Die österreichische Regierung hat sich den Ausbau der Finanzbildung längst auf die eigene Agenda gesetzt. Die Nationale Finanzbildungsstrategie läuft seit 2021, bis 2026 sieht er unter anderem die Einführung von Finanzbildung als verpflichtendes fächerübergreifendes Thema an Schulen in allen Schulstufen und Schultypen vor. Das ist erst in einem Bruchteil der Schulen passiert – und zwar in wirtschaftskundlichen Realgymnasien. Ein Ausbau ist in Planung.
Wunsch nach Finanzbildung
Dabei ist die Nachfrage da. Bei der Ö3-Jugendstudie 2026 gaben 83 Prozent aller Teilnehmenden zwischen 16 und 25 Jahren an, dass sie sich das Schulfach Finanzbildung wünschen würden. Es ist damit das meistgewünschte Schulfach. Und auch der YEP-Jugendbericht 2026, an dem mehr als 1.800 Jugendliche teilgenommen haben, zeigt: 45 Prozent der Jugendlichen fühlen sich durch Geldthemen belastet. Und gerade Online-Betrüger:innen macht ihnen Sorgen: 71 Prozent der Jugendlichen sehen eine hohe Gefahr, sich durch Online-Bezahldienste zu verschulden. Ein Drittel der Jugendlichen aus finanziell weniger abgesicherten Haushalten gibt sogar an, dass ihnen regelmäßig Geld für grundlegende Bedürfnisse fehlt – deutlich mehr als bei Gleichaltrigen aus finanziell stabileren Haushalten.
Wo die Lücken sind
Das Wissen über Finanzen klafft also auseinander – nicht nur bei Jugendlichen. Das zeigte schon 2015 eine Studie der WU, die Bettina Fuhrmann, Professorin für Wirtschaftspädagogik, mit rund 2.000 Befragten durchführte. Besonders betroffen: Menschen mit niedrigem Bildungsstand und geringem Einkommen, sehr junge und sehr alte Personen sowie Frauen. Die Studie liefert außerdem erste Hinweise darauf, dass höheres Finanzwissen mit besserem Finanzverhalten direkt zusammenhängt, etwa bei der Rücklagenbildung oder dem gezielten Vergleich von Finanzprodukten.
Gleichzeitig sehen wir aber zum Beispiel hohe Wachstumsraten bei Konsumkrediten, eine steigende Zahl von Schuldenproblemen und Opfern von Finanzbetrug..
Bettina Fuhrmann,Professorin für Wirtschaftspädagogik
Die Wissenschaftlerin beschäftigt sich seit Jahren mit der Frage, wo die Lücken am größten sind. Beim reinen Wissen über Zinsen, Inflation und Risikostreuung schneiden die Erwachsenen in Österreich im internationalen Vergleich gut ab, sagt sie. „Gleichzeitig sehen wir aber zum Beispiel hohe Wachstumsraten bei Konsumkrediten, eine steigende Zahl von Schuldenproblemen und Opfern von Finanzbetrug.“ Das Wissen allein greife bei der Bewältigung finanzieller Herausforderungen zu kurz.
Einkommensunterschiede
Wer wenig verdient, ist auch elf Jahre nach Fuhrmanns Studie dabei doppelt im Nachteil. „Wir sehen, dass ein geringes Einkommen häufig mit einem niedrigeren Niveau an finanzieller Bildung und mit höherer finanzieller Vulnerabilität einhergeht“, erklärt Fuhrmann. Menschen in unteren Einkommensgruppen hätten nicht nur ein geringeres Finanzwissen, sondern seien oft zusätzlich belastet – durch prekäre Beschäftigung oder eingeschränkten Zugang zu digitalen Informationskanälen. Genau das mache es schwer, sie mit klassischen Finanzbildungsangeboten überhaupt zu erreichen.
Eine Frage des Geschlechts
Auch das Geschlecht macht einen Unterschied. Laut einem Bericht der Österreichischen Nationalbank (OeNB) aus dem Jahr 2023 ist das Finanzwissen von Frauen um 8,4 Prozent geringer als das von Männern. Und dieser Abstand hat sich trotz allgemein gestiegenem Wissensniveau nicht verringert. Besonders ausgeprägt ist er zu jungen Frauen. Eine aktuelle Studie von Erste Bank und Sparkassen zum Weltfrauentag 2026 zeigt: Nur 42 Prozent der Frauen interessieren sich für Finanzthemen (Männer: 62 Prozent). Jede dritte Frau schätzt ihr eigenes Finanzwissen als gering ein – mehr als doppelt so viele wie bei den Männern. Und nur 15 Prozent der Frauen besitzen Aktien oder Investmentfonds, bei den Männern sind es 28 Prozent (OeNB, 2023).
Fuhrmann beobachtet hinter diesen Zahlen auch eine Frage des Selbstvertrauens. Frauen beantworteten bei Finanzwissenstests signifikant weniger Fragen richtig als Männer. Sie sagt: „Sie vertrauen ihrem Wissen weniger und geben daher häufiger die Antwort ‚ich weiß es nicht‘, als zu raten“. Hinzu komme, dass Frauen im Schnitt weniger Einkommen zur Verfügung hätten, deshalb geringere Beträge sparen und seltener investieren würden, „obwohl Frauen bei der Kapitalanlage oft bessere Renditen erzielen“. In vielen Partnerschaften würden sie sich bei Investitions- und Finanzierungsentscheidungen auf den Partner verlassen und sich auf das Haushaltsbudget konzentrieren.
🔐 #GenerationenGemeinsamSicher bringt junge & ältere Menschen zusammen, um sie für sicheres Online-Bezahlen & Betrugsmaschen zu sensibilisieren.
Ein gemeinsames Projekt von @innenministerium.bsky.social & #OeNB.
🔗 https://bit.ly/3RKXp0F
#Finanzbildung #Prävention
— Oesterreichische Nationalbank (@oenb.at) 8. Juni 2026 um 16:53
Finanzbildung in jeder Lebenslage
Was bräuchte es, um diese Lücken zu schließen? Finanzielle Themen begleiten uns ein Leben lang, sagt Fuhrmann – entsprechend sollte Finanzbildung „auf allen Ebenen des Bildungssystems in allen Schultypen einen fixen Platz haben“. Daneben brauche es öffentlich zugängliche Veranstaltungen und Seminare. Auch Arbeitgeber:innen könnten die Finanzbildung ihrer Mitarbeitenden fördern. Wer auch außerhalb der Schule mehr erfahren möchte, kann das beispielsweise über das Finanznavi des Bundesministeriums für Finanzen und der Oesterreichische Nationalbank tun. Ziel des Online-Portals ist es, Orientierung in wichtigen finanziellen Lebensfragen zu geben. Auch an vielen Volkshochschulen werden Kurse angeboten – teils speziell für Frauen und Jugendlichen.