Das Krankenhaus ist das größte Ordensspital Österreichs, rund 4.500 Menschen arbeiten hier. Circa 65.000 stationäre Patient:innen werden pro Jahr in 1.250 Betten versorgt. Rieder ist medizinische Hilfskraft, arbeitet seit Neuestem in der Krankenhausapotheke und ist seit 2017 im Betriebsrat. Sie berichtet, wie sich diese Tätigkeit gerade massiv verändert.
Es kam von der Belegschaft zudem der Ruf, mehr involviert zu werden. Vorher wurden die KV-Verhandlungen immer still erledigt.
Michelle Rieder, Betriebsrätin
Krankendes System
Das Klinikum ist ein Paradebeispiel für die Krise im Gesundheitssystem: Personalmangel, Druck, gewaltige Arbeitsbelastung. Für das Betriebsratsgremium war vor den Verhandlungen laut Rieder klar, dass es kein „Weiter-wie-bisher“ geben könne – auch im Sinne der Patient:innen und der Versorgung. „Es kam von der Belegschaft zudem der Ruf, mehr involviert zu werden“, so Rieder, die im Unternehmen auch die Zusatzfunktion der Konfliktlotsin ausfüllt. „Vorher wurden die KV-Verhandlungen immer still erledigt. Dieses Mal sind wir es ganz anders angegangen, inklusive Vorbereitung mit einem Organizing-Team von ÖGB und Gewerkschaft vida.“
Beim Organizing stärken und strukturieren Betriebsrat und Gewerkschaft zusammen die Beteiligung und Mobilisierung in Sachen Mitbestimmung im Betrieb, inklusive Kampagnenplan und professioneller Medienarbeit. Forderungen waren in diesem Fall die Durchsetzung von Lohnerhöhungen über der Inflationsrate und eine Arbeitszeitverkürzung von derzeit 40 auf 35 Wochenstunden bis zum Jahr 2030. „Es sind so viele Leute dahintergestanden und haben gesagt: ‚Da halten wir zusammen‘“, erzählt Rieder.

Kraft gaben dem 27-köpfigen Betriebsrat nicht nur die Mitarbeiter:innen im Haus, sondern auch die Zusammenarbeit mit Betriebsrät:innen und Belegschaften der anderen sechs Ordensspitäler in Oberösterreich. Das war ebenfalls neu: „Die Vernetzung war am Anfang schwierig. Wir haben uns zuerst teils persönlich getroffen, dann online, weil das natürlich einfacher ist.“
Die oberösterreichischen Ordensspitäler liegen zum Teil weit auseinander, von Linz bis Ried im Innkreis. „Wir teilten von Anfang an verschiedene Erfahrungen: ‚Wie macht ihr das?‘ ‚Wie sind bei euch die Arbeitsbedingungen?‘ Das ging weit über das Thema KV-Verhandlungen hinaus“, sagt Rieder. „Das ist sehr wertvoll!“ Der Austausch soll bestehen bleiben. „Wir sind jetzt ein Netzwerk.“
Mehr Kommunikation, neue Abschlüsse
Ebenfalls neu beim Arbeitskampf war eine strukturierte Kommunikation nach innen. Auch in diesem Fall unterstützt von Gewerkschaften und ÖGB: „Der Betriebsrat informierte die Mitarbeiter:innen nach jeder Verhandlungsrunde – für jede Abteilung war dafür eine Person verantwortlich.“ Das Verhandlungsteam wurde zudem erweitert bzw. flexibler aufgestellt. „In jeder Verhandlung sind neue Kolleg:innen mit dringesessen, wir haben das in einem ‚Rad‘ organisiert. Wir wollen die Geschichten der Belegschaft darstellen.“ Die Verhandler:innen der Arbeitgeber:innenseite habe das alles ziemlich überrascht: „Damit haben sie nicht gerechnet!“
Abgeschlossen wurden die Verhandlungen mit einer Erhöhung der Gehälter und Zulagen um 3,3 Prozent und einer indirekten Arbeitszeitverkürzung. Doch wieder klassisch ein Kompromiss: „Ja, wir haben uns mehr erhofft. Aber eine echte Arbeitszeitverkürzung etwa dauert, das geht nicht von heute auf morgen. Wir kommen wieder“, betont Rieder und lacht.
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Es seien sehr intensive Wochen des Arbeitskampfes gewesen. Privat hatte Rieder, die auch Mutter ist, den Rückhalt der Familie. Sie blickt neugierig in die Zukunft. Nicht zuletzt aus Betriebsratssicht: „Manche Mitarbeiter:innen waren früher quasi zu beschäftigt, wussten nicht, was wir genau machen und wie man uns kontaktieren kann. Jetzt wollen viele mehr wissen und mitwirken.“ Der Betriebsrat könne seither – vor allem durch persönliche Gespräche – deutlich mehr Menschen erreichen. Das helfe nicht zuletzt bei der Suche nach Nachwuchs fürs Gremium. „So findet man Leute, die nachrücken“, berichtet Rieder, die beim Thema Austausch mit der Belegschaft regelrecht leuchtende Augen bekommt. Um die langfristige Beziehung zur Arbeitgeber:innenseite macht sie sich nicht allzu viel Sorgen: „Die Gesprächsbasis ist ja trotzdem da. Im Frühjahr verhandeln wir wieder.“ Michelle Rieder und ihre Kolleg:innen werden bereit sein.
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