützt. „Es ist so ungenau formuliert, dass es ihnen praktisch keinen Schutz bietet“, sagt der Vizepräsident. Kleinere Betriebe hätten außerdem gar keine Gewerkschaften, „dort bekommen die Leute nicht einmal den gesetzlichen Jahresurlaub. Es gibt sogar Fälle, in denen der Urlaub nicht bezahlt wird“.
Gewerkschaften in Serbien
Das hat auch mit der zersplitterten Gewerkschaftslandschaft in Serbien zu tun. Neben fünf großen Dachverbänden, zu denen auch der „Bund der selbstständigen Gewerkschaften Serbiens“ gehört, gibt es zahlreiche unabhängige Betriebsgewerkschaften. Sie vertreten die Beschäftigten auf betrieblicher Ebene, allerdings nur dann, wenn ihnen mindestens 15 Prozent der Belegschaft angehören. In kleinen Firmen bleiben Arbeitnehmer:innen oft ganz ohne Vertretung. Und wer eintritt, ist für den Chef sofort sichtbar.
Wir sehen bei den Menschen große Angst, sich gewerkschaftlich zu engagieren. Es wird viel Druck ausgeübt, sie sorgen sich, ihren Job zu verlieren.
Dragan Todorović, Bund der selbstständigen Gewerkschaften Serbiens
Obwohl die großen Dachverbände gesetzlich gut verankert sind, bleibt ihr Einfluss begrenzt. Nur rund 30 Prozent der Beschäftigten in der Privatwirtschaft fallen unter einen Kollektivvertrag. Der Staat ist als größter Arbeitgeber des Landes nicht immer ein neutraler Vermittler. Und durch mehrere Gesetzesreformen ist es schwieriger geworden, Kollektivverträge auf ganze Branchen auszuweiten.
Auch die Zusammenarbeit zwischen den Verbänden ist oft schwierig. Grund dafür sind alte Konflikte und der Streit um den Status als „repräsentative“ Gewerkschaft. Nur wer ihn hat, darf mit der Regierung und Arbeitgebern verhandeln.
Novi Sad als Wendepunkt
Für einen Moment aber zogen alle an einem Strang – und zwar nach einer Katastrophe. Am 1. November 2024 stürzte in Novi Sad das Vordach eines frisch renovierten Bahnhofs ein, 16 Menschen starben. Viele Serb:innen sahen darin eine Folge von Korruption und Pfusch. Studierende gingen auf die Straße, bald protestierte das ganze Land. Am 1. Mai 2025 demonstrierten schließlich auch die fünf größten Gewerkschaften zum ersten Mal gemeinsam. Eine nachhaltige Zusammenarbeit sei daraus aber nicht entstanden, sagt Todorović.
Die Studierendenproteste richteten sich vor allem gegen die Korruption im Land – und die Regierung von Aleksandar Vučić, der Ende September als Präsident zurücktrat. Bei den anstehenden Parlamentswahlen Ende Oktober wird er allerdings als als Kandidat für das Amt des Premiers antreten.
Es gibt sogar Fälle, in denen der Urlaub nicht bezahlt wird.
Dragan Todorović, Bund der selbstständigen Gewerkschaften Serbiens
„Die Grundforderungen der Studierendenbewegung sind absolut berechtigt. Und das Gute daran ist, dass das Volk aufgewacht ist, egal ob jemand für die Student:innen, für die Regierung oder für die Opposition ist“, sagt Gewerkschafter Todorović. „Jahrelang waren wir eine apathische Gesellschaft, und das ist das Schlimmste für ein Land.“ Zweifel am politischen System hat auch er: „Unsere zentrale Kritik ist, dass Institutionen nicht funktionieren.“ Seit einiger Zeit gebe es allerdings sehr wenig Kontakt zur Studierendenbewegung, die gemeinsame Arbeit am Arbeitsgesetz und am Streikgesetz sei nicht weiterverfolgt worden.
Hinzu kommt, dass die Studierendenbewegung zur nächsten Wahl mit einer eigenen Liste antreten wird. Glaubt man einer Meinungsumfrage der NGO NSPM, könnte die Liste „Students Win“ rund 44 Prozent der Stimmen bekommen. Vučićs Partei, die SNS, liegt laut Analyse aktuell bei 42 Prozent. Allerdings gibt der Thinktank BIRODI zu bedenken, dass wohl kaum mit einer fairen Wahl zu rechnen sei.
Was bringt die Wahl?
Auch Todorović sieht der Wahl wenig optimistisch entgegen: „Im Wahlkampf versprechen die Parteien alles Mögliche. Nach der Wahl sehen sie die Arbeitnehmer:innen, die ihre Rechte einfordern, eher als Problem.“ Außerdem würden viele politische Entscheidungen getroffen, weil einflussreiche Gruppen wie ausländische Investor:innen bestimmte Vorteile für ihre Unternehmen verlangen. „Dann fällt die Hälfte der Versprechen ins Wasser“, sagt Todorović.
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🔥Beschäftigte eines Hyundai-Werks protestieren gegen den Einsatz des humanoiden Roboters Atlas. Sie fürchten um ihre Arbeitsplätze.
✍️ @johannes-gress.at
— Arbeit&Wirtschaft Magazin (@aundwmagazin.bsky.social) 17. September 2026 um 19:00
Die Themen vor der Wahl sind aber ohnehin andere. „Arbeiter:innenrechte spielen im Wahlkampf keine große Rolle“, sagt Florian Bieber, Leiter des Zentrums für Südosteuropastudien an der Universität Graz. Und das, obwohl Željko Veselinović, Vorsitzender der Gewerkschaft Sloga, gerade erst die Arbeiter:innenpartei Radnička Partija gegründet hat. Aber: „Radnička Partija ist politisch vollkommen irrelevant und unterstützt die SNS und Aleksandar Vučić. Als Arbeiter:innenpartei ist sie kaum glaubwürdig. Ich würde sie eher als eine Partei sehen, die von Vučić als Satellitenpartei genutzt wird, um an linke Wählerinnen zu appellieren“, sagt Bieber. Linke Parteien in Serbien seien schwach, klassische linke Themen nicht prominent. Auf das Ergebnis der Wahl warten viele innerhalb und außerhalb des Landes gespannt: Am 25. Oktober soll gewählt werden.