Noch vor wenigen Jahren galten Klimaziele, Nachhaltigkeitsberichte und grüne Visionen in vielen Unternehmen als selbstverständlich; Firmen veröffentlichten Selbstverpflichtungen, Staaten legten ehrgeizige Etappenziele fest. Inzwischen hat sich der Ton verändert. Klimaschutz wird in erster Linie von Regierungen wieder als Kostenfaktor betrachtet, als Belastung, als Thema, das man angesichts von Inflation, geopolitischen Krisen und gesellschaftlicher Polarisierung hintanstellen kann. Für Betriebe bedeutet das weniger regulatorischen Druck – aber auch weniger Verpflichtung und langfristige Orientierung. Umso bedeutsamer ist das Engagement von Einzelpersonen – und Betriebsrät:innen.
Jetzt erst recht!
Die Liste der klimaschonenden Maßnahmen, die Sauer und Wepner inzwischen am AIT umgesetzt haben, ist lang: Neben dem Eingangsbereich des Wiener Standorts befindet sich heute eine Wien-Mobil-Radstation. In den Stockwerken stehen Körbe mit regionalem Obst bereit. In der Kantine gibt es täglich zumindest ein vegetarisches Gericht. Zwei Betriebsfahrräder stehen für kurze Wege zur Verfügung, etwa zur Apotheke oder zum Supermarkt. Eine betriebsinterne Mitfahrbörse wurde schon vor einiger Zeit etabliert. Doch all das ist Ergebnis jahrelanger Aushandlungsprozesse. Gelebte Nachhaltigkeit beginnt in Betrieben oft mit kleinen Fragen: Was wird eingekauft? Woher kommt der Strom? Wie kommen Menschen zur Arbeit? Der Betriebsrat kann dabei Ideen bündeln, in konkrete Projekte übersetzen und sie in eine Sprache bringen, die sowohl für die Belegschaft als auch für die Geschäftsführung anschlussfähig ist.

Betriebsrat und Klimaschutz
Auch wenn der Kontext, in dem solche Aushandlungen stattfinden, auf allen Ebenen rauer geworden ist: „An der Problemlage hat sich nichts geändert, weder beim Klimawandel noch beim Biodiversitätsverlust, beim Flächenverbrauch oder bei den Emissionen“, sagt André Martinuzzi, Leiter des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Es sei eine Frage von Risiko, Innovation und Stabilität, sich darum zu kümmern, so Martinuzzi. „Der Quartalsbericht ist zwar näher als die nächsten zehn Jahre. Aber wer sich jetzt nur nach dem Wind dreht, trifft schlechte Entscheidungen.“ Dabei würden Unternehmen über zahlreiche Stellschrauben verfügen, um Emissionen zu senken und den Ressourcenverbrauch zu reduzieren, sagt Martinuzzi – ganz unabhängig davon, wie ambitioniert die Politik gerade sei.
Doch dafür braucht es Akteur:innen, die Themen antreiben, die früher von außen kamen – durch Gesetze, Berichtspflichten oder öffentliche Erwartungen. Betriebsrät:innen können in dieser Situation eine Scharnierfunktion einnehmen. Sie können Vorschläge einfordern, bündeln und institutionalisieren, etwa über Betriebsvereinbarungen, interne Leitlinien oder Budgetentscheidungen.
Beteiligung als Schlüssel
Unterstützung finden sie dabei unter anderem beim Klimabüro des ÖGB. Dieses stellt auch einen sogenannten Klima-Werkzeugkoffer bereit: eine Anleitung mit Tipps und Best-Practice-Beispielen für Betriebsrät:innen und Personalvertretungen, die den eigenen Betrieb nachhaltiger gestalten wollen. Außerdem vergibt es zusammen mit der AK Wien den sogenannten Transformationspreis, mit dem innovative Projekte ausgezeichnet werden. Zuletzt hat ihn die Energiegemeinschaft „Robin Powerhood“ gewonnen, bei der Unternehmen sowie Privathaushalte Stromüberschüsse an Menschen spenden, die von Energiearmut betroffen sind.

Auch am AIT ist Nachhaltigkeit kein Selbstläufer. Wichtig sei, sowohl Mitarbeiter:innen als auch Geschäftsführung mit an Bord zu holen. Ein zentrales Instrument dafür sind Beteiligungsformate. So wurde am AIT vor vier Jahren eine Mobilitätsumfrage zum Arbeitsweg der Mitarbeiter:innen gestartet. Das Ergebnis: An den Standorten Seibersdorf, Graz, Klagenfurt und Ranshofen nutzen die meisten dafür das Auto. Aber es zeigte sich auch eine Bereitschaft für Alternativen, wenn sie denn praktikabel sind.
Klimaschutz und Betriebsrat: Überzeugungsarbeit leisten
Um weitere Ideen zu sammeln, richteten Sauer und Wepner ein digitales Ideenboard ein. Dort konnten Mitarbeitende Vorschläge einbringen: zu Arbeitswegen, Dienstreisen, Energieverbrauch oder Büroorganisation. Aus den Rückmeldungen und den daraus folgenden Gesprächen entstanden zahlreiche Initiativen, und die Geschäftsführung übernahm die Kosten: von der Einrichtung der Wien-Mobil-Radstation über einen jährlichen Fahrradcheck bis hin zur teilweisen Erstattung des Klimatickets bei Dienstreisen. Maßnahmen wie etwa Veranstaltungen nach Green-Event-Kriterien seien dabei doppelt effektiv, sagt Wepner: „Das hat auch eine Außenwirkung, etwa auf Geschäftspartner:innen, die zu Besuch kommen.“ Und das überzeuge dann auch Geschäftsführungen, für manche Maßnahmen und Produkte etwas mehr Budget freizugeben.
Besonders beliebt bei den Kolleg:innen sei der jährliche „Pflanzenumtopftag“. Interessierte bringen ihre Zimmerpflanzen, der Betriebsrat stellt Erde und Töpfe bereit, und dann wird zusammen umgepflanzt. „Auch das ist Bewusstseinsbildung“, sagt die gelernte Biologin Sauer. Das seien alles keine großen Würfe, doch sie würden zeigen: Man kann etwas bewegen.
Zwischen Einfluss und Grenzen
Das sehe man auch in den Biotechnologie-Laboren des AIT. Mitarbeitende hinterfragten dort den hohen Energie- und Ressourcenverbrauch ihrer Arbeitsplätze. Tiefkühlsysteme laufen rund um die Uhr, Einwegplastik ist Standard. Heute wird das Plastik sortenrein gesammelt und von einem Verein abgeholt, der es recycelt. Wo es möglich war, wurden Lagertemperaturen von RNA-Proben von –80 auf –70 Grad erhöht. Schaltbare Steckdosenleisten reduzieren den Stand-by-Verbrauch. „Das sind Initiativen, die von den Leuten selbst kommen“, erzählt Sauer. „Und genau deshalb funktionieren sie.“
Doch reicht das? „Natürlich wissen wir, dass das nur Tropfen auf dem heißen Stein sind“, sagt Sauer. Das Engagement stoße auch an seine Grenzen. Größere Hebel – etwa flächendeckende Jobtickets für den öffentlichen Verkehr oder verbindliche Dienstreiserichtlinien für mehr Zug statt Flugzeug – hängen von Budgets, steuerlichen Rahmenbedingungen und Infrastruktur ab. Bahnreisen dauern oft länger als Flüge und lassen sich nicht immer in Projektbudgets unterbringen.
Kleine Schritte
„Man muss akzeptieren, dass nicht alles gleichzeitig geht“, sagt Sauer. Nichts zu tun sei aber auch keine Option. Kollegin Wepner spricht von einer „kleinen Rebellion“ – gegen den Rückzug und gegen das Warten auf bessere politische Zeiten. „Wenn man das System mit dem Brecheisen ändern will, scheitert man sowieso. Aber kleine Schritte halten das Thema offen.“
Nach massivem Lobbying der Wirtschaft schwächt der EU-Rechtsausschuss das #Lieferkettengesetz. @wolfgangk.bsky.social: „Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie Konzerne ihre Wunschliste abarbeiten – ohne Rücksicht auf Beschäftigte, Klima und Menschenrechte.“
— ÖGB (@oegb.bsky.social) 15. Oktober 2025 um 16:15
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Es ist mittlerweile Mittag am AIT-Standort in Wien. Mitarbeiter:innen gehen an den Wiesenflächen neben dem Gebäude vorbei zu ihren Fahrrädern. Die Maßnahmen, die Ursula Sauer und Beatrix Wepner gemeinsam mit Belegschaft und Geschäftsführung bereits umgesetzt haben, wirken im Gesamtbild. Und sie zeigen, welche Rolle Betriebsrät:innen spielen können, wenn politische Leitplanken schwächer werden: als Akteur:innen, die Themen im Betrieb halten, übersetzen und verankern – und dafür sorgen, dass Klimaschutz nicht einfach verschwindet, nur weil der Rückenwind nachlässt.
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