Coverstory: Vom Bleisatz über Klebesatz zu Indesign

Inhalt

  1. Seite 1 - Die Änderung des Berufsbildes
  2. Seite 2 - Freude bei der Arbeit
  3. Seite 3 - Für einen fairen Wandel
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Der frühere Layouter der Arbeit&Wirtschaft Dietmar Kreutzberger hat in seiner 45-jährigen Laufbahn viele technische Veränderungen erlebt, bevor die Digitalisierung den von ihm erlernten Beruf als Schriftsetzer verschwinden ließ. Gemeinsam mit Redaktionsassistentin Sonja Adler blickt er zurück auf den Wandel in der Arbeitswelt.

Kein Wunder, immerhin war über Jahrzehnte die gleiche Technik zum Einsatz gekommen, nur dass mit dem Maschinensatz eine Automatisierung vollzogen worden war. „Die Kollegen haben 30, 40 Jahre so gearbeitet, da hat es vorher nichts anderes gegeben“, hält er fest. Doch dann war plötzlich alles neu. Viele seiner Kollegen sind auch arbeitslos geworden, erzählt Kreutzberger. „Sie haben den Sprung zu den Lichtsatzgeräten, die den Bleisatz ziemlich verdrängt haben, nicht mehr geschafft. Für viele war das sicher die Hölle“, meint er. Immerhin ist das Berufsbild innerhalb von wenigen Jahren völlig verschwunden – und es ist nicht das einzige.

Mit dem Lehrabschluss war auch ein Initiations­ritus verbunden: Entweder wurden die frischge­backenen Setzer in eine Tonne Wasser getaucht oder auf einen nassen Schwamm gesetzt.

Ausschneiden und platzieren

Die Arbeitswelt hat sich massiv verändert und nicht immer nur zum Positiven, darin ist sich Kreutzberger mit Sonja Adler einig. Die Redaktionsassistentin der A&W stieß im Jahr 2002 dazu und hat noch das Klebelayout miterlebt. Mit diesem nach Bastelei anmutenden Begriff ist gemeint, dass der Redakteur die einzelnen Elemente einer Zeitungsseite als einzelne Papierausdrucke bekam. „Er hat das ausgeschnitten und platziert“, erläutert Kreutzberger, und Adler ergänzt: „Damit das am Ende wirklich so ist, wie die Seite ausschauen soll.“ Im Falle der A&W machte diese Arbeit nicht der Redakteur, sondern ein weiterer Kollege: „Der ist immer ein, zwei Wochen im Monat gekommen, um das zu machen“, erinnert sich Adler. Mit dem Ende des Klebesatzes wurde auch der Arbeitsplatz in der A&W hinfällig, glücklicherweise war der Kollege da bereits in Pension.

Adler spricht weitere Veränderungen an, von denen natürlich auch der ÖGB-Verlag nicht verschont wurde. Denn als sie im Jahr 2002 in einem Büro im Dachgeschoß der Hohenstaufengasse begann, war sie nur für die A&W zuständig. Das ist inzwischen anders – wie bei vielen anderen Beschäftigten auch. Um es neutral auszudrücken: Durch neue technische Möglichkeiten lassen sich Tätigkeiten schneller erledigen oder werden überhaupt vom Computer durchgeführt, weshalb Kapazitäten frei wurden und den ArbeitnehmerInnen neue Aufgaben zugeteilt wurden. Dazu kommt, dass bestimmte Berufsbilder eben verschwunden sind, manche Tätigkeiten aber übriggeblieben sind. Diese wiederum wandern oftmals in die Agenden der bestehenden Belegschaft. „Sekretärinnen müssen heute viel mehr machen“, meint auch Adler.

Die ersten Geräte, auf denen man die Arbeit am Bildschirm sehen konnte, kamen von der Firma Berthold (im Hintergrund zu sehen). „Die waren ein Riesenfortschritt“, so Kreutzberger. „Da hast du schon sehen können, wenn eine Linie zu lang ist, und man hat das korrigieren können, bevor der Film belichtet wurde.“ Von Cursor war allerdings noch keine Rede.

Kreutzberger blickt kopfschüttelnd zurück: „Wenn du daran denkst, wie viele verschiedene Berufssparten an einem Produkt gearbeitet haben, und es war eigentlich überhaupt kein Thema, dass das bezahlt wird. Und heute macht man alleine fünf Berufe und es ist trotzdem zu teuer. Diese Entwicklung ist schon krank. Wirklich krank.“ Nicht nur die SchriftsetzerInnen wurden von den LayouterInnen ersetzt, rundherum wurde durch Automatisierung Personal abgebaut. Denn zusätzlich zum Fotografen gab es zuvor einen Lithografen, der für das „Setzen“ der Bilder zuständig war, dazu kam die Retusche, also die Fotomontage. Heute sind Teile dieser Tätigkeiten zu den FotografInnen und LayouterInnen gewandert – oder gar zu RedakteurInnen, die oftmals selbst Fotos schießen oder andere Formate bis hin zum Video bespielen müssen.

Freude bei der Arbeit

Trotz aller Wehmut: Noch heute kommen beide ins Schwärmen, wenn sie an die Zeit zurückdenken, als Computer und das Internet Einzug in ihren Arbeitsalltag gehalten und diesen erleichtert haben. Was ihnen jedoch fehlt: der persönliche Kontakt und die damit verbundene Kommunikation. Denn es ist eben diese, die einem Arbeitsplatz erst jene Qualität verleiht, die Beschäftigte auch gut arbeiten lässt. Dass das nicht auf Kosten der Arbeit gehen muss, weiß Kreutzberger aus Erfahrung: „In der Druckerei waren nicht nur zwei Leute, sondern wir waren 20 in einer Gasse – so hat das geheißen. Da ist ’kudert und g’lacht worden – und die Arbeit wurde trotzdem gemacht.“

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Foto (C) ÖGB-Verlag/Michael Mazohl
Redaktionsassistentin Sonja Adler im ÖGB-Archiv. In der A&W erlebte sie noch den Klebesatz. Als Computer und Internet in ihren Arbeitsalltag Einzug hielten, empfand sie das als große Erleichterung, auch wenn ihr der Wandel der Arbeitswelt nicht in allen Dimensionen behagt.

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Über den/die Autor*in

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin. Seit 2014 ist sie Chefredakteurin der A&W (Print), für ihre Coverstory zum Thema Start-ups erhielt sie im Juni 2018 den Journalistenpreis von Techno-Z. Sie hat in zahlreichen Medien publiziert, unter anderem in Die Zeit, Die Presse und Der Standard. Von 2002 bis 2008 war sie Politik-Redakteurin bei derStandard.at. Für ihren Blog über die französische Präsidentschaftswahl wurde sie im Jahr 2008 mit dem CNN Journalist Award - Europe ausgezeichnet.