Eine Schraube wird 10.000-mal öfter geprüft als ein Lehrling

Im Interview
„Wenn wir über Spezialisierung reden, ist es wichtig, dass diese auf einer ganz breiten Basis aufbaut. Das heißt, dass junge Menschen eine Ausbildung brauchen, mit der sie in ihrem Leben weiterkommen.“
Fotos (C) Michael Mazohl
Arbeit&Wirtschaft sprach mit der ÖGJ-Vorsitzenden Susanne Hofer. Für die Vorsitzende der Gewerkschaftsjugend ist die Lehre ein höherer Bildungsweg – muss aber gut bezahlt und qualitativ hochwertig sein. Schmalspurausbildungen wie zum Fahrradmonteur lehnt sie ab.

Inhalt

  1. Seite 1 - Der Ruf der Lehrausbildung
  2. Seite 2 - Die Fachkräftemilliarde
  3. Seite 3 - Die Arbeitsbedingungen in der Lehrausbildung
  4. Seite 4 - Die Qualität der Lehrausbildung
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Wer Fachkräfte braucht, muss sie auch ausbilden. In der österreichischen Wirtschaft hat sich allerdings in den vergangenen Jahren die Zahl der ausbildenden Betriebe um 10.000 reduziert. Mit 285.000 Mitgliedern ist die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) die größte politische Jugendorganisation des Landes, sie setzt sich aktiv für eine hohe Qualität in der Lehrausbildung ein und sitzt bei Kollektivvertragsverhandlungen mit am Verhandlungstisch. Wir fragen bei ihrer Vorsitzenden, der 24-jährigen Gewerkschafterin Susanne Hofer, nach, was es mit dem Fachkräftemangel aus ihrer Sicht auf sich hat und welche Maßnahmen die Jugend vorschlägt.

Zur Person
 Susanne Hofer übernahm im Mai 2018 den Vorsitz der ÖGJ von Sascha Ernst und ist damit die erste Frau an der Spitze der Gewerkschaftsjugend. Die 24-Jährige maturierte in Graz an der HLW Sozialmanagement, arbeitet als Assistentin für Kinder mit Beeinträchtigungen bei der Lebenshilfe Soziale Dienste GmbH und ist dort seit November 2018 auch Betriebsrätin. Seit März 2017 ist sie Bundesjugendvorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus und Papier.

Arbeit&Wirtschaft: Susanne Hofer, mit zukunft.lehre.österreich (zlö) haben 34 heimische Firmen im Oktober eine Initiative für die Lehre gesetzt. Sie soll den Stellenwert der Ausbildung gegenüber Matura und Studium stärken. Wird eine Imagekampagne reichen, um mehr Jugendliche in die Lehrausbildung zu bringen?

Susanne Hofer, ÖGJ: Nein. Natürlich reicht das nicht. Wir fordern schon seit Ewigkeiten eine Imagepolitur beziehungsweise, was noch wichtiger ist, die Fachkräftemilliarde. Ich bin mir ziemlich sicher, dass von den 100 Euro, die diese 34 Firmen im Monat jeweils einzahlen, das Kraut auch nicht fett wird. Natürlich ist jede Initiative gut, und wir haben auch nichts gegen Goodies für Lehrlinge. Aber wenn man mal mit den Betroffenen, den Lehrlingen, reden würde, sich mal von der ÖGJ beraten lassen würde, gäbe das, glaube ich, schon einen besseren Output.

In der Umfrage zur Initiative kam heraus, dass die Lehre im Vergleich zu Matura und Studium einen schlechten Stand hat. Aber dort warten auch schlecht oder nicht bezahlte Praktika, Volontariate, prekäre Jobs. Warum glauben Jugendliche dennoch, es mit höherer Bildung einfacher zu haben?

Vorweg muss man sagen, dass das Image der Lehre so schlecht ist, weil jahrelang hier nichts investiert wurde, vor allem nicht in die Qualität der Ausbildung. Wobei man schon dazusagen muss: Wenn man über höhere Bildung redet, ist auch die Lehre ein höherer Bildungsweg. Man kann mit der Lehre den Meister machen, mittlerweile kann man auch an die FH gehen mit einer Lehre oder auch die Lehre mit Matura machen. Also noch mal: Auch die Lehre ist ein höherer Bildungsweg.

Wenn man über höhere Bildung redet, ist auch die Lehre ein höherer Bildungsweg.

Ich glaube, auch wenn man eine höhere Schule besucht, hat man zwischendurch ja immer Kompetenzchecks. Nach einem Jahr wird immer abgefragt: Wo stehe ich mit meiner Leistung? Das gibt es in der Lehre nicht. Es gibt am Ende die Lehrabschlussprüfung. Aber auch in der Lehre wäre es wichtig – und die ÖGJ fordert das auch schon lange – zu checken: Auf welchem Stand sind die Lehrlinge? Wo muss ich noch investieren? Wo muss ich das Wissen aufbessern?

Die ÖGJ führt immer wieder an, dass 10.000 Ausbildungsbetriebe zwischen 2006 und 2016 verloren gingen. Die Wirtschaft meint, niemand wolle sich ausbilden lassen. Wie passt das zusammen?

Nach unserer Ansicht gar nicht. Wir haben sehr, sehr viele Lehrlinge in der überbetrieblichen Ausbildung, im Moment landesweit etwa 8.800. Das heißt, wir haben es hier mit einer Ausrede der Wirtschaft zu tun, weil einige Unternehmerinnen und Unternehmer Jugendliche nicht nur als unwillig bezeichnen, sondern sie oft auch als dumm abstempeln. Das geht für uns nicht durch.

Wir haben es hier mit einer Ausrede der Wirtschaft zu tun, weil einige Unternehmerinnen und Unternehmer Jugendliche nicht nur als unwillig bezeichnen, sondern sie oft auch als dumm abstempeln. Das geht für uns nicht durch.

In der Steiermark – aber nicht nur da – sehen wir zum Beispiel „Jugend am Werk“. Die machen Jugendliche fit für die Lehre, sie bilden überbetrieblich aus, coachen, sagen, wo die Leute noch an sich arbeiten müssen. Am Ende vermitteln sie großartige Leute an reguläre Betriebe.

Die überbetriebliche Lehre hängt ja am AMS-Budget, und mit der Kürzung dieses Budgets sind auch weniger Mittel für „Jugend am Werk“ vorhanden. Dort wieder zu kürzen und damit die ArbeitgeberInnen aus der Pflicht zu nehmen ist für uns ein wenig zynisch.

Sie haben es schon erwähnt: z.l.ö. will Lehrlinge mit finanziellen Goodies locken. Wie weit reicht diese Wohltätigkeit?

Wie gesagt: Die Goodies sind eh lieb und nett. Aber uns geht es um die Ausbildungsqualität. Die muss sich verbessern. Dann wird sich auch das Image der Lehre nachhaltig verbessern. Diese Goodies zwischendurch bewirken vielleicht kurzfristig was, aber tragen nicht langfristig zur Qualität bei.

Im Interview
„Der finanzielle Teil gestaltet sich so: Unternehmen, die nicht ausbilden, obwohl sie es könnten, zahlen ein Prozent der Bruttolohnsumme in den Fonds. Laut Prognosen wären das für das Jahr 2018 rund 1,8 Milliarden Euro, die für die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften verwendet werden könnten.“

Kommen wir zur zuvor genannten Fachkräftemilliarde. Damit will die ÖGJ Firmen in die Pflicht nehmen. Wie genau funktioniert dieses Modell?

Unternehmen, die nicht ausbilden, obwohl sie es könnten, sollen in einen Ausbildungsfonds einzahlen. Unternehmen, die qualitativ hochwertig ausbilden wollen und können, gute AusbildnerInnen haben, werden gefördert. Es gibt viele UnternehmerInnen, die sagen, sie können sich das nicht leisten. Mit der Fachkräftemilliarde wäre dem vorgebeugt.

Unternehmen, die nicht ausbilden, obwohl sie es könnten, sollen in einen Ausbildungsfonds einzahlen.

Der finanzielle Teil gestaltet sich so: Unternehmen, die nicht ausbilden, obwohl sie es könnten, zahlen ein Prozent der Bruttolohnsumme in den Fonds. Laut Prognosen wären das für das Jahr 2018 rund 1,8 Milliarden Euro, die für die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften verwendet werden könnten. Mit der Fachkräftemilliarde sollen auch die Plätze in überbetrieblichen Ausbildungsplätzen finanziert werden, die derzeit der Bund über das AMS finanziert.

Wie will die  ÖGJ sicherstellen, dass auch zahlt, wer zahlen kann?

Ich glaube nicht, dass es der Job der Österreichischen Gewerkschaftsjugend ist, Firmen zu kontrollieren oder zu sanktionieren. Prinzipiell glaube ich, dass unsere Fachkräftemilliarde eine Win-win-Situation für beide Seiten wäre. Wenn ich mir in meinem eigenen Unternehmen eine gute Fachkraft ausbilde, bleibt die auch meistens und sorgt so für Profit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Modell irgendeinem Unternehmen einen Schmerz zufügen würde.

Wenn es nicht schmerzt, wie vermeidet die ÖGJ, dass sich Unternehmen durch den Fonds dauerhaft freikaufen? Dass sich Unternehmen die Ausbildung von Fachkräften sparen?

Wie gesagt: Wir wollen, dass Unternehmen, die ausbilden können und wollen, ausbilden. Die machen das dann erfahrungsgemäß wirklich gut. Wer nicht ausbildet, zahlt eben in den Topf ein. Es ist die Aufgabe des Gesetzgebers, dass die Kontrolle funktioniert.

Wir wollen, dass Unternehmen, die ausbilden können und wollen, ausbilden. Die machen das dann erfahrungsgemäß wirklich gut.

Im Interview
„Unsere Aufgabe ist die Aufklärung. Das heißt, zu schauen, wo es Missstände gibt, wie man ihnen vorbeugt. Wir geben da auch Tipps und schalten uns auch in KV-Verhandlungen ein. Das heißt, wir fordern 850 Euro Mindestlehrlingsentschädigung“, so Hofer über die Situation im Tourismus.

Im letzten Lehrlingsmonitor von AK, ÖGB und ÖGJ wurden das Gastgewerbe und der Tourismus kritisiert. Da ging es etwa um massig unbezahlte Überstunden am Wochenende. Was tut die ÖGJ, damit sich das bessert?

Auch das liegt nicht in unserer Verantwortung. Die Arbeitgeber müssen das schon selber verbessern. Unsere Aufgabe ist die Aufklärung. Das heißt, zu schauen, wo es Missstände gibt, wie man ihnen vorbeugt. Wir geben da auch Tipps und schalten uns auch in KV-Verhandlungen ein. Das heißt, wir fordern 850 Euro Mindestlehrlingsentschädigung. Das wäre natürlich eine Aufwertung der Tourismus- und Gastronomiebranche.

Was noch dazukommt, sind höhere Überstundenzuschläge für Lehrlinge, die über 18 sind. Wenn Überstunden teurer sind, wirds für UnternehmerInnen nicht mehr so attraktiv. Es geht uns darum, dass es in einer Lehrlingsausbildung ja keinen Sinn ergibt, Überstunden zu machen. Was sollen sie in der 10., 11. Stunde lernen, was man davor nicht schon lernen kann?

Wenn Überstunden teurer sind, wird’s für UnternehmerInnen nicht mehr so attraktiv. Es geht uns darum, dass es in einer Lehrlingsausbildung ja keinen Sinn ergibt, Überstunden zu machen. Was sollen sie in der 10., 11. Stunde lernen, was man davor nicht schon lernen kann?

Und Überstunden, die Minderjährige oft leisten, sind nicht nur für uns ein No-Go. Sie sind illegal.

Warum sind eigentlich gerade diese Branchen betroffen? Das sind Branchen mit vielen Mangelberufen. Die müssten doch an guten Bedingungen für ihre Angestellten interessiert sein, damit sie Leute langfristig binden. Ich denke an die Kampagne „Ausbildung statt Abschiebung“ aus Oberösterreich.

(lacht) Ja, sehe ich auch so. Aber durch diese miesen Arbeitsbedingungen – auch keine gute Lehrlingsentschädigung – verstehe ich jeden, der nicht in diesem Bereich eine Lehre machen will. Es ist einfach ein Fakt, dass in vielen Gastro- und Tourismusbetrieben keine guten Bedingungen vorherrschen.

Es ist einfach ein Fakt, dass in vielen Gastro- und Tourismusbetrieben keine guten Bedingungen vorherrschen. 

Wenn man sich im Vergleich die Baubranche anschaut: Vor Jahren war auch hier das Image relativ schlecht. Da ist inzwischen extrem investiert worden. Dadurch haben sich das Image und vor allem die Qualität, die Situation, verbessert. Die Lehrlingsentschädigung ist enorm angehoben worden, und es ist geschaut worden, dass die Lehrlinge rausgehen aus der Ausbildung und ein Werkzeug in der Hand haben für ihre Zukunft. Jetzt gibt es hinsichtlich der Lehrausbildung sehr wenige Probleme in der Baubranche, und es finden sich Jugendliche, die hier eine Lehre machen.

Im Interview
„Das heißt, dass junge Menschen eine Ausbildung brauchen, mit der sie in ihrem Leben weiterkommen. Die Spezialisierungen sind schön und gut, aber was mache ich mit einer Person, wenn ihr Beruf verschwindet?“

Laut einer AMS-Studie geht der Trend überall zu mehr Diversifizierung wie Spezialisierung. z.l.ö. hat dazu noch unklare Ziele im Bereich Weiterbildung formuliert. Wir haben schon die ÖGJ-Kompetenzchecks gestreift. Wie sehen die konkret aus?

Sie sollen wie eine kleine Lehrabschlussprüfung zur Hälfte der Lehrzeit aussehen, damit nicht auf einmal alles aus drei, vier Lehrjahren abgefragt wird. Lehrlinge haben noch nie zuvor so eine riesige Prüfungssituation durchlaufen. Es wird nicht kontrolliert, wie weit ihr Wissensstand ist, was noch passieren muss, damit sie die Lehrabschlussprüfung schaffen. Eine Schraube wird 10.000-mal öfter geprüft, bevor sie rausgeht, ein Lehrling nur einmal nach der Ausbildung.

Es wird nicht kontrolliert, wie weit ihr Wissensstand ist, was noch passieren muss, damit sie die Lehrabschlussprüfung schaffen. Eine Schraube wird 10.000-mal öfter geprüft, bevor sie rausgeht, ein Lehrling nur einmal nach der Ausbildung. 

Wenn wir über Spezialisierung reden, ist es wichtig, dass diese auf einer ganz breiten Basis aufbaut. Das heißt, dass junge Menschen eine Ausbildung brauchen, mit der sie in ihrem Leben weiterkommen. Die Spezialisierungen sind schön und gut, aber was mache ich mit einer Person, wenn ihr Beruf verschwindet? Natürlich sind Weiterbildungen gut und wichtig, es soll in sie investiert werden. Wir glauben aber, das Entscheidende ist eine breite Basis.

Schmalspur-Lehrberufe wie FahrradmonteurIn etwa sehen wir nicht als Lehrausbildung. Wenn mal eine Maschine die Fahrradreparatur übernimmt, habe ich kein breites Paket anzubieten, kann ich damit nichts anfangen. Dafür lerne ich nicht drei, vier Jahre.

12-Stunden-Tag, Österreichische Gesundheitskasse, Kürzungen bei der überbetrieblichen Ausbildung – momentan stehen zahlreiche soziale Errungenschaften unter Beschuss. Wie schwer trifft das Lehrlinge?

Die, die in der Kette ganz unten sind, trifft es immer am härtesten. Wenn ich mit 18 schon anfange zwölf Stunden täglich zu arbeiten, muss ich das ja noch relativ lange durchziehen. Wir haben das also noch unser ganzes Arbeitsleben vor uns. Die Regierung fordert von uns Flexibilität ein, die kommt aber einzig und allein der Arbeitgeberseite zugute. Für junge Menschen wäre eine echte Flexibilität aber nur mit Arbeitszeitverkürzung zu haben, bei der sie auch selbst mitentscheiden können, wann und wie lange sie arbeiten.

Die Regierung fordert von uns Flexibilität ein, die kommt aber einzig und allein der Arbeitgeberseite zugute. 

Wie will die ÖGJ in diesem Klima ihre Forderungen durchsetzen und die Jugend dafür begeistern?

Ich glaube, dass genau das die Chance ist, oder die Notwendigkeit, sich jetzt mal endlich wieder zu organisieren und für die eigenen Rechte zu kämpfen. Man sieht ja schon allein in Wien, wie viele Leute momentan auf die Donnerstagsdemos gehen. Wir sehen es auch am Zulauf, es kommen immer wieder junge Menschen zu uns, die sich bei uns engagieren, die mitarbeiten wollen und sagen: Ich gestalte meine Zukunft mit. Junge Menschen interessiert das, sie wollen ihre Zukunft wieder selbst in die Hand nehmen.

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  3. Seite 3 - Die Arbeitsbedingungen in der Lehrausbildung
  4. Seite 4 - Die Qualität der Lehrausbildung
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Über den/die AutorIn

Zoran Sergievski

Zoran Sergievski

Zoran Sergievski, geboren 1988 in Hessen, freier Journalist und Lektor. Studierte Publizistik in Wien. Schreibt seit 2007 für diverse Websites, Zeitschriften und fürs Radio, am liebsten über Medien, Rechtsextreme und Soziales. Lebt mit Kleinfamilie in Wien.