Coverstory: Vom Bleisatz über Klebesatz zu Indesign

Foto (C) ÖGB-Verlag/Michael Mazohl
Digitalisierung und Globalisierung machen es möglich, dass sich Unternehmen aus dem Wohlfahrtsstaat verabschieden und diesem gut funktionierenden System immer stärker die finanzielle Grundlage entziehen.
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Der frühere Layouter der Arbeit&Wirtschaft Dietmar Kreutzberger hat in seiner 45-jährigen Laufbahn viele technische Veränderungen erlebt, bevor die Digitalisierung den von ihm erlernten Beruf als Schriftsetzer verschwinden ließ. Gemeinsam mit Redaktionsassistentin Sonja Adler blickt er zurück auf den Wandel in der Arbeitswelt.

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Sehe ich richtig?“, fragt ein früherer Arbeitskollege ungläubig und zugleich hocherfreut, als er Dietmar Kreutzberger an jenem Ort antrifft, wo sie beide bis vor Kurzem noch gemeinsam gearbeitet haben. Es ist gerade einmal wenige Wochen her, dass sich der langjährige Layouter der Arbeit&Wirtschaft in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet hat. Gut gelaunt und gelöst begrüßt der frischgebackene Pensionist seine früheren WeggefährtInnen.

Im Jahr 2005 ist Kreutzberger zum ÖGB-Verlag dazugestoßen – zum zweiten Mal. Doch seine Biografie ist so bewegt, dass selbst er bisweilen nachdenken muss, um die Stationen in der richtigen Reihenfolge aufzuzählen. Was sich an seinem Lebenslauf als gelernter Schriftsetzer ablesen lässt, sind die enormen Entwicklungen und Umbrüche in der Wirtschaft und Arbeitswelt der letzten Jahrzehnte. „Damit habe ich auch noch gelernt“, sagt er lachend, als er ein historisches Bild eines Setzers mit Bleibuchstaben sieht. Sowohl die Technik als auch die Arbeitswelt haben sich seit seiner Lehre massiv verändert. Zuletzt sorgte die Digitalisierung für den momentan größten Umbruch, der viele Berufsbilder in seiner Branche endgültig verschwinden ließ.

Hände und Augen: Das sind die wichtigsten Werkzeuge geblieben. Zusätzlich musste man als SetzerIn in Mathematik firm sein, denn es musste viel gerechnet werden, als man noch nicht mit dem Finger in die Tastatur hackte und den Cursor über den Bildschirm bewegen konnte, um den Text richtig zu setzen oder Korrekturen vorzunehmen. In den Zeiten des Bleisatzes hielt man jene Textzeilen noch in Händen, die man zuvor gesetzt hatte. Somit konnte man sehen, wo man Anpassungen vornehmen musste, damit der Text gut „fällt“, sprich so gut über die Zeilen und Spalten verteilt ist, wie in der vorliegenden A&W. Dafür dürfen etwa die Abstände zwischen den Buchstaben nicht zu groß sein, Wörter müssen an der richtigen Stelle abgetrennt oder Absätze gemacht werden.

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Dietmar Kreutzberger an seinem langjährigen Arbeitsplatz im ÖGB-Verlag.Als Lehrling hantierte der damalige Schriftsetzer noch mit Bleibuchstaben, später war es Fotomaterial. Dann kam erst ein kleines Display, dann ein größeres in Grün, bevor schließlich die Computer aus ihm einen Layouter werden ließen.

Fallende Buchstaben

Als Kreutzberger die erste Ausgabe der A&W aus dem Jahr 1923 aufschlägt, stellt sein geschultes Auge sofort fest: „Das ist schon im Maschinensatz gesetzt worden.“ Dieser war die nächste technische Weiterentwicklung und ermöglichte es, die Bleibuchstaben über eine Tastatur zu setzen. Dabei wurde offenbar nicht immer darauf geachtet, wie der Text fällt, sondern die Buchstaben fielen, wie sie eingetippt wurden. „Ich kenne keinen Schriftsetzer, der diesen Beruf wirklich gelernt hat, der so etwas gemacht hätte“, erklärt Kreutzberger seine Reaktion auf den historischen Text.

Auf den Bleisatz folgte der Foto- oder Lichtsatz. Dieser funktioniert ganz so wie die analoge Fotografie. Doch statt einer Landschaftsaufnahme oder eines Porträts kamen Buchstaben auf die Negative, statt eines Fotos wurde anschließend der Text belichtet und so auf Papier gebracht. Die neue Art des Setzens war zwar eine technische Weiterentwicklung, allerdings bedeutete diese anfangs auch, dass man den Text zunächst tatsächlich blind setzte. Deshalb musste vorher gerechnet werden, was das Zeug hielt, um nachher ein gutes Ergebnis zu bekommen. „Wir waren eine der ersten Firmen, die mit dem Fotosatz begonnen haben“, erinnert sich Kreutzberger an einen seiner früheren Jobs. Für ihn hieß es umlernen, denn nun waren Fotografiekenntnisse zusätzlich gefragt.

In dieser Zeit begann für Kreutzberger der Weg in Richtung Bildschirm: „Da gab es eine kleine Leuchtanzeige, ein winziges Fenster, wo man immer die letzten fünf Buchstaben gesehen hat“, erzählt er und lacht bei diesem Gedanken auf. „Da hast du vorher immer alles ganz genau ausrechnen müssen. Da hast du sagen müssen: Das kommt auf Position sowieso, hat diese Größe, diese Schrift, diese Auszeichnung – also fett, halbfett oder kursiv.“ Und wehe, man vertippte sich, denn im Fotosatz wurde auch gleich ein Film belichtet. „Dann hast du von vorne anfangen müssen. Das war schon eine feine Hack’n“, meint er lachend.

Die Urkunde zum bestandenen Lehrabschluss. Der Begriff Gautsch bezieht sich auf den ersten Entwässerungsschritt nach dem Schöpfen des Papiers, als der frisch geschöpfte Papierbogen vom Sieb auf eine Filzunterlage gelegt wurde.

Bildschirmanfänge

Mit den ersten Computern hielt auch in der Grafikbranche jene Entwicklung Einzug, die inzwischen in der gesamten Arbeitswelt Alltag ist. Allerdings ist der Begriff Computer im Falle von Kreutzbergers erstem Exemplar mit Vorsicht zu genießen, denn mit einem heutigen PC hatte das noch wenig zu tun. „Die haben einen grünen Bildschirm gehabt, auf dem du eine gewisse Zeit gesehen hast, was dort gerade passiert, und dann ist es wieder verblasst.“ Zudem ließ sich die Arbeit auf Band speichern. Dieses diente noch nicht dazu, um die Arbeit darauf auch anderen zugänglich zu machen. Aber es war immerhin eine Sicherung, die hilfreich war, wenn man einen Fehler gemacht hatte: „Dann hat man das Band wieder auslesen und was korrigieren können. Das war schon ein Fortschritt.“

Schließlich war es dann so weit: Der erste Computer im heutigen Sinne wurde das Werkzeug des nun zum Layouter gewordenen Schriftsetzers. Erneut hieß es für Kreutzberger umlernen. Ob er damit eigentlich nie gehadert habe, ständig neue Techniken zu lernen? „Ich hab das eigentlich immer als spannend empfunden“, antwortet der Grafiker. Er ergänzt allerdings: „Gut, ich war jung.“ Nicht allen Kollegen fiel die Umstellung leicht, erinnert er sich: „Wir haben natürlich Kollegen gehabt, vorwiegend ältere, die darunter wirklich gelitten haben, weil für die war der Umstieg natürlich enorm.“

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Über den/die AutorIn

Sonja Fercher

Sonja Fercher

Sonja Fercher ist freie Journalistin und Moderatorin – und Chefin vom Dienst der Arbeit&Wirtschaft.