Coverstory: Vom Bleisatz über Klebesatz zu Indesign

Inhalt

  1. Seite 1 - Die Änderung des Berufsbildes
  2. Seite 2 - Freude bei der Arbeit
  3. Seite 3 - Für einen fairen Wandel
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Der frühere Layouter der Arbeit&Wirtschaft Dietmar Kreutzberger hat in seiner 45-jährigen Laufbahn viele technische Veränderungen erlebt, bevor die Digitalisierung den von ihm erlernten Beruf als Schriftsetzer verschwinden ließ. Gemeinsam mit Redaktionsassistentin Sonja Adler blickt er zurück auf den Wandel in der Arbeitswelt.

Für einen fairen Wandel

Welche Berufe laufen eigentlich durch die Digitalisierung Gefahr zu verschwinden? An sich haben jene Berufsbilder die besten Zukunftschancen, die nur schwer automatisierbar sind, schreibt AK-Expertin Sylvia Kuba in ihrem Beitrag zum Buch „Überall ist Zukunft“. Damit ist noch lange nicht gesagt, dass es sich nur um hoch qualifizierte Tätigkeiten handelt. Auch persönliche Dienstleistungen können nicht so einfach von Maschinen ersetzt werden, selbst wenn Dinge wie der Pflegeroboter längst nicht mehr der Science-Fiction angehören. Gerade die Pflege ist vielleicht das beste Beispiel dafür, wie Technik eingesetzt werden kann, um Beschäftigte zu entlasten und ihnen mehr Zeit für andere Tätigkeiten zu lassen, etwa für die persönliche Ansprache der PatientInnen.

Die Digitalisierung selbst hat nicht automatisch zur Folge, dass die Beschäftigung sinkt. In einer Studie ging die nunmehrige GPA-djp-Geschäftsführerin Agnes Streissler-Führer der Frage nach, inwieweit es einen Zusammenhang zwischen Digitalisierung und Beschäftigungswachstum gibt. Das Fazit: Der Zusammenhang ist jedenfalls nicht eindeutig, denn die Entwicklung am Arbeitsmarkt wird natürlich von vielerlei Faktoren beeinflusst. Stichworte sind etwa der demografische Wandel oder veränderte Konsumgewohnheiten, die neue Jobs entstehen lassen. Im Bankbereich wiederum hatte die Finanzkrise logischerweise einen negativen Einfluss. Die Digitalisierung selbst habe insgesamt zu mehr Beschäftigung geführt (siehe auch Interview).

„Kein Grund zur Sorge?“, fragt die Gewerkschafterin, um diese Frage sogleich negativ zu beantworten. „Denn zum einen wissen wir nicht, wie die Qualität der neu entstehenden Arbeitsplätze ist. Und zum anderen wissen wir, dass in den kommenden Jahren gerade in den mittleren Qualifikationen große Umbrüche entstehen.“ Diese Veränderungen machten Um- und Weiterqualifizierungen nötig. Die Verantwortung dafür dürfe allerdings keinesfalls nur den Beschäftigten umgehängt werden. „Im Gegenteil: Die Gewinne, die aus der Digitalisierung gezogen werden, müssen einen wesentlichen Beitrag zu diesen Qualifizierungskosten leisten. Sei es, indem die Unternehmen bereits intern proaktiv und vorausschauend ihre Belegschaft für die Digitalisierung fit machen, oder sei es, indem über höhere bzw. effektivere Besteuerung von (Digitalisierungs-)Gewinnen zusätzliche Steuereinnahmen für das Bildungssystem generiert werden“, hält Streissler-Führer fest.

Angesichts der negativen Entwicklungen in der Arbeitswelt zeigt sich die Streissler-Führer kämpferisch. Gewerkschaften müssten alle „Mittel des Arbeitsrechts, der Kollektivverträge und der betrieblichen Mitbestimmung dazu nutzen, Digitalisierung mitzugestalten“. Dafür definiert sie vier Ziele: Digitalisierung muss human und sozial erfolgen; der Mensch muss die Technik bestimmen und nicht umgekehrt; für alle Menschen, „die mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen“, muss es, „ein gutes Mindestmaß an Arbeits-, Sozial- und Koalitionsrechten“ geben; all jene, die mit dem Wandel nicht mithalten können, müssen „noch immer sinnstiftende und adäquat abgesicherte Beschäftigung haben“.

Optionen für gute Arbeit

Über die Zukunft der Arbeit angesichts der Digitalisierung lässt sich trefflich spekulieren. Viele negative Entwicklungen zeichnen sich jetzt schon ab. Zu den atypischen Beschäftigungsformen haben sich Wirtschaftsformen wie die Gig-Economy gesellt, bei der Dienstleistungen über Plattformen im Internet vermittelt werden.

Zahlreiche Entwicklungen sind problematisch, wie Jörg Flecker im Buch „Überall ist Zukunft“ festhält. Über die Industrie 4.0 meint er gar, dass diese „weitgehend ein neoliberales Programm“ sei, „mit dem Flexibilitäts- und Anpassungsdruck auf die Arbeitenden ausgeübt wird“. Umso wichtiger sei es, dass Gewerkschaften sich entschieden für gute Arbeit einsetzen.

In seinem Beitrag legt der Soziologe zwei Optionen dafür dar. Die erste hat die Verbesserung der Qualität der Arbeit zum Ziel. Dies bedeutet für ihn: „weniger körperliche und psychische Belastungen, lernförderliche Arbeit, alternsgerechte Arbeitsgestaltung, faire Aufteilung unbeliebter Arbeiten, Chancengleichheit, Vermeidung von Nachtarbeit, Vereinbarkeit von Beruf und Familie etc.“ Die zweite Option hat den Ausbau der Beschäftigung zum Ziel, der mit einer Arbeitszeitverkürzung einhergehen könnte. Sein Fazit: „Die Gestaltung und den Einsatz der Technik strikt an gesellschaftlichen Zielen aufzuziehen, wäre eine technologiepolitische Option – und könnte zu einer echten industriellen Revolution führen.“

Auch die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik stehen vor großen Herausforderungen. AK-Experte Gernot Mitter legt in seinem Beitrag Reformvorschläge vor. Unter anderem regt er einen erweiterten ArbeitnehmerInnen-Begriff an, in den er Freelancer, Scheinselbstständige, WerkvertragsnehmerInnen und jene Arbeitsformen, „die ihnen ähnlich sind“, miteinbezieht. Dieser wäre Grundlage für die soziale Absicherung.

Zusätzlich schlägt der AK-Experte eine neue Geldleistung vor, und zwar für den Fall von „fehlender oder nicht (mehr) nachgefragter Qualifikation“. Diese soll den Betroffenen „auch längere Weiterbildungsphasen für das Erlernen eines neuen Berufes oder eines auf dem Arbeitsmarkt nachgefragten qualifikatorischen Fertigkeits- und Fähigkeitsbündels“ ermöglichen.

In der von Mitter entworfenen Arbeitsmarktpolitik 4.0 spielen Aus- und Weiterbildungen natürlich eine wichtige Rolle. Diese müssten stärker individualisiert angeboten werden, so der AK-Experte. „Das erfordert unter anderem vor allem den Aufbau von quantitativ und qualitativ ausreichender Bildungs- und Bildungswegberatung sowie von Unterstützungsangeboten, wenn Probleme während bzw. mit den Bildungsmaßnahmen bewältigt werden müssen.“ Zudem müsse die Arbeitsmarktpolitik Instrumente entwickeln, um den technologischen Wandel zu begleiten.

Die dritte Säule besteht darin, auch für jene Menschen eine Teilhabe an der Erwerbsarbeit zu sichern, die „Vermittlungseinschränkungen“ haben. Als Vorbild nennt Mitter die Aktion 20.000. Nicht zuletzt regt Mitter an, dass sich die Arbeitsmarktpolitik die neuen Technologien zunutze macht, um Arbeitslose erfolgreicher vermitteln zu können.

Von
Sonja Fercher

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe Arbeit&Wirtschaft 5/18.

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Über den/die Autor*in

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.