Faktencheck: Machen Beschäftigte wirklich manchmal „blau”?

Eine Frau mit Halskrause und Medikamenten auf dem Sofa. Symbolbild für Krankenstände
Die meisten Krankenstandstage entstehen nicht durch „verlängerte Wochenenden“, sondern durch längere Ausfälle infolge von Unfällen oder Erkrankungen. | © Adobe Stock/DC Studio
Über Krankenstände wird viel diskutiert, wirtschaftsnahe Interessensvertretungen bauen dabei mit Vorwürfen Druck auf Arbeitnehmer:innen auf. Was stimmt wirklich? ÖGB-Gesundheitsexpertin Julia Stroj geht sechs Mythen auf den Grund.
Sind die Österreicher:innen zu oft krank? Wird beim Krankenstand geschummelt? Rund um Krankenstände bedient sich die Wirtschaft gerne solcher Behauptungen. Arbeit&Wirtschaft hat sechs weitverbreitete Mythen von ÖGB-Gesundheitsexpertin Julia Stroj überprüfen lassen.

Mythos 1: „Die Krankenstände in Österreich steigen ständig an.“

Julia Stroj: Bei den Krankenständen pro erwerbstätiger Person lässt sich für 2025 ein leichter Rückgang verzeichnen, ebenso bei der durchschnittlichen Dauer. Wichtig ist aber: Wir sind immer noch deutlich über dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Und jeder Krankenstand ist einer zu viel.

Mythos 2: „Die hohe Zahl an Krankenständen gefährdet die Wirtschaft.“

Stroj: Es stimmt, dass Krankenstände viel Geld kosten. Deshalb sollten Unternehmen in Prävention investieren. Das ist meist günstiger als lange Ausfälle zu ersetzen oder wenn Arbeit liegen bleibt. Gesunde Arbeitsplätze bedeuten zudem zufriedene Beschäftigte, die dem Betrieb länger erhalten bleiben. Gerade in Zeiten des Fachkräftebedarfs sollten Firmen ein eigenes Interesse daran haben, dass es ihren Mitarbeitenden gut geht.

Zwischen „Blaumachen“ und Burnout: Julia Stroj überprüft sechs Behauptungen über Krankenstände auf ihren Wahrheitsgehalt. | © Markus Zahradnik

Mythos 3: „Viele Krankenstände werden nur vorgetäuscht.“

Stroj: Anders als wirtschaftsnahe Interessenvertretungen behaupten, sind laut dem Arbeitsklima Index der AK Oberösterreich 65 Prozent der befragten Beschäftigten schon einmal krank zur Arbeit gegangen. Diese Zahl passt schlecht zur Behauptung, Arbeitnehmer:innen würden häufig „blau” machen. Arbeitgeber:innen können bereits ab dem ersten Tag des Krankenstands ein ärztliches Attest verlangen. Ob jemand arbeitsfähig ist, entscheiden Ärzt:innen – und nicht die Beschäftigten und schon gar nicht der Arbeitgeber.

Mythos 4: „Die meisten Krankenstände entstehen, weil sich Beschäftigte mit einem Krankenstand das Wochenende verlängern.“

Stroj: Nein, die meisten Krankenstandstage entstehen nicht durch kurze Fehlzeiten rund um das Wochenende, sondern durch sehr lange Krankenstände. Dahinter stehen vor allem drei Ursachen: Unfälle, Muskel- und Skeletterkrankungen sowie psychische Erkrankungen. Arbeitsunfälle nehmen glücklicherweise seit den 1970er-Jahren ab, nicht zuletzt dank besserer Prävention und Arbeitnehmer:innenschutz. Bei Muskel- und Skeletterkrankungen gibt es dagegen starken Nachholbedarf. Viele Beschwerden entstehen durch schweres Heben und Tragen. Trotzdem werden solche Erkrankungen nicht als Berufskrankheit anerkannt. Zudem fehlen klare gesetzliche Regeln, die festlegen, wann und unter welchen Bedingungen Lasten gehoben werden dürfen. Die dritte große Ursache sind psychische Erkrankungen. Sie führen oft zu langen Ausfallzeiten. Deshalb sind mehr Maßnahmen gegen Burnout und Erschöpfungsdepressionen notwendig.

Mythos 5: „Wer sich dauernd krankschreiben lässt, schadet den Kolleg:innen.“

Stroj: Laut Arbeitsklima Index gehen die meisten eher krank arbeiten, weil sie unter anderem ihre Kolleg:innen nicht im Stich lassen wollen. Da wird schlechtes Personalmanagement auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen, weil Dinge nicht liegen bleiben können, oder Kolleg:innen dann doppelt arbeiten müssen. Für die Genesung ist es jedoch wichtig, mit gutem Gewissen zu Hause bleiben zu können.

Krankenstände bekämpft man nicht, indem man Beschäftigte unter Generalverdacht stellt. Entscheidend ist, was Menschen krank macht: hoher Arbeitsdruck, Personalmangel und schlechte Arbeitsbedingungen.

Prävention statt Druck. Gesundheit statt Misstrauen.

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— ÖGB (@oegb.bsky.social) 13. August 2026 um 11:22

Mythos 6: „Die steigende Zahl psychischer Krankenstände hat nichts mit der Arbeitswelt zu tun.“

Stroj: Im Jahr 1994 entfielen drei Prozent der Krankenstandsdiagnosen auf psychische Erkrankungen. Bis 2025 hat sich dieser Anteil fast vervierfacht. Das liegt nicht nur daran, dass psychische Erkrankungen heute stärker wahrgenommen werden. Viele Beschäftigte stehen unter zunehmendem Druck. Arbeitsverdichtung und steigende Anforderungen hinterlassen Spuren und können krank machen.

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Über den/die Autor:in

Greta Stampfer

Greta Stampfer hat Publizistik sowie Zeitgeschichte und Medien studiert und arbeitete seit 2014 als freie Journalistin. Seit 2023 ist sie Head of Digital von Arbeit&Wirtschaft.

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