„Kinder verstehen Ungerechtigkeit oft schneller als Erwachsene“

Ein Kind liest ein Buch.
Warum drucken wir nicht einfach mehr Geld? Die Autorin und Journalistin Saskia Hödl erklärt große Wirtschaftsfragen so, dass Kinder sie verstehen. | © Emanuele Capoferri
Kinder stellen oft die vermeintlich einfachsten und zugleich unbequemsten Fragen – auch zu Geld, Arbeit und Gerechtigkeit. Saskia Hödl hat daraus ein Kinderbuch gemacht.
Warum ist die Welt eigentlich so unglaublich kompliziert? Und warum lassen sich die einfachen Ideen, die Kinder haben, nicht so einfach umsetzen? Die Autorin und Journalistin Saskia Hödl greift in ihrem neuen Kinderbuch die großen Fragen der Kleinsten auf und zeigt, was hinter Geld, Arbeit und Ungleichheit steckt.

Saskia Hödl
ist freie Journalistin, Kolumnistin und Kinderbuchautorin. Sie arbeitet u. a. für DIE ZEIT, der Freitag und die taz. Ihr erstes Kindersachbuch „Steck mal in meiner Haut“ (EMF 2022) wurde zum Bestseller. Sie unterrichtet Journalismus und gibt Workshops zum Thema Diversität in Medien.

Wie ist die Idee zu deinem Buch „Wieso drucken wir nicht einfach mehr Geld?“ entstanden?

Saskia Hödl: Angefangen hat es damit, dass mein ältester Sohn mit vier Jahren gefragt hat, warum ich so viel arbeiten muss. Er hat nicht verstanden, warum ich fünf Tage die Woche weg bin und das Wochenende nur zwei Tage hat. Er hatte auch ganz viele Fragen rund ums Geld: Wo liegt es? Wie kommt es von einem Ort zum anderen? Und wie entsteht es überhaupt? Irgendwann kam dann die Frage: Warum produziert man nicht einfach mehr Geld, wenn man mehr braucht? Seine Lösung war pragmatisch: „Mama, komm, wir haben doch einen Kopierer.“

Ich habe dann lange nach einem passenden Buch gesucht, war aber ziemlich enttäuscht von dem, was ich gefunden habe. Die meisten Bücher waren im Grunde so eine Art „Finance-Bro“-Lektüre für Kinder, also nach dem Motto: wie werde ich reich, bevor ich acht bin. Was ich gesucht habe, war ein Buch, das einen Sachbuchanspruch hat und gleichzeitig einen kritischen, feministischen Blick auf Kapitalismus wirft und Alternativen aufzeigt. Also habe ich eines geschrieben.

Ab welchem Alter sollte man mit Kindern über diese Themen sprechen?

So früh wie möglich. Ich kann mich erinnern, dass wir als Kinder in der Schule rund um den Weltspartag den über Geld gesprochen haben. Finanzbildung sollte aber nicht nur von Banken vermittelt werden, die ihre Produkte verkaufen wollen.

Finanzbildung sollte aber
nicht nur von Banken vermittelt werden,
die ihre Produkte verkaufen wollen.

Saskia Hödl, Journalistin und Autorin

Deshalb war mir wichtig, dass dieses Buch viel erklärt, aber trotzdem einfach zu lesen ist und sowohl Kinder als auch Eltern dabei Spaß haben. Es eignet sich zum Nachschlagen und Blättern, manche Fragen sind für Vierjährige interessant, andere eher für Zehnjährige. Auch Erwachsene haben mir schon erzählt, dass sie es für sich gekauft haben.

Sie schneiden im Buch viele Themen an: Care-Arbeit, Vermögen, Steuern, Armut. Gab es bei der Recherche etwas, das Sie selbst überrascht hat?

Was mich sehr überrascht hat, war, wie wenig wir über Reichtum wissen und wie wenig wir wirklich über das Thema Ungleichheit sagen können. Die meisten Daten über Vermögen beruhen auf freiwilligen Befragungen oder Schätzungen. Und das ist ein Problem, denn über Dinge, zu denen es keine Daten gibt, kann man politisch und demokratisch kaum sinnvoll diskutieren.

Über Armut wissen wir hingegen sehr viel. Denn jeder Mensch, der Sozialhilfe oder andere Unterstützungen beantragt, muss komplett offenlegen, wie seine finanzielle Situation aussieht, einschließlich Kontoauszügen.

Im Buch vergleichen Sie Überreichtum mit einem Hund, der Unmengen an Knochen hortet. Warum empfinden wir das bei einem Hund komisch und bei Menschen nicht?

Ich glaube, weil wir es nicht begreifen können. Wir können uns einfach nicht vorstellen, wie viel Geld das eigentlich ist. Deshalb finde ich es wichtig, schon im Kindesalter darüber zu sprechen. Was bedeutet es eigentlich, wenn jemand unglaublich reich ist? Was bedeutet das für andere? Dabei geht es ja nicht um das Haus der Großmutter oder um kleinere Vermögen. Es geht um Beträge, die man sich kaum vorstellen kann. Wenn jemand über Nacht 90 Prozent seines Vermögens verlieren könnte und sich sein Alltag infolgedessen trotzdem kaum verändern würde, dann zeigt das, wie absurd diese Dimensionen sind. Kinder sind oft die ersten, die das verstehen.

Der österreichische Leykam-Verlag, in dem dein Buch erschienen ist, wird ab 2027 keine Literatur, Kinder- und populären Sachbücher mehr verlegen. Über diese Entscheidung regte sich Unmut. Wie stehen Sie dazu?

Das ist natürlich eine bittere Ironie: Mein Buch handelt von Geld und Ungleichheit und gleichzeitig schließt der Verlag, in dem es erscheint, die Publikumssparte aus finanziellen Gründen. Dabei hatte der Verlag hier sehr viele Bestseller.

Happy Releaseday to us!

Ja, noch erscheinen Bücher bei Leykam. Wir haben an dem hier seit 2024 gemeinsam gearbeitet. Die Idee für ein feministisches, kapitalismuskritisches Kindersachbuch habe ich davor schon jahrelang mit mir rumgetragen und vorsorglich die Fragen meiner Kinder dafür gesammelt.

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— Saskia Hödl (@saskiahoedl.bsky.social) 10. Februar 2026 um 11:17

Es stellt sich auch generell die Frage, welchen Stellenwert Literatur und besonders Kinderbücher haben. Wenn Banken gerettet werden müssen, geht das meist sehr schnell. Wenn dagegen die Literatur- und die Medienbranche bröckelt, schauen wir zu. Erfreulich ist aber, dass wir mit dem Buch nun bereits wenige Wochen nach Erscheinen in die zweite Auflage gehen.

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Über den/die Autor:in

Milena Österreicher

Milena Österreicher ist freie Journalistin und beschäftigt sich mit Menschenrechten, Gesellschaftsfragen, Feminismus und Zukunftsideen. Sie ist zudem Chefredakteurin des vierteljährlich erscheinenden „MO - Magazin für Menschenrechte” und Mitglied im FYI-Kollektiv.

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