Mitgliedschaft light: Wie die EU Kanada näher an sich binden will

Mark Carney und Ursula von der Leyen umarmen sich. Symbolbild für die neue Partnerschaft zwischen der EU und Kanada
Neue Nähe: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Kanadas Premierminister Mark Carney wollen die Zusammenarbeit zwischen der EU und Kanada ausbauen. | © Alexis HAULOT/European Union 2026
Wird Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU? Eine engere Kooperation hat Potenzial für beide Seiten. Die Arbeiterkammer hofft im Fall der Fälle auf Stärkung der Arbeitnehmer:innen-Rechte.
Es waren die besten Zeiten, es waren die schlimmsten Zeiten“ – mit dem berühmten Charles-Dickens-Zitat eröffnete Ursula von der Leyen vergangene Woche ihre Rede zur Lage der Union und spannte damit den Bogen zu den „außergewöhnlichen“ Herausforderungen der EU.

Im Konflikt Europas mit Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping verlangte von der Leyen ein „stärkeres und unabhängigeres“ Europa. „In der kalten Fragilität der heutigen Welt kann nur Europa den Europäern echte Souveränität geben“, sagte sie in Straßburg. Ihren wohl überraschendsten Vorschlag machte sie in Richtung Kanada. Nicht etwa eine verbesserte Kooperation bot sie dem Land an, sondern gleich eine „assoziierte Mitgliedschaft in der EU“ – gewissermaßen eine Mitgliedschaft light.

Carney: Keine „Schönwetterverbündete“

Premierminister Mark Carney reagierte darauf einen Tag später bei einem Auftritt vor EU-Abgeordneten. Sowohl für Kanada als auch für Europa böten sich Alternativen zu bisherigen Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, dem Energiesektor, der Verteidigung sowie bei Forschung, Bildung und künstlicher Intelligenz. Junge Menschen könnten künftig leichter im jeweils anderen Raum leben, arbeiten und studieren. Es handele sich bei EU und Kanada nicht um „Schönwetterverbündete“, sondern um eine „Wahlverwandtschaft“ auf Grundlage gemeinsamer Werte und Ideen, sagte der Premier.

EU und Kanada: Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begrüßen Kanadas Premierminister Mark Carney.
Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen begrüßten Kanadas Premierminister Mark Carney vergangene Woche. | © European Union 2026 / Daina LE LARDIC

Carney betonte, die Partnerschaft  ziele nicht auf die Bildung eines neuen Machtblocks ab, der mit großen Weltmächten konkurrieren will. Die Allianz zwischen Ottawa und Brüssel sei „eine positive Initiative, das ist meine Antwort an den amerikanischen Präsidenten“, welcher zuvor die assoziierte Mitgliedschaft als „lächerlich“ bezeichnet und beiden Seiten des Atlantiks mit neuen Zöllen und Handelsblockaden gedroht hatte.

Wirtschaftlich eng verflochten

Konkret wollen die EU und Kanada den freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräften ermöglichen und insbesondere gemeinsame digitale Infrastrukturprojekte vorantreiben. Ein rund 4.000 Kilometer langes Hochspannungs-Unterseekabel soll Kanada mit Europa verbinden, dazu kommen gemeinsame Rechenzentren und neue Satellitennetzwerke.

Für eine engere Partnerschaft gibt es bereits eine solide wirtschaftliche Grundlage: Mit insgesamt rund 490 Millionen Einwohner:innen machen die EU und Kanada derzeit fast ein Fünftel des weltweiten BIP und knapp 20 Prozent des weltweiten Handels mit Waren und Dienstleistungen aus, gab der Europäische Rat kürzlich bekannt. 2025 belief sich der Handel zwischen der EU und Kanada auf rund 131 Milliarden Euro.

Valentin Wedl sitzt in Wien vor einem Baum. er ist der Leiter der Abteilung EU und Internationales und äußert sich zum Lieferkettengesetz. | © Markus Zahradnik
Valentin Wedl, Leiter der Abteilung EU und Internationales der AK Wien, sieht im Plan, Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der EU zu machen, eine große symbolische Bedeutung. | © Markus Zahradnik

Laut EU-Kommission ist die EU der zweitgrößte Handelspartner Kanadas nach den USA. Kanada belegt auf der Liste der wichtigsten Handelspartner der EU Platz zwölf. Zu den wichtigsten Warengruppen der Handelspartner gehören Maschinen und technische Anlagen, chemische und pharmazeutische Erzeugnisse sowie Fahrzeuge aus der EU.

Arbeitnehmer:innenrechte stärken

„Der Plan, Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der EU zu machen, ist von großer symbolischer Bedeutung“, sagt Valentin Wedl, Leiter der Abteilung Europa und Internationales der Arbeiterkammer (AK) Wien. Weil die EU-Staaten und Kanada bei Fragen der Nachhaltigkeit, der Arbeitnehmer:innenrechte, des Rechtsschutzes und der Demokratie übereinstimmen, sieht der Experte in einer vertieften Zusammenarbeit „großes Potenzial“ für Unternehmen und Beschäftigte.

Anknüpfen könnte diese an das Freihandelsabkommen CETA. Seit dessen vorläufigem Inkrafttreten im September 2017 sind 98 Prozent der Zölle zwischen der EU und Kanada abgeschafft. Der Handel ist seither um etwas mehr als 82 Prozent gestiegen. Wedl weist jedoch darauf hin, dass „Schwachstellen beim Freihandelsabkommen überwunden werden müssen“. Gemeint sind damit besondere Klagerechte für Konzerne. Unternehmen mit Sitz in Kanada können Schadenersatz fordern, wenn sie ihre Gewinne in Europa durch Arbeitnehmer:innen- oder Umweltschutzschutzgesetze gefährdet sehen. Einen Bündnispartner für Arbeitnehmer:innen-Anliegen sieht Valentin Wedl auch in der kanadischen Gewerkschaft. Darüber hinaus erwartet er, dass bei einem neuen Abkommen die Arbeitnehmer:innenrechte gestärkt werden.

Dear @mark-carney.bsky.social, we want to bring the relationship with Canada to the highest level possible.

I would like to work with you on opening the door for Canada to being the first associate member of the EU.

And create a common prosperity and economic security space.

[image or embed]

— Ursula von der Leyen (@vonderleyen.ec.europa.eu) 16. September 2026 um 10:27

Offene Fragen vor dem Start

Ob eine engere Partnerschaft auf CETA aufbaut oder umstrittene Bestimmungen des Handelsabkommens verändert werden, werden die Verhandlungen erst zeigen. Bis es zu einer privilegierten EU-Assoziation mit Kanada kommt, müssen jedenfalls noch zehn Mitgliedsländer CETA ratifizieren. Österreich hat dies 2018 getan. Viele Hürden sind noch zu nehmen. „Den Worten müssen jetzt Taten folgen“, brachte es Kommissionspräsidentin von der Leyen auf den Punkt.

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Über den/die Autor:in

Margaretha Kopeinig

Margaretha Kopeinig ist freie Journalistin, Autorin und war Brüssel-Korrespondentin für den Kurier. Ihre universitäre Ausbildung führte sie nach Wien und Bogotá, wo sie sich mit den Schwerpunkten Politik, Soziologie und Geschichte beschäftigte.

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