„Mit Gesundheit lässt sich gut Profit machen“

Korinna Schumann, geboren 1966 in Wien, arbeitete seit 1989 im Sozialministerium und wurde kurz darauf Teil der Personalvertretung. Bevor sie 2025 in die Regierung wechselte, war sie u. a. Präsidentin des Bundesrates (2022), Bundesfrauenvorsitzende sowie Vizepräsidentin des ÖGB (beides seit 2018). | © Markus Zahradnik
Korinna Schumann, geboren 1966 in Wien, arbeitete seit 1989 im Sozialministerium und wurde kurz darauf Teil der Personalvertretung. Bevor sie 2025 in die Regierung wechselte, war sie u. a. Präsidentin des Bundesrates (2022), Bundesfrauenvorsitzende sowie Vizepräsidentin des ÖGB (beides seit 2018). | © Markus Zahradnik
Bundesministerin Korinna Schumann (SPÖ) betont im Interview die Vorzüge des öffentlichen, solidarischen Gesundheitssystems – und dass die Regierung Privatisierungen zurückdrängen wird.
Zwei Begriffe, die Gesundheitsministerin Korinna Schumann oft erwähnt, sind zwar sperrig, haben es aber in sich: Gesundheitsreformfonds und Primärversorgungseinheiten (PVEs). Ersterer soll die Lösung sein, wenn man in Zeiten, in denen Österreich sparen muss, dennoch in das öffentliche Gesundheitswesen investieren will. 500 Millionen Euro jährlich stehen zur Verfügung, Einnahmen der Krankenversicherung werden dafür zweckgebunden umgeleitet. Fließen soll Geld dabei nicht zuletzt in den Ausbau der PVEs, in denen Allgemeinmediziner:innen mit weiteren Gesundheitsberufen zusammenarbeiten. Ziel ist es, die Spitäler und Ordinationen zu entlasten. Kann so die Mammutaufgabe gelingen, das Gesundheitssystem zu modernisieren und Versorgungslücken zu schließen? Wir haben nachgefragt.

Arbeit&Wirtschaft: Lange Wartezeiten auf Operationen, Ärzt:innen, die nur noch privat ordinieren – viele Menschen finden, das System krankt. Was funktioniert da nicht, und wie kann man es reparieren?

Korinna Schumann: Wir haben ein gutes, starkes öffentliches Gesundheitssystem. Es ist dringend notwendig, dass man es stabilisiert und in die Zukunft bringt. Wir haben eine Menge Herausforderungen, beispielsweise die demografische Entwicklung. Mein Ziel ist es, dieses öffentliche, solidarische Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten und das Vertrauen der Menschen in selbiges wiederherzustellen.

Stichwort Demografie: Wir haben eine alternde Bevölkerung und eine sinkende Zahl von Erwerbstätigen. Dazu steht Österreich unter Spardruck. Wie kann sich das ausgehen?

Man kann schon Dinge bewegen. Und das machen wir jetzt durch die Reformpartnerschaft – Bund, Länder, Gemeinden, Städte und Sozialversicherung gemeinsam. Es geht darum, Synergien zu nutzen und Doppelgleisigkeiten zu vermeiden.

Korinna Schumann
Mit einem Fonds und zusätzlichen 500 Millionen Euro pro Jahr will Gesundheitsministerin Korinna Schumann das öffentliche Gesundheitswesen stabilisieren. | © Markus Zahradnik

Wie kann man dabei sicherstellen, dass Innovationen nicht dem Sparstift zum Opfer fallen?

Innovationen sind der Treiber für eine Reform. Medizin wird immer digitaler, es wird mehr und mehr KI verwendet. Da gilt es zu modernisieren, Stichwort ELGA und Telemedizin.

Wie groß ist der Faktor Stimmungsmache, also dass private Anbieter und Konzerne das öffentliche Gesundheitswesen schlechtreden?

Groß! Also man muss immer schauen, von wem veröffentlichte Zahlen und Fakten stammen, wer Studien gemacht hat. Da sind oft die Interessenlagen jener vertreten, die Geschäfte mit der Gesundheit machen möchten. Weil: Mit Gesundheit lässt sich gut Profit machen. Jeder Mensch möchte geheilt werden, gesund sein. Die Privatisierungstendenzen zurückzudrängen muss die Aufgabe dieser Bundesregierung sein: Wir haben eine Versorgungsanalyse durchgeführt, die bis Ende April fertig ist. Darauf aufbauend werden wir handeln.

Die Regierungskoalition besteht aus drei sehr unterschiedlichen Parteien, die teils sehr arbeitgeber:innenfreundlich sind. Macht es das schwierig?

Die Interessenlagen sind oftmals verschieden. Aber wir haben vor über 70 Jahren mit dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz ein Versprechen abgegeben – das eines solidarischen öffentlichen Gesundheitssystems, das Menschen unabhängig davon versorgt, wie viel sie im Geldbörserl haben, wie alt sie sind oder wo sie wohnen. Dieses Versprechen gilt es zu halten. In anderen Staaten, etwa den USA, kann man sehen, welche Belastungen auf Menschen zukommen, die bei Behandlungen und Operationen nicht abgesichert sind. Das würde unser Land auch im gesamten Sozialgefüge stark belasten.

Wir haben mit dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz das Versprechen eines solidarischen öffentlichen Gesundheitssystems abgegeben – dieses gilt es zu halten.

Korinna Schumann, Gesundheitsministerin

Aber was können Sie konkret machen, um diese schleichende Privatisierung umzukehren? Wir haben nur um 0,4 Prozent mehr Kassenärzt:innen als im Jahr 2000, aber fast 150 Prozent mehr Wahlärzt:innen.

Wir haben den Gesundheitsreformfonds mit 500 Millionen Euro. Der kann etwas bewirken. Eine der Zielrichtungen sind PVEs, Primärversorgungseinheiten, die wir intensiv ausbauen. Die sind in den Versorgungsstrukturen wesentlich, auch im ländlichen Bereich. Allgemeinärzt:innen können sich zusammentun und nichtärztliche Berufe wie Sozialberatung oder Pflegeberatung dazunehmen. PVEs sind das Zukunftsmodell – als Ergänzung zum niedergelassenen Bereich.

Und die anderen Zielrichtungen für den Fonds?

Ausbau der Prävention und Vorsorge: Das beginnt bei Kindern und Jugendlichen. Beim mittleren Alter geht es darum, zielgerichtete Vorsorgeuntersuchungen anzubieten. Dazu kommt der Ausbau von Pflege und Therapie – eben auch in PVEs.

Wo steht man in der Aushandlung eines Gesamtvertrags für Ärzt:innen mit der ÖGK? Der Rechnungshof hat sich diesbezüglich für eine Entmachtung der Länderkammern ausgesprochen. Was sagen Sie dazu?

Ich richte keiner Kammer medial aus, dass sie entmachtet werden soll. Ich komme aus der Gewerkschaft, aus der Sozialpartnerschaft. Da redet man miteinander, findet Lösungen. Allen Beteiligten ist klar, dass jetzt etwas passieren muss.

Korinna Schumann
„Wir haben vor über 70 Jahren mit dem Allgemeinen Sozialversicherungsgesetz ein Versprechen abgegeben – das eines solidarischen öffentlichen Gesundheitssystems, das Menschen unabhängig davon versorgt, wie viel sie im Geldbörserl haben, wie alt sie sind oder wo sie wohnen.“ | © Markus Zahradnik

2018 gab es unter der ÖVP-FPÖ-Regierung die Kassenfusion samt angekündigter Patient:innenmilliarde. Sie brachte dann aber sogar höhere Kosten. Wie viel Vertrauen in der Bevölkerung wurde damit verspielt?

Sehr viel. Das zeigt, wie man eine Reform nicht machen sollte. Wenn ich diese nur mit der Prämisse der Entmachtung eines Teils der Selbstverwaltung durchführe, kann das nicht funktionieren. Im Regierungsprogramm steht die Evaluierung der Sozialversicherungsreform. Die Patient:innenmilliarde war ein Marketingschmäh, das war unanständig. Man hat mit allen Mitteln versucht, das umzusetzen, etwa behauptet, dass die Funktionär:innen so viel Geld für ihre Tätigkeit bekommen würden. Dabei haben sie nur geringe Sitzungsgelder erhalten. Das hat sicher nicht dazu beigetragen, das Vertrauen in unser Sozialversicherungssystem auszubauen.

Wie kann man dieses Vertrauen stärken? Muss man mehr kommunizieren, was funktioniert?

Ja, das muss man. Aber eines ist auch klar: Was mit mir nicht kommen wird, ist eine öffentliche Basisversorgung, bei der der Rest zuzukaufen ist – etwa wie für Asylwerber:innen diskutiert. Damit bringt man das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz ins Wanken. Denn: Wer ist nach den Asylwerber:innen die nächste Gruppe, die nur eine Basisversorgung erhält? Das ist ein gefährlicher Vorstoß.

Frauen müssen bereits jetzt oftmals private Leistungen in Anspruch nehmen, weil die öffentliche Versorgung fehlt.

Wir werden in diesem PVE-Ausbau auch Frauengesundheitszentren ermöglichen. Grundsätzlich brauchen wir einen Gesamtblick auf die Frauengesundheit mit all ihren Komponenten.

Was heißt das konkret?

Wir gehen zwei Schwerpunkte an: Das eine ist die Unterleibserkrankung Endometriose, die lange totgeschwiegen wurde. Das andere sind die Wechseljahre. Man kann nicht sagen, dass Frauen länger in Beschäftigung bleiben sollen, ohne zu berücksichtigen, dass diese Phase für sie belastend ist. Wir wissen aus Studien, dass Frauen in den Wechseljahren oftmals Arbeitszeit reduzieren oder aus dem Arbeitsleben ausscheiden, etwa als Folge von Depressionen. Unser öffentliches Gesundheitssystem muss ihnen Angebote machen, auch weil das Interesse jener im privaten Bereich, die auf Gewinn aus sind, da sehr groß ist.

Thema Gesundheit am Arbeitsplatz: Nur 57 Prozent der älteren Beschäftigten gaben laut Arbeitsklima-Index 2023 an, dass sie in ihrem jetzigen Beruf bis 65 arbeiten können – aufgrund von Belastung, Stress, Gesundheitsproblemen.

Der Obstkorb in der Firma allein wird nicht reichen. Wir brauchen Arbeitsplätze, an denen man gesund älter werden kann – umso mehr, als der Ruf nach einem höheren Pensionsantrittsalter lauter wird. Es gab in der Historie Phasen, in denen man sich stark mit dem Thema altersgerechte Arbeitsplätze auseinandergesetzt hat. Das müssen wir dringend wieder machen – zusätzlich aus dem Blickwinkel heraus, dass wir einen Fachkräftebedarf haben. Auch die Unternehmen sollten daran interessiert sein.

Verlässliche Versorgung, Frauengesundheit und Arbeitsplätze, die gesundes Altern ermöglichen, sind Korinna Schumann ein Anliegen. | © Markus Zahradnik

Das wirkt derzeit nicht so: In Sachen Arbeiten im Alter wurde von verschiedener Seite, auch der WKO, der Vorschlag von AK-Präsidentin Renate Anderl, ein Bonus-Malus-System einzuführen, sofort abgelehnt. Firmen würden dabei je nach Beschäftigungsquote belohnt bzw. sanktioniert werden.

Das Bonus-Malus-System steht nicht im Regierungsprogramm. Ich finde es dennoch nicht uninteressant. Wir monitoren seit August 2025 die Beschäftigung Älterer in verschiedenen Branchen und Alterskohorten. Auf unserer Website sieht man, wie viele Arbeitnehmer:innen zum Beispiel ab 60 Jahren in unterschiedlichen Branchen beschäftigt sind. Die Arbeiterkammer hat auch immer darauf hingewiesen, wie gering die Quoten sind. Das sollte ein Weckruf für Unternehmen sein.

Wie kann man in Pflegeberufen die Belastung reduzieren?

Die Arbeitsbedingungen und die Planbarkeit der Dienste sind zentral. Durch fehlendes Personal sind Mitarbeiter:innen wesentlich mehr unter Druck. Also müssen wir mehr Menschen in dieses Berufsfeld bekommen. Maßnahmen, wie den Pflegebonus zu streichen [die Salzburger ÖVP-FPÖ-Landesregierung plante dies ursprünglich und ruderte nach Kritik zurück, Anm. d. Red.], tragen sicher nicht dazu bei, dieser Gruppe die verdiente Wertschätzung zu vermitteln. Für uns war es wichtig, hier ein Zeichen des Respekts zu setzen. Und das haben wir gemacht, indem wir die Pflege in die Schwerarbeit aufgenommen haben.

Der Bundesregierung wird nach rund einem Jahr im Amt attestiert, dass sie konstruktiv zusammenarbeitet. Kritisiert wird aber, z. B. vom Politologen Thomas Hofer, dass eine gemeinsame Erzählung fehlt, um die Menschen auch emotional abzuholen. Wie kann das gelingen?

Das kommt jetzt in der nächsten Phase. Zuerst galt es aufzuräumen und zu stabilisieren – in einer Budgetlage, die wirklich desaströs war. Im nächsten Schritt sind wir alle aufgerufen, Reformen auf den Weg zu bringen – sei es die Sozialhilfe neu, die Gesundheitsreform oder die Reform des Reha-Geldes usw. Aber es ist uns schon eine Menge gelungen. Die verpflichtende Meldung der Arbeitszeit war ein wichtiger Schritt, ebenso das Einbeziehen der freien Dienstnehmer:innen in die Kollektivverträge oder der Arzneimittelkostendeckel.

Eine wichtige Unterschrift für die Zukunft unseres Gesundheitssystems: Mit dem Gesundheitsreformfonds investieren wir 500 Millionen Euro jährlich in den Ausbau von Primärversorgungseinheiten, mehr Präventionsangebote, ein stärkerer Fokus auf Frauengesundheit & eine Digitalisierungsoffensive. [image or embed]

— Korinna Schumann (@schumannkorinna.bsky.social) 27. März 2026 um 11:17

Wie geht es Ihnen persönlich mit dem Rollenwechsel rein in die Regierung? Verspürt man Druck, gerade bei so Mammutaufgaben?

Ich habe ja 30 Jahre lang im Sozialministerium gearbeitet. Das heißt, das Haus und die hohe Qualität der Arbeit der Menschen hier waren mir bekannt. Dass große Brocken anstehen, wissen wir alle. Aber im Zusammenwirken aller, die wissen, dass man Dinge jetzt voranbringen muss, kann einiges gelingen.

Kann man das in manchen Momenten auch genießen?

Ich habe ein großartiges Team. Alle sind enorm bemüht, etwas weiterzubringen. Und wenn dann etwas gelingt, dann freut man sich schon.

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Über den/die Autor:in

Richard Solder

Richard Solder ist Arbeit&Wirtschaft-Chefredakteur. Davor leitete er die Redaktion des Magazins "Südwind". Journalistische Praxis sammelte er bei der Wiener Zeitung und als freier Journalist, u.a. für Gewerkschaftsmedien. Als externer Lehrbeauftragter gibt er sein Wissen an Studierende des Publizistik-Instituts der Universität Wien weiter, an dem er selbst auch studierte.

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